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Zehnkampf in der Krise : Könige ohne Reich

Der Alleskönner hat abgedankt: Ashton Eaton hat keine Herausforderung mehr gesehen. Bild: AP

Der Königs-Wettbewerb ist zu kompliziert und dauert zu lange. Deshalb soll aus dem Zehnkampf ein Achtkampf werden. Was respektlos wirkt, ist ein Akt der Verteidigung.

          König ohne Volk nannte diese Zeitung den größten Zehnkämpfer der Welt, Ashton Eaton, als dieser im vergangenen Jahr nach seinem zweiten Olympiasieg zurücktrat. Der komplexe Mehrkampf aus Lauf-, Sprung- und Wurfdisziplinen stellte für den überragenden Athleten aus Eugene (Oregon) keine Herausforderung mehr dar; den Weltrekord hat er in die phantastische Höhe von 9045 Punkten gesteigert und alles gewonnen, was es zu gewinnen gab – außer das Interesse selbst der Mehrzahl der Leichtathletik-Freunde. Nur ein harter Kern von Zuschauern ist dabei, wenn die Zehnkämpfer morgens, wenn in anderen Disziplinen Qualifikationen ausgetragen werden, mit Sprints und Weitsprung beginnen, und die Ahnungslosen auf den Tribünen wundern sich am Abend des nächsten Tages, wenn sich der Decathlon nach zwei Tagen beim 1500-Meter-Lauf entscheidet, warum die muskulösen Riesen sich bloß so schlapp über die Runden schleppen.

          Er frage sich und auch die Journalisten aus aller Welt, sagte der gerade 28 Jahre alte Eaton am Ende seiner sportlichen Karriere, was nur könne man tun, um den Zehnkampf attraktiver zu machen? Eine Antwort hat nun Paul Meier gegeben, der ein paar Jahre vor der Ära Eaton Dritter der Weltmeisterschaft wurde und heute, 44 Jahre alt, Präsident des deutschen Zehnkampf-Teams ist. Damit steht er einer Organisation vor, die auch das Erbe solcher Heroen wie Willi Holdorf und Christian Schenk vertritt, der beiden deutschen Olympiasieger im Zehnkampf, von Torsten Voss, des einzigen deutschen Weltmeisters dieser Disziplin, sowie der Weltrekordler Hans-Heinrich Sievert, Kurt Bendlin, Guido Kratschmer und Jürgen Hingsen. Sie und eine Vielzahl weiterer hochdekorierter Athleten stehen für das, was der Zehnkampf in Deutschland war und ist bis heute: sportkulturelles Erbe und Wettstreit der Könige der Leichtathletik, welche wiederum die Krone des Sports ist. Doch Meier muss auch konstatieren: In den proppevollen Programmen der Sportwelt sind die Zehnkämpfer Könige ohne Reich.

          Zu kompliziert für weite Teile der Welt: Stabhochsprung als Teil des Zehnkampfs

          Seit Herbst liegt der Antrag aus Meiers Feder beim Leichtathletik-Weltverband IAAF, aus dem Zehnkampf der Männer und dem Siebenkampf der Frauen Achtkämpfe zu machen. Was wirkt wie eine respektlose Offensive, ist ein Akt der Verteidigung. Der Drang zur Gleichbehandlung der Geschlechter, der die Olympischen Spiele erfasst hat, stärkt die Befürworter eines Zehnkampfes für Frauen. Siebenkämpferinnen von heute müssten Stabhochsprung und Diskuswerfen lernen – was nicht nur Zeit kostet, sondern Athletinnen armer Verbände ausschließt. Zwei Zehnkampf-Wettbewerbe bei Olympia und Weltmeisterschaften würden zudem die Probleme verschärfen, welche die vielseitigsten Athleten der Welt schon jetzt um die ihnen gebührende Aufmerksamkeit bringen. Es gibt nicht viele Alternativen zur Verschlankung. Eine wären zwei Extra-Tage für die Könige der Leichtathletik im Olympiastadion der Sommerspiele. Zur Vorbereitung eines solchen Coups könnte man eigenständige Mehrkampf-Weltmeisterschaften austragen. Ein Königreich für den Zehnkampf.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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