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Zehnkämpfer André Niklaus : Neuanfang für den Tausendsassa

  • -Aktualisiert am

Ein „lustiger, motivierter Junge”, der es nochmal wissen will: André Niklaus Bild: dpa

Die Haare kürzer, die Gesichtszüge markanter - plötzlich ist er der alte Hase im Feld der jungen Hüpfer. Zehnkämpfer André Niklaus wagt nach langer Verletzungspause mit fast 30 Jahren einen Neuanfang - und wird Achter.

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          Strahlend steigt André Niklaus aus der Sandgrube, und als er das Ergebnis sieht, ballt er erst kurz die Fäuste und kreuzt dann die Hände zu einem X - dem Zeichen, keinen weiteren Versuch folgen zu lassen. „Reicht“, meint er zu seinem Weitsprung auf 7,12 Meter: „Mehr hab ich nicht druff.“

          In Glanzzeiten war der Berliner auch schon 7,49 Meter weit gesprungen, aber man wird bescheiden. „Ich muss meine Kräfte einteilen“, sagt Niklaus. Eben war er noch der Hoffnungsträger, nun ist er beim Zehnkampf-Meeting in Ratingen schon der alte Hase im Feld der jungen Hüpfer. Die Haare kürzer und dunkler, die Gesichtszüge markanter. Mit fast 30 Jahren wagt der ehemalige Hallenweltmeister einen Neuanfang.

          Seit den Olympischen Spielen 2008, als er in Peking Achter wurde, hat Niklaus keinen Zehnkampf mehr absolviert. Das Sesambein im großen Zeh des linken Fußes schmerzte so sehr, dass an Leistungssport nicht mehr zu denken war. „Viele kleine Blitze schießen durch das Zehengelenk, bis dir schlecht wird“, hat er einmal anschaulich beschrieben, wie sich sein Fuß anfühlte. Operationen folgten, aber sein Comeback musste er immer wieder verschieben.

          „Die Knochen im Fuß wurden zusammengeschraubt“

          Vor allem die Absage seiner Teilnahme an der Heim-WM 2009 hatte den Berliner tief getroffen. Der Zeitsoldat nahm nebenbei ein BWL-Studium auf. Er überlegte, ob er zu einer Einzeldisziplin wechseln sollte oder vielleicht sogar ganz aufhören. „Ich habe oft gezweifelt. Aber ich kam immer wieder zum gleichen Entschluss: ich mache weiter Zehnkampf.“ Ein Tausendsassa ist Niklaus ohnehin. Surfen, Skifahren, Beachvolleyball und Fußball gibt er als Hobbys an, neuerdings auch Golf. Doch an der leichtathletischen Königsdisziplin hängt er, „weil ich da täglich beim Training den inneren Schweinehund besiegen muss. Es stärkt das Selbstbewusstsein, trainiert die Psyche und den Körper“.

          Noch nicht mit voller Kraft, aber endlich schmerzfrei präsentiert der wiederhergestellte Athlet sich an diesem Wochenende. „Die Knochen im Fuß wurden zusammengeschraubt, der Muskel drangetackert“, beschreibt er den entscheidenden ärztlichen Eingriff. Zum Wiedereinstieg hatte er vor 14 Tagen in Berlin bei einem Jedermann-Zehnkampf mitgemacht. „Ein 100-Meter-Sprint, der Spaß machte, ein Weitsprung, der Hoffnung gab, eine Kugel, die schön flog“, so seine Fazit.

          Im Gespräch mit Bundestrainer Claus Marek analysierte er seine Situation und vereinbarte 7700 bis 7800 Punkte als Zielvorgabe für Ratingen. 8371 sind seine Bestmarke, die WM-Norm liegt bei 8200 - alles ohne Relevanz für den WM-Vierten von 2005. „Mach dir nicht zu viel Stress“, sagte Marek. „Du musst keine 8000 machen“. Wichtig sei, wieder dabei zu sein, Spaß zu haben, die zwei Tage durchzustehen.

          „Ich freu mich auf alles, was kommt“

          Alle drei Vorhaben gelingen ihm. Als er in 11,19 Sekunden über 100 Meter ins Ziel kommt, sagt er: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell war, auch wenn es bestimmt nicht danach aussah.“ Im Kugelstoßen schafft er 14,85 Meter. Sein Motto: „Über den Kampf zum Spiel kommen.“ Er sprintet zu sehr ausgeschlafenen 14,35 Sekunden über 110 Meter Hürden, wirft den Diskus auf starke 46,74 Meter und springt im Stabhochsprung sogar mit Sonnenbrille höher als die meisten seiner Konkurrenten (4,70). Am Ende belegt der Oldie mit 7874 Punkten den achten Platz.

          All das ist mehr, als er sich vorgenommen hatte. Und während sich seine jungen Kollegen Pascal Behrenbruch aus Frankfurt mit 8287 Punkten und Rico Freimuth (Halle/8232) mit Erfolg bemühen, die WM-Norm für Daegu zu schaffen, lässt es der Ratingen-Sieger von 2005 locker angehen: „Ich freu mich auf alles, was kommt. Ich bin immer noch der lustige, motivierte Junge“. Doch natürlich verfolgt auch André Niklaus tief im Inneren noch höhere Ziele und verrät: „Ich lege jetzt die Grundlagen, um 2012 bei den Olympischen Spielen in London wieder voll da zu sein.“

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