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Wolf Haas im Gespräch : "Beim Schreiben bin ich eine Pistensau"

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Der etwas andere Blick auf den Sport: Wolf Haas Bild: Frank Röth

Schriftsteller Wolf Haas plädiert für den Übermut und gegen die Richtigkeit: Für ihn entstehen die besten Geschichten, wenn man im entscheidenden Moment die Ideallinie verlässt und die richtigen Fehler macht - in der Literatur wie im Sport.

          6 Min.

          Der Sport erzählt viele Geschichten. Der Schriftsteller Wolf Haas fand sie einst in der Formel 1. Die guten Dinge, sagt er, entstünden dann, wenn man im entscheidenden Moment die Ideallinie verlasse und die richtigen Fehler mache - in der Literatur wie im Sport.

          Herr Haas, wie sind Sie eigentlich zum Skirennläufer geworden, der Sie gar nicht sind?

          Ich wurde einmal vom österreichischen Magazin „Profil“ eingeladen, ein Porträt von Hermann Maier zu schreiben. Das war in den Wochen nach den Olympischen Spielen 1998 in Nagano, wo er so schwer gestürzt war und dann kurz darauf Gold gewonnen hat. Maier hat oft eine sehr schöne Ironie, und auf die Frage, wie es ihm geht nach dem Sturz, hat er geantwortet: „Ich glaube, mein Schutzengel hat mehr blaue Flecken als ich.“ Das fand ich wirklich eine sehr schöne Antwort. Ich habe das Porträt dann aus der Sicht des Schutzengels geschrieben.

          Im Zweifel zählen der Moment und der Übermut: Dadurch werden die Dinge für Haas interessant

          Wie schreiben Schutzengel?

          Ich habe behauptet, ich wäre mit blauen Flecken aufgewacht, die ich mir nicht erklären konnte, und dann hätte ich in den Nachrichten gehört, dass der Hermann Maier gestürzt ist. Also deshalb habe ich mir als Kind so oft den Fuß gebrochen beim Skifahren, damit sich Maiers Karriere entwickeln konnte; ich habe sozusagen alles Unglück auf mich genommen, woran meine eigene Skirennläuferkarriere gescheitert ist - in diesem Stil war das geschrieben, wobei der wahre Teil davon ist, dass ich mir beim Skilaufen wirklich schon mit acht Jahren zum vierten Mal das Bein gebrochen habe. Als ich das so geschrieben habe, hat es irgendjemand leider nicht als Ironie, sondern wörtlich verstanden, und es steht jetzt noch immer ab und zu in der Zeitung: Der ehemalige Skirennläufer Wolf Haas hat wieder ein Buch geschrieben.

          Sie sollen der einzige Einwohner in der Geschichte von Maria Alm sein, der nie auf das berühmte Steinerne Meer hinaufgestiegen ist.

          Das ist wahr. Bergsteigen ist etwas, was mir extrem zuwider ist. Ich bin unsportlich, ich habe keine Lust, da stundenlang raufzugehen. Aber in dem Dorf, aus dem ich komme, war das eine nichtexistente Haltung. Jeder geht auf den Berg, das ist wie eine Religion, das ist schon interessant, finde ich, weil das etwas leicht Wahnhaftes hat. Warum muss ein Mensch immer auf den Berg hinauf?

          Sie mögen Sport nicht?

          Doch, sehr, aber nur als Fernsehsportkonsument. Am Sport begeistern mich die Geschichten. Zum Beispiel schaue ich nicht gern ein ganzes Fußballspiel an, das ist mir zu langweilig, aber ich höre mir unglaublich gern Diskussionen über irgendwelche Spiele an, die ich gar nicht gesehen habe. Zum Beispiel „Doppelpass“ auf DSF, das hat für mich eine unglaubliche Mischung aus Ekel und Faszination. Ich finde es interessant, wenn eine Bedeutung von Dingen behauptet wird, die in Wahrheit vollkommen bedeutungslos sind, das fasziniert mich, das finde ich auch sehr entspannend.

          „Motorradrennen sind etwas für italienische Zwerge.“ Stehen Sie zu diesem Satz Ihres Erzählers in „Ausgebremst“?

          Motorradrennen interessieren mich nicht. Aber die Formel 1 hat mich als Kind so fasziniert, dass ich heute noch oft darüber nachdenke, warum das wohl so intensiv war. Mich haben auch nie Sportwagenrennen interessiert, sondern immer nur die Formel 1, diese Mischung, dass man den Kopf des Fahrers sieht, das Menschliche, aber nur angedeutet durch den Helm; und wie diese Andeutung ins Auto übergeht, das hat etwas aus der griechischen Mythologie: halb Mensch, halb Pferd - halb Mensch, halb Maschine. Dagegen Motorradfahren - das ist ja Sport, da muss man ein Bewegungstalent sein. Das ist nichts für mich.

          Ihr Roman „Ausgebremst“ ist ein ungeheures Fachkompendium der Formel 1. Wie lange haben Sie dafür recherchiert?

          Gar nicht. Ich weiß das alles. Aber nur über die siebziger Jahre. Ich glaube, das ist bei jedem Menschen so: Was einen als Kind begeistert hat, das vergisst man nicht. Formel 1, das war für mich die Pubertät. Das Faszinierende an der Formel 1 ist, dass sie überhaupt keinen Konnex zur Realität hat. Es heißt zum Beispiel, dass Carlos Reutemann privat ein unheimlich schlechter Autofahrer gewesen sei, den der viele Verkehr total nervös gemacht habe. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

          Haben Sie viele Formel-1-Rennen gesehen?

          Ich habe den ganzen Sommer auf einer Tankstelle gearbeitet, und das ganze Geld dann in drei Tagen beim Grand-Prix-Rennen in Zeltweg ausgegeben. Fahrerlagerkarten waren unglaublich teuer, aber ich war bei diesem Rennen auch drei Tage lang von der ersten bis zur letzten Sekunde glücklich. Das war das Paradies für mich. Aber das ist heute nicht mehr so schön, weil alles perfektioniert ist. Früher haben die Teams noch unter Zeltdächern geschraubt, und die Fahrer sind an einem Klapptisch gesessen und haben Spaghetti gegessen.

          Sind Sie noch an der Formel 1 interessiert?

          Kaum. Der Hauptfehler ist, dass die Autos so perfekt geworden sind. Für meinen Geschmack ist heute offensichtlich, dass der Fahrer gar nicht mehr drinnen sitzen muss, dass man alles von der Box aus steuern kann.

          Sie schreiben in „Ausgebremst“, dass Mercedes nicht ruhen werde, bis Michael Schumacher in einem Mercedes Weltmeister wird. Keine schlechte Vorhersage aus dem Jahr 1998. Was halten Sie von seinem Comeback?

          Es gibt diesen Punkt, wo Quantität in Qualität umschlägt. Zum Beispiel, wenn man Wasser abkühlt, dann wird es kühler, kühler, kühler, und irgendwann wird es zu Eis. Und beim Ruhm ist es auch so, dass es eine Zeitlang immer interessanter, interessanter, interessanter wird und sich dann irgendwann zu Langeweile verwandelt. Dann ist alles so bekannt, ist der Star so groß, dass er langweilig wird. Für mich ist Schumacher nur noch ein Ausschaltreflex.

          Was interessiert Sie am Sport?

          Es interessiert mich, wenn die Erzählung, die mir der Sport bietet, gut ist, wenn zum Beispiel jemand schwer verletzt war und wieder zurückkommt, wenn einer zehn Jahre immer nur Zweiter war und dann im wichtigsten Rennen gewinnt - so etwas kann mich zu Tränen rühren.

          Wenn er gute Geschichten produziert, ist der Sport dann eine Form von Literatur?

          Für mich schon. Mich interessieren am Sport nur die Geschichten. Darum empfinde ich auch die technischen Analysen, die jetzt so modern sind, wo sie am Computer immer alles einringeln, als Ärgernis. Das ist zu sachlich, das ist das Gegenteil einer Geschichte.

          Ist Schreiben etwas Sportliches? Wie viel Mühe, wie viel Anstrengung steckt in Ihrer Arbeit?

          Es steckt schon eine Menge Schweiß drin. Gemäß dem alten Spruch: 10 Prozent Inspiration, 90 Prozent Transpiration. Aber die auffälligste Ähnlichkeit zwischen Schreiben und Sport sehe ich in dem Widerspruch von Kontrolliertheit und Rauschhaftigkeit, also dass die wirklich guten Dinge dann entstehen, wenn man das eigene System durchbricht, im entscheidenden Moment die richtigen Fehler macht.

          Richtige Fehler?

          Ja, es ist gar nicht so leicht, aus der Kontrolliertheit hinauszufinden. Meine wilde Brenner-Sprache könnte ich ohne Computer gar nicht schreiben. Die Vorstellung, dass ich auf einer Schreibmaschine ein Blatt Papier einspanne, alles gediegen Schritt für Schritt, das ist sozusagen wie Bergsteigen. Am Computer kann ich alles vorläufig hinzaubern, schnell tippen ohne Rücksicht auf Verluste und einfach mal speichern. So unterfliege ich den Radarschirm der Selbstkontrolle und damit die dauernde Frage: Ist das gut? Ich bin da mehr wie eine Pistensau beim Skifahren, ohne links und rechts zu schauen. Erst später suche ich mir in Ruhe zusammen, was ich brauchen kann. Und irgendetwas ist dann doch dabei, was ich auch im nüchternen Zustand gelten lasse, obwohl ich es mich im nüchternen Zustand nicht zu schreiben getraut hätte. Mit nüchtern meine ich nicht ohne Alkohol, sondern ohne Übermut, ohne Maßlosigkeit.

          Gibt es im Hinterkopf auch die Versuchung, dem rauschhaften Schreiben mit Drogen nachzuhelfen, so wie Sportler die Versuchung kennen, durch Doping Einmaliges zu produzieren?

          Da bin ich Purist. Ich finde, dass nur der Rausch interessant ist, den man aus der Tätigkeit des Schreibens zieht. Das kennt, glaube ich, jeder aus seiner Kindheit, wenn man als Grundschulkind einen Aufsatz schreiben muss und man sich im Schreiben dann wundert, was einem da einfällt, wie einen das Schreiben selbst beflügelt. Das ist ein interessantes Phänomen, dass man beim Schreiben ein bisschen aus der Kontrolle herausgeht. Dagegen entpuppen sich großartige Ideen, die man unter Alkoholeinfluss hat, am nächsten Tag immer als grottenschlecht.

          Mit Drogen kommt man beim Schreiben nicht weiter?

          Als Bedürfnis kenne ich das schon. Wenn ich beim Schreiben vor einem Problem stehe, das ich nicht lösen kann, dann denke ich manchmal: Pah, wenn ich jetzt einen guten Freund hätte, der Arzt ist und der mir irgendeine Klarheitsdroge verschreiben könnte, die würde ich nehmen. Das ist schon extrem verführerisch. Ich kann die Gefährdung von Sportlern durch Doping richtig gut verstehen, vor allem wenn ihr ganzes Denken über viele Jahre darauf gepolt ist, dass man immer stärker werden muss, dass man immer besser werden muss.

          Ein gutes Sportereignis hat eine gute Dramaturgie, erst dadurch bleibt es in Erinnerung. Ist es für einen Schriftsteller interessant, dies zu studieren?

          Vielleicht liegt die Haupterkenntnis darin, dass sich die besten Effekte nicht planen lassen, sondern im Moment entstehen. Bei den ganzen Fußballdiskussionen wird immer behauptet, es gäbe eine Richtigkeit und ein System, und in mancher Hinsicht stimmt das ja auch. Aber wenn dann der Messi links abbiegt statt rechts, dann ist das eben doch besser, dann entscheidet nicht die Richtigkeit des Systems, sondern der einzelne geniale Schachzug. Im Sport gibt es den Mythos der Ideallinie. Aber man kann langsam auf der Ideallinie fahren - und schnell daneben.

          Was heißt das, auf das Schreiben übertragen?

          Dass man nicht zu brav sein darf. Es gibt beim Schreiben Regeln, wie ein Plot zu funktionieren hat, Gesetze der Dramaturgie. Das ist alles hilfreich. Auch ich mache mir vorher ein Konzept, ein System, aber richtig gut wird es nur, wenn ich mich nicht dran halte, wenn ich weiß, jetzt müsste ich links abbiegen, damit die Dramaturgie stimmt, aber es ist viel lustiger, rechts abzubiegen. Ich entscheide mich im Zweifel immer für den Moment, für den Übermut und gegen die Richtigkeit. Dadurch werden die Dinge interessant, auch im Sport.

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