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Rücktritt von Ashton Eaton : Der König ohne Volk dankt ab

Weltmeister mit Weltrekord: Doppel-Olympiasieger Ashton Eaton nach seinem fabelhaften Wettkampf 2015 in Peking Bild: dpa

Sein Bewegungstalent hat Ashton Eaton zum besten Zehnkämpfer gemacht, den die Welt je gesehen hat. Und doch blieb der kompletteste aller Leichtathleten stets ein großer Unbekannter. Nun sucht er neue Ziele – vielleicht auf dem Mars.

          Er hätte da mal eine Frage, sagte Ashton Eaton, als er in Rio de Janeiro nach seinem zweiten Olympiasieg rund hundert Journalisten gegenüber saß. „Wie können wir Zehnkampf interessanter machen? Wie können wir dafür sorgen, dass mehr Menschen zuschauen?“ Der 28 Jahre alte Amerikaner hat dem Wort vom König der Athleten eine neue Bedeutung gegeben; zwei Mal wurde er Weltmeister in dieser Disziplin, 2013 in Daegu und 2015 in Peking; zwei Mal wurde er Olympiasieger, 2012 in London und 2016 in Rio. Zwei Mal steigerte er den Weltrekord, zuletzt auf 9045 Punkte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und doch ist der kompletteste aller Leichtathleten der große Unbekannte seines Sports geblieben, ein König ohne Volk, wenn man von den eingeschworenen Fanatikern absieht, die zwei Wettkampftage lang jeden Wettbewerb und jeden Versuch verfolgen. Kein Vergleich jedenfalls zu den Millionen, deren Herzen Usain Bolt für dessen Sprints zuflogen, kein Vergleich auch zu den Millionen, die Bolt an Antrittsgeld und vor allem an Werbehonoraren einnimmt. Ein Star ist Eaton fast ausschließlich in Oregon an der amerikanischen Westküste, wo er in Bent aufgewachsen ist, wo er in Portland studierte und die Kanadierin Brianne Theisen kennenlernte, die seine Trainingspartnerin, Lebensgefährtin und Ehefrau wurde, wo er inzwischen in Eugene lebt und wo auch sein Sponsor Nike seinen Sitz hat.

          „Ich glaube, das ist inspirierend“

          Nun haben er und seine Frau – Brianne Theisen-Eaton wurde bei den Olympischen Spielen von Rio Dritte – ihren Rücktritt vom Sport erklärt. „Ehrlich gesagt, gibt es nicht mehr viel, das ich im Sport erreichen will“, schreibt Ashton Eaton auf der gemeinsamen Website weareeaton.com. „Ich habe die körperlich stärksten Jahre meines Lebens der Entdeckung und der Annäherung an die Grenzen auf diesem Gebiet gegeben. Habe ich sie erreicht? Ehrlicherweise bin ich nicht sicher, dass dies überhaupt jemand tut. Es scheint, dass uns die Zeit ausgeht, bevor wir unser Potential erschöpfen. Das macht die Menschheit also grenzenlos, finde ich. Und ich glaube, das ist inspirierend.“

          Erst vor zehn Jahren kam der talentierte Sprinter und Springer Eaton zum Mehrkampf. Um ein Sport-Stipendium zu bekommen und ans College gehen zu können, schlug sein Trainer vor, es mit Decathlon zu versuchen. „Klar“, erwiderte der Achtzehnjährige. „Was ist das?“

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          Doch dieser Zehnkampf erwies sich für Eaton als Chance, sich an sich selbst zu messen. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter war er ständig draußen unterwegs gewesen, rennend, springend, werfend und gern auch mit einem roten Cape um die Schultern. „Danke, dass du daran geglaubt hast, dass ich Superman sein könnte“, schreibt er an die Adresse seiner Mutter. Sie sagte einmal, dass es der Zehnkampf ihres Lebens gewesen sein, dieses Energiebündel großzuziehen. Selbst als er seine Bestimmung längst gefunden hatte, als er der überragende Sprinter seiner High School war, baten Lehrer die Mutter oft zum Gespräch. Sohnemann Ashton weigerte sich, bestimmte Rennen zu laufen oder brach den Wettbewerb ab. Er wollte nicht, stellte sich heraus, dass jemand wegen ihm verliert.

          Seinen ersten Weltrekord stellte Eaton 2012 bei der Olympia-Qualifikation in seinem Stadion auf, Hayward Field von Eugene. Es goss in Strömen, es war kalt – und die Sportwelt realisierte, dass da ein Athlet herangewachsen war, wie es noch keinen gegeben hatte. „Das ist, als ob man ein ganzes Leben in zwei Tagen lebt“, sagte er damals. „Dem Rest der Welt bedeutet das nicht viel, aber für mich ist das meine ganze Welt.“

          Zwei Jahre später brauchte er eine Pause und eine neue Herausforderung. Eaton verlegte sich auf die 400 Meter Hürden. Er gewann in der Diamond League und steigerte sich auf 48,69 Sekunden. Damit war er die Nummer sechs der Welt; kein deutscher Läufer ist in diesem Jahrtausend auf dieser Distanz so schnell gelaufen.

          Bei der Weltmeisterschaft von Peking 2015 verbesserte Eaton seinen Weltrekord im Zehnkamp auf schier unerreichbare 9045 Punkte. Dabei sprintete er 100 Meter in 10,23 Sekunden, erreichte 7,88 Meter im Weitsprung, 14,52 Meter im Kugelstoßen, 2,01 Meter im Hochsprung, lief die 400 Meter in 45,00 Sekunden und die 110 Meter Hürden in 13,69, kam auf 43,34 Meter im Diskuswurf, 5,20 Meter im Stabhochsprung, 63,63 Meter im Speerwurf und brachte zum Schluss die 1500 Meter in 4:17,52 Minuten hinter sich. Im Sprint wäre er mit seiner Zeit im vergangenen Jahr deutscher Meister geworden und über 400 Meter Europameister.

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          Vierzehn Tage, bevor er 29 Jahre alte wird, hat der Superman der Leichtathlet nun Schluss gemacht. „What now??“ fragt er am Ende seines Abschiedsbriefes. Sobald die Olympischen Spiele vorbei seien, hatte er im vergangenen Jahr gesagt, wolle er zum Mars. Das kann man wörtlich nehmen, ist er doch brennend an allem interessiert, was die Nasa treibt, steuert er doch gern eine Drohne durch den Luftraum um seine Villa und sagt seiner Mutter allen Ernstes: „Einer muss hin.“ Warum also nicht er?

          Vielleicht aber sind die Weiten des Alls nur eine Metapher für das Denken, das ihn der Sport gelehrt hat. „Danke, dass du die Grenze überwunden hast“, schreibt er an Šebrle, der als erster Zehnkämpfer neuntausend Punkte übertraf. „Wegen dir streben wir alle höhere Höhen an.“ Er wendet sich an die Erfinder und Unternehmer Nikola Tesla and Elon Musk. „Ich habt mich inspiriert“, schreibt er. „Von euch habe ich gelernt, was Arbeit bedeutet, dass Ehrgeiz Widrigkeiten außer Kraft setzt und wie man einen höheren Zweck verfolgt.“ Dies soll nicht das Letzte sein, was man von Ashton Eaton hört.

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