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Rico Freimuth : Über den Fußball zurück zum Zehnkampf

  • -Aktualisiert am

Kraftvoll: Über den Fußball will Freimuth wieder zum Zehnkampf finden. Bild: dpa

„Schluss, ich höre auf“, verkündete Rico Freimuth im Mai in Götzis. Er habe keinen Spaß mehr am Zehnkampf. Aufgeben will er aber nicht – und sucht sich seinen eigenen Weg zurück zur Karriere.

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          Still! Wir wollen in eine Seele schauen. Das ist der Beginn einer Erzählung Thomas Manns. Oder ist das ein unangemessenes literarisches Pathos, wenn man sich fragt, was da in dem Menschen Rico Freimuth wirklich vor sich gegangen ist, als der Zehnkämpfer beim frühsommerlichen Mehrkampfmeeting in Götzis ohne Verletzung und in aussichtsreicher Position auch für die Qualifikation für die Europameisterschaft in Berlin nach der siebten Disziplin unvermutet verkündete: „Schluss, ich höre auf.“

          Sollte das alles viel einfacher sein, als manche der Beobachter vor Ort mutmaßten, die eine tiefe Krise, gar das Ende der Karriere am Horizont aufscheinen sahen? „Ich hatte keinen Spaß“, sagt der Silbermedaillengewinner der Weltmeisterschaft 2017 in London, und dann spricht er von seinem „mental Set“, und davon, dass er seit 2011 bei allen großen Meisterschaften dabei gewesen sei – „immer extrem aggressiv meiner Psyche und meinem Körper gegenüber“.

          Eine jahrelange Akkumulation auch von Stressfaktoren, die in dem heute 30-Jährigen ihre Spuren hinterlassen haben. „Mental müde“, so lautete seine erste Erklärung in Götzis. Die Entscheidung aufzuhören sei auch nicht so spontan gewesen, wie es vielleicht den Anschein hatte, schon am ersten Tag habe er „eine innere Stimme“ vernommen, und nach dem Diskuswerfen „saß da plötzlich mein Ich auf der Schulter und hat mir gesagt, mach Schluss“.

          Redefreudig und zugleich verschlossen

          Rico Freimuth macht einen reflektierten Eindruck, und doch kann man sich der Ahnung nicht erwehren, dass das an den Tag gelegte Selbstbewusstsein vielleicht auch eine Maske sein könnte, hinter der sich eine überspielte Unsicherheit verbirgt. Zweimal sagt er: „Ich bin ein sehr intelligenter Athlet.“ Er ist redefreudig und zugleich verschlossen. Wo er nach Götzis Urlaub gemacht hat, will er nicht verraten.

          Er macht sich zum Subjekt seiner Beobachtung, wenn er sagt: „Ich fand selber interessant, wie Körper und Geist in Götzis reagiert haben.“ Und wie haben sie reagiert? „Mit Erleichterung“, sagt er. Er brauche einfach eine Pause. Die Saison ist für ihn gelaufen. Das Ich sitzt nicht mehr auf der Schulter, sondern hat sich in seinen Träger zurückverwandelt, der mit sich selbst im Reinen zu sein vorgibt. Den Entschluss von Götzis habe er nicht bedauert, „keine Sekunde lang“, es sei keine Kurzschlussreaktion gewesen, kein Blackout. „Ich hatte immer einen extrem hohen Anspruch an mich selbst“, sagt er, „ich wollte der Beste sein“.

          Wann er seinen nächsten Zehnkampf bestreiten wird, und ob dann dieses Ich vielleicht doch wieder seine Stimme erheben wird, weiß er heute noch nicht. „Ich wollte immer selbstbestimmt sein“, sagt er, und dazu gehöre der Mut zu großen Zielen.

          „Alle meine Sponsoren stehen zu mir“

          Die sind ihm geblieben, trotz der Zäsur von Götzis. „Ich habe noch keine olympische Medaille gewonnen, das war immer mein Traum“, sagt er. „Und dabei bleibt es.“ Aufgeben und Aufhören sind nicht identisch, Freimuth schaut nach vorn und doch hat man den Eindruck, dass es auch ein Blick in das Gesicht der Sphinx ist, von der man nicht weiß, ob sie ihr Geheimnis verrät.

          Aber er ist ja auch kein Prophet, sondern Athlet. Ob er sich mit der Aufgabe von Götzis einen mentalen Rucksack auf die Schulter gepackt hat, wird erst die Zukunft weisen müssen. Er habe in seinem Umfeld nur Verständnis für seine Entscheidung erfahren, sagt er, die ja auch ganz handfeste und profane Konsequenzen nach sich hätte ziehen können. „Alle meine Sponsoren stehen zu mir“, sagt er und man spürt die Erleichterung des Sportsoldaten, der für den SV Halle an den Start geht und dort als von Wolfgang Kühne Heimtrainer und zugleich Bundestrainer betreut wird.

          Dieser plant weiterhin mit seinem Athleten Rico Freimuth, ohne ihn zu sehr unter Druck zu setzen. „Wir sind so verblieben“, sagt er, „dass ich ihm bis zum Herbst Ruhe gebe und wir uns dann zusammensetzen und überlegen, wie es weitergeht.“

          Bis dahin will er sich einer alten Passion hingeben. Er hat ein Angebot vom Fußball-Verbandsligaklub FC Romonta Amsdorf. „Ich bin begeisterter Fußballer und möchte einen Sport betreiben, an dem ich Spaß habe“, sagte er der „Mitteldeutschen Zeitung“ und fügte an: „Ich bin schneller als Mbappé und will Torschützenkönig werden.“ In der kommenden Saison will er für den Sechstligaverein auflaufen. Seine Ziele als Zehnkämpfer will er darüber aber nicht aus den Augen verlieren.

          Zehnkämpfer gelten als große Familie und doch als Individualisten. Die Gemeinsamkeit einer über zwei Tage verteilten körperlichen Anstrengung bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit und manchmal darüber hinaus schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit – und doch ist eine Entscheidung wie die von Rico Freimuth in Götzis ein Akt der Einsamkeit.

          Die Geschichte von Thomas Mann endet nach wenigen Seiten. Ob die Karriere von Rico Freimuth noch eine Fortsetzung finden wird, ob sie ein Happy End hat und, wie es bei Mann heißt, in diesen „Schauer von Rausch und Glück“ einmündet, wird die Zukunft zeigen müssen.

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