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Zukunft des Turnens : Der nächste Salto geht nach Tokio

  • -Aktualisiert am

Carlos Edriel Yulo ist der erste Turner der Philippinen, der Weltmeister wurde. Bild: AFP

Olympia wird spannend: Das liegt zum einen an Russlands Turnern, die erstmals an einem Konkurrenten vorbeiziehen. Aber auch an einigen anderen Akteuren, die überraschen.

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          Die Zeit des Saltos ist nun erst mal wieder vorbei. Das Grundelement des Turnens hatte bei der Weltmeisterschaft in verschiedenen Varianten im Vordergrund gestanden: Sei es der Dreifachsalto rückwärts am Boden, die fast 7000 Salti, die im Rahmenprogramm auf dem Stuttgarter Schlossplatz vollendet wurden oder der Dreifachsalto als Abgang von den Ringen. Nicht zu vergessen – die Salti von Simone Biles. Der nächste Termin für ein Salti-Festival sind die Olympischen Spiele in Tokio. Dass es in Stuttgart allem voran um die Qualifikation für diese Wettbewerbe ging, geriet dieser Tage nicht selten aus dem Blick. Das lag auch daran, dass ein Gros der Turnerinnen und Turner, die in Stuttgart die blinkenden Medaillen umgehängt bekamen, bereits qualifiziert war.

          So die Männerteams aus Russland, China und Japan, die mit ihren Leistungen im Teamfinale Werbung für das Turnen machten. Schon danach hatte der Russe Artur Dalaloyan glaubhaft versichert, er sei „müde“. Zwei Tage später wurde er im spannendsten Wettbewerb dieser Titelkämpfe Zweiter im Mehrkampf hinter Teamkollege Nikita Nagorni, jenem Turner mit dem Dreifachsalto am Boden. Ausgerechnet auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Japan ist nun erstmals das russische Männerteam der asiatischen Konkurrenz überlegen.

          Dafür steht nicht nur das erste WM-Team-Gold für Russland, sondern vor allem die souveräne Art und Weise, in der die Athleten von Cheftrainer Andrej Rodionenko ihre Überlegenheit in der Qualifikation in allen Finalentscheidungen bestätigten. Russland war zuletzt 1996 Team-Olympiasieger, seitdem ging der Titel immer an China oder Japan. Dass es in Tokio hochspannende Wettbewerbe im Männerturnen geben wird, ist daher leicht vorherzusagen. Zahlreiche Spezialisten haben sich an den einzelnen Geräten empfohlen: Sei es Rhys McLenaghan, der am Samstag Silber am Pauschenpferd gewann, der neue Ringe-Weltmeister aus der Türkei Ibrahim Colak oder Carlos Edriel Yulo von den Philippinen, der als neuer Weltmeister auf der Bodenfläche faszinierte.

          Medaillenfrau: Simone Biles ist derzeit wohl das bekannteste Gesicht des Turnens.

          Als Morinari Watanabe, Präsident des Weltverbandes FIG, zum Abschluss erklärte, es seien „neue Stars aus neuen Ländern geboren“, bezog er sich auch auf diese drei, die allesamt die ersten WM-Medaillen ihres Landes gewannen und sich zudem für Tokio qualifizierten. Hier gäbe es interessante Geschichten zu erzählen: So trainiert Carlos Edriel Yulo seit 2016 in Tokio und hat hier nicht nur das Turnen, sondern auch Japanisch gelernt. Während sein Trainer ob der Goldmedaille weinend zusammenbrach, lächelte Yulo jungenhaft spitzbübisch. Er habe „innerlich geweint“, sagte der 19-Jährige später.

          19 Jahre, so alt ist auch Karim Rida, dem mit dem deutschen Männerteam in Stuttgart die Qualifikation für Tokio ebenso gelang wie den Frauen um Elisabeth Seitz, deren sechster Mehrkampfplatz die beste deutsche Plazierung bei dieser Weltmeisterschaft ist. Damit haben beide Teams ihr erklärtes Ziel erreicht, was nicht selbstverständlich war. Die deutschen Männer werden sich in Tokio tendenziell eher mit den Überraschungen aus Stuttgart, also den Teams aus Taiwan und Spanien, messen müssen als mit den Allerbesten. Die Frauen um Ulla Koch hingegen werden versuchen, ihr Ergebnis von Rio, den sechsten Platz im Team-Finale, zu wiederholen.

          Im Frauenturnen gab es keine Überraschungen. Hatte Simone Biles bei ihrem Comeback im vergangenen Jahr einen neuen Sprung präsentiert, den sie in Stuttgart nicht zeigte, sorgte sie nun mit zusätzlichen Schrauben am Boden für Aufregung. „Unsere Heldin Simone“, nannte Watanabe die Amerikanerin. Er hoffe, dass sie nach Tokio weitermache: „Wir brauchen Helden!“ So die Sicht des japanischen IOC-Mitglieds. Der amerikanische Verband dürfte zustimmen, sorgen Biles’ Ergebnisse doch dafür, dass über den Zustand des dortigen Frauenturnens im Jahr zwei nach Larry Nassar kaum gesprochen wird. Biles hat die Bandbreite dessen, was akrobatisch im Frauenturnen bislang möglich schien, erweitert.

          „Sie hat zweifellos ganz außergewöhnliche körperliche Fähigkeiten“, sagt Donatella Sacchi, Präsidentin des Technischen Komiteees der FIG. Doch ist der Abstand zum Rest der Welt, in Punkten betrachtet, nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Die gesteigerten Schwierigkeiten seien, so Sacchis Analyse, mit einem „leichten Verlust an Präzision“ einhergegangen. Doch selbst der Umstand, dass Biles kaum eine ihrer Bahnen mit einer korrekten Landung beendet, wird nichts daran ändern, dass sie auch in Tokio die Turnwettbewerbe dominieren wird, so sie denn antritt.

          Die Stuttgarter Weltmeisterschaft war die letzte ihrer Art. Zwar sagte Watanabe zum Abschluss, er sei „traurig, dass der letzte WM-Tag gekommen“ sei, aber auch er mag keine zehntägigen Veranstaltungen mehr. „Kürzer und attraktiver“ sollen sie werden, weshalb die FIG-Exekutive beschlossen hat, von 2021 an kontinentale Qualifikationswettbewerbe einzuführen.

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