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WTA-Chef Steve Simon : Menschenrechte sind ihm wichtiger als Geld

Steve Simon: Seine hervorstechendste Leistung ist, das Offensichtliche zu be­nennen. Bild: REUTERS

Ungewöhnlich für einen Sportfunktionär: Der Chef des Frauentennis-Verbandes nennt die Dinge beim Namen und wagt im Fall Peng Shuai die Konfrontation mit China.

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          Steve Simon, seit 2015 Chef der Frauentennis-Organisation WTA, ist im Grunde ein ziemlich unscheinbarer Zeitgenosse. Als er 2004, damals noch als Direktor des prestigeträchtigen Turniers im kalifornischen Indian Wells, erstmals für ein Gruppenfoto mit den Siegern posierte, habe man denken können, „wer ist denn dieser Buchhalter da?“, spottete jüngst ein Tennis-Fachmagazin. Nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag wurde für den 66 Jahre alten Amerikaner bislang angelegt. Wer ihn in der Online-Enzyklopädie sucht, findet stattdessen einen namensgleichen Regionalpolitiker der Demokraten, einen Physikprofessor aus Oxford und einen früheren mili­tärischen Berater der US-Regierung.

          Pirmin Clossé
          Sportredakteur.

          Dabei hat Simon, der in den 1980er-Jahren mal im Mixed-Doppel in Wim­bledon antrat, in den vergangenen Ta­gen und Wochen seine Rolle als Strippenzieher im Hintergrund abgelegt. Im Fall der chinesischen Tennisspie­lerin Peng Shuai, die zuerst Missbrauchsvorwürfe gegen einen ehemaligen Vizeregierungschef Chinas öf­fentlich machte, dann zensiert wurde, zwischenzeitlich verschwand und nun ausschließlich in seltsam anmutenden Auftritten der Öffentlichkeit präsentiert wird, hat sich WTA-Geschäftsführer Simon ein anderes Profil zugelegt. Während das Internationale Olym­pische Komitee (IOC) mit dem deutschen Präsidenten Thomas Bach nach eigenen Angaben auf „stille Di­plomatie“ setzt, gibt sich Simon mit Chinas Beteuerungen und Peng Shuais vermeintlichen Statements nicht zu­frieden.

          Schon vor Wochen kündigte Simon an, notfalls alle WTA-Turniere aus China abzuziehen, sollten die An­schuldigungen Pengs nicht einer um­fassenden und transparenten Untersuchung unterzogen werden. Nun machte er seine Drohung wahr. Die WTA schlägt damit einen gänzlich anderen Kurs ein, als es Sportorganisationen bei Konflikten mit China in der Vergangenheit getan haben. Sie nimmt herbe wirtschaftliche Verluste in Kauf, weil sie damit für eine der ihren und für eigene Grundüberzeugungen eintreten kann. „Wenn mächtige Menschen die Stimmen der Frauen unterdrücken und Vorwürfe sexuellen Missbrauchs unter den Teppich kehren können, wäre die Grundlage, auf der die WTA gegründet wurde – Gleich­berechtigung für Frauen –, immens ge­fährdet“, schrieb er dazu.

          Simons hervorstechendste Leistung ist letztlich, das Offensichtliche zu be­nennen. Wenn die von China lancierten Videoschnipsel, E-Mails oder In­terviews mit Peng Shuai den Eindruck erweckten, fingiert zu sein, dann sagte Simon dies eben auch so. Eine vermeintliche Grundtugend, die in der in­ternationalen Sportdiplomatie den­noch keine Selbstverständlichkeit ist. Der nüchterne Blick eines unschein­baren Buchhalters kann diesbezüglich aber womöglich helfen.

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