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Wunderläufer Henry Rono : „Ich möchte ein Ticket nach Hause, bitte!“

Henry Rono bei seinem Goldlauf über 3000-Meter-Hindernis 1978 im kanadischen Edmonoton während der elften Commonwealth-Spiele Bild: Picture-Alliance

Er galt als Wunderläufer, verbesserte in nur 81 Tagen gleich vier Weltrekorde, nahm allerdings nie an Olympia teil und stürzte dann schwer. Nun brachte der „Shutdown“ Henry Rono in eine ganz schwierige Lage.

          „Ich möchte ein Ticket nach Hause“, ließ Henry Rono zuletzt ausrichten, „bitte!“ In Kenia hat der einstige Wunderläufer so häufig Schlagzeilen gemacht mit seinem Scheitern wie mit überragenden Leistungen. Politiker, Unternehmer und Sportler beeilen sich, dem Star von gestern und ewigen Sorgenkind unter die Arme zu greifen. Für das, was er fürs Vaterland geleistet habe, versprechen sie, verdiene der 66 Jahre alte Rono einen Lebensabend in aller Ruhe. Ein amerikanischer Freund hat bei „GoFundMe“ einen Spendenaufruf ins Internet gesetzt. 1978, da war er 26 Jahre alt, erschütterte Henry Rono die Grundfesten der Laufwelt. Innerhalb von 81 Tagen brach er vier Weltrekorde. Die Bestzeit über 10.000 Meter unterbot er um fast acht Sekunden: 27:22,5 Minuten. Den Rekord über 5000 Meter verbesserte er um viereinhalb Sekunden auf 13:08,4 Minuten, den über 3000 Meter Hindernis um 2,6 Sekunden auf 8:05,4, und den über 3000 Meter um drei Sekunden auf 7:32,1.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Doch Ruhm und Wohlstand überforderten Rono, ebenso wie die Enttäuschung, seinen Lebenstraum nicht realisieren zu können. Kenia boykottierte, wie viele afrikanische Staaten, die Olympischen Spiele von Montreal 1976 und von Moskau 1980; Weltmeisterschaften in der Leichtathletik gab es damals nicht. Ein großer Sieg, der Gewinn einer Goldmedaille, blieb Rono verwehrt. Als wollte er etwas gutmachen an seinem gefallenen Helden, übernahm der Weltverband der Leichtathleten Ende der achtziger Jahre die Kaution, als Rono ins Gefängnis sollte. Zwanzig Jahre später, 2008, verlieh er Rono auf seiner jährlichen Gala den „Inspirational Award“.

          Da hatte sich Rono aus jahrelanger Alkoholsucht zurückgekämpft und dreißig oder vierzig Kilo Übergewicht abtrainiert. Und da beschrieb er, welch unfassbar starke Konstitution er gehabt habe und wie unfassbar kaputt er zugleich gewesen sei. An dem Tag im September 1981, an dem er in der norwegischen Kleinstadt Knarvik den 5000-Meter-Weltrekord auf 13:06,20 Minuten verbesserte, war er betrunken aufgewacht. Wie tief der Schmerz über die verpassten Spiele saß, zeigt der Titel von Ronos 2007 erschienener Autobiographie: „Olympic Dream“.

          Das Studium, für das er in die Vereinigten Staaten gekommen war, hatte Rono abgebrochen. Sein Geld hatte er verprasst oder gleich Schecks und Kontonummern verloren. Er war betrunken Auto gefahren, hatte Entziehungskuren abgebrochen und Verfolgungswahn entwickelt. Er hatte auf der Straße und in Obdachlosenasylen gelebt und sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Seine mühsam erkämpfte fragile Existenz als Beschäftigter am Flughafen von Albuquerque in New Mexico gefährdete zuletzt der Regierungsstillstand. Er liege krank und ohne Hilfe im Bett, schilderte Rono der Zeitung „The Nation“ am Telefon. Vor drei Jahrzehnten feierte Kenia ihn als „world beater“. Nun will Rono nach Hause; ein geschlagener Mann.

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