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Hart, schwer, schmutzig : Deutschlands Chancen bei der Straßen-WM

Sein letzter großer Sieg: Im Juli 2018 gewann Degenkolb die Tour-Etappe nach Roubaix. Bild: AFP

Degenkolb, Ackermann, Politt: Das deutsche Team setzt bei der Straßen-WM auf Vielfalt. Doch die Vorbereitung lief nicht optimal – und die Gegner sind eigentlich zu stark.

          3 Min.

          Das wird ein hartes Stück Arbeit. „Es kann grausam werden“, sagt Jens Zemke, der Teamchef der deutschen Rad-Nationalmannschaft. 284,5 Kilometer ist die Strecke bei der Straßen-Weltmeisterschaft an diesem Sonntag in der englischen Grafschaft Yorkshire lang, mieses Wetter wird erwartet, eine höchst motivierte Konkurrenz, Fahrer auf dem Sprung – ein Härtetest, an dessen Ende kein Zufallssieger zum Weltmeister gekürt werden wird, sondern der aktuell stärkste Profi mit den besten Helfern, der effektivsten Mannschaft.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Das Besondere: Bei Weltmeisterschaften sind keine Firmenteams unterwegs, keine globalisierten Mannschaften in Sponsorenuniform, stattdessen Nationalteams in Landesfarben. Im deutschen Aufgebot stehen John Degenkolb (Team Trek-Segafredo), Marcus Burghardt (Bora-hansgrohe), Nikias Arndt (Sunweb), Pascal Ackermann (Bora-hansgrohe), Jonas Koch (CCC), Simon Geschke (CCC), Nils Politt (Katusha-Alpecin) und Jasha Sütterlin (Movistar).

          Degenkolb sucht seine Form

          Was können sie erreichen? Ursprünglich war John Degenkolb als Kapitän vorgesehen, die Strecke ist ihm eigentlich auf den Leib geschrieben, hart, schwer, schmutzig, doch dem tempoharten Mann aus dem Hessischen, der nun schon seit 32 Wochen auf einen Sieg wartet, ist auch die WM-Generalprobe missglückt. Teamchef Zemke hatte von ihm bei der Spanien-Rundfahrt ein Zeichen der Stärke sehen wollen, einen Etappensieg, doch den konnte Degenkolb nicht liefern. Die Vuelta, sagt er, sei knallhart gewesen, „die härteste Grand Tour, die ich bisher gefahren bin, sowohl vom Profil her als auch von der Fahrweise. Ich habe das nie zuvor erlebt, ein Tag nach dem anderem ging es immer nur voll zur Sache.“ An den letzten Tagen in Spanien habe er „ein bisschen Bammel bekommen, dass es einfach zu schwer wird“. Sprich: Degenkolb hatte sich mit dem Gedanken befasst, aus dem Rennen auszusteigen, um seine Chancen bei der WM nicht zu gefährden.

          Eine Woche nach Ende der spanischen Strapazen dann Entwarnung. „Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde eine Woche lang richtig breit sein und es würde gar nichts mehr gehen, aber mein Körper hat doch alles ganz gut verkraftet“, sagt Degenkolb. Am vergangenen Sonntag fuhr er bereits wieder ein kleineres Rennen in Nordfrankreich, wurde Zweiter. „Ich bin ganz happy“, sagt er.

          Nils Politt beim WM-Zeitfahren in Harrogate: Tempohärte hat der Noch-Kathusa-Profi.

          Echte Chancen werden ihm bei der WM jedoch nicht eingeräumt. Die Form, mit der er einst die Klassiker Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix gewonnen hat, sucht er auch in diesen Wochen vergebens. So hat man beim Bund Deutscher Radfahrer umgedacht. Alle Fahrer bekamen nach der Vuelta eine personalisierte Aufgabenbeschreibung zugeschickt. Statt eines fixen Kapitäns, statt Degenkolb in der Chefrolle, zielt die taktische Ausrichtung nun zunächst auf den Sprinter Pascal Ackermann. Er ist einer der schnellsten Männer im Peloton, aber die Frage ist, ob die lange Anfahrt bis zum letzten Kilometer nicht doch zu schwer für ihn ist.

          Sprintankunft oder Ausreißergruppe?

          „Wenn es die Chance gibt, dass er im Finale dabei ist, dann werden wir für ihn fahren“, sagt Degenkolb. Sollte sich unterwegs herausstellen, dass Ackermann nicht mitkommt, kommen Degenkolb und Politt wieder ins Spiel. „Wenn er nicht dabei ist und ich einen guten Tag erwische, dann rechne ich mir schon aus, dass es für einen Platz unter den ersten zehn reichen könnte“, sagt Degenkolb. Auch der tempoharte Kollege Politt, den lange, harte Rennen nicht schrecken, käme dafür in Frage, wenn er in die richtige Gruppe findet. Derjenige, der den besten Tag erwischt, wird sich auf die Unterstützung der Teamkollegen verlassen können.

          „Ein Sprint aus einer größeren Gruppe heraus wäre für uns das Traumszenario“, sagt Degenkolb, „aber die Chancen dafür stehen nicht gut.“ Sie stehen deshalb nicht gut, weil das Feld gespickt ist mit Ausnahmekönnern, die ein Feld zerlegen und damit eine Sprintankunft verhindern können.

          Die Belgier haben das beste Team

          Als Favorit gilt gemeinhin Philippe Gilbert, der eine bärenstarke belgische Mannschaft um sich weiß, darunter den 19-jährigen Wunderknaben Remco Evenepoel, der unter der Woche im Zeitfahren mit einem zweiten Platz für Aufsehen sorgte. „Die Belgier haben ein extrem starkes Team“, sagt Degenkolb, „ein Team wie gemalt für dieses Terrain.“ Aber auch die Niederländer wissen Profis in ihren Reihen, denen die Härte der Strecke entgegenkommt, allen voran Mathieu van der Poel, den zweifachen Crossweltmeister. Die Franzosen haben ihren Tour-de-France-Helden Julian Alaphilippe in der Pole Position, die Spanier Titelverteidiger Alejandro Valverde, die Slowaken Peter Sagan aus dem deutschen Team Bora-hansgrohe, der das Regenbogentrikot des Weltmeisters in seiner Karriere schon dreimal eroberte und an guten Tagen die Qualitäten eines zähen Klassikerfahrers mit der Explosivität eines Sprinters verbindet.

          Was alle Profis in Yorkshire erwarten dürfen, ist eine Stimmung vom Feinsten. Die Engländer lieben den Radsport, leben ihn, feiern ihn. Und die Zielgerade auf der Parliament Street in Harrogate hat schon einmal eine fulminante Ankunft gesehen. Beim Tour-Auftakt 2014 sprintete seinerzeit Marcel Kittel ins Gelbe Trikot. Die Stimmung, die damals rund um die Etappe herrschte, ist bei den Fahrern noch in bester Erinnerung. „Das war bombastisch, und ich glaube, das wird es wieder“, sagt Degenkolb, „da stehen so viele Leute an der Straße, dass du unterwegs nicht mal kurz zum Pinkeln anhalten kannst.“

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