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WM vor Perth : Deutsche Segel-Feindschaften

In Rückstand: Die einstige Topnation Deutschland segelt weitgehend hinterher. Bild: AFP

Eine Nation, zwei Teams: Eine bizarre Spaltung der deutschen Segler sorgt bei der WM in Australien für Reibereien unter den Athleten - und für bizarre Situationen.

          3 Min.

          Drei Kilo Gewicht haben Erik Heil und Thomas Plössel während eines Monats Trainings auf dem Wasser vor Freemantle an der australischen Westküste im vergangenen Jahr zugelegt. Damals fegte hier der Freemantle Doctor, ein starker Thermik-Wind, über das Wasser. „Wir haben unendlich gegessen und Muskeln aufgebaut“, erinnert sich Heil. In diesem Jahr lässt sich der australische Sommer für die Mannschaft in ihrem 49er-Skiff ruhiger an: Die Olympiaqualifikation, welche die Segler gerade aussegeln, ist für das Duo aus Kiel mit derzeit Rang 17 wohl gelaufen. Sie sind zum Lernen hier. „2016 kommt unsere Zeit“, sagen sie.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          So geht es vielen deutschen Spitzenseglern. Am Weltniveau gemessen fährt die einstige Topnation Deutschland weitgehend hinterher. In der ersten Wettkampfwoche der WM in den olympischen Klassen vor dem australischen Perth konnte sich keiner der deutschen Athleten auch nur in den Endläufen plazieren. Nun mischen sie wenigstens bei Starbooten und Lasern vorne mit. Doch ist das zu wenig - der Blick von Trainern und Sponsoren geht deshalb weiter nach vorn. „Von uns erwarten alle, dass wir die Spiele 2016 in Brasilien auf unsere Fahnen schreiben“, sagt der 23-jährige Plössel. Laser-Ass Philipp Buhl sieht es ähnlich: „2016 peile ich eine Olympiamedaille an.“

          Und die 470er-Frauen Tina Lutz und Susann Beucke sagen: „Wenn wir es hier nicht schaffen, sind wir einen Monat frustriert, dann beginnt die Vorbereitung auf die Spiele in Brasilien.“ Dafür muss der Segelnachwuchs weiter um Sponsoren klappern. „Wir leben nicht vom Segeln, wir segeln vom Segeln“, sagt Plössel. Damit bringt er auf eine Formel, dass die deutschen Spitzensegler von ihren Förderern gerade so viel Geld erhalten, dass sie sich ihren teuren Sport leisten können. Für ihre Zukunft aber müssen sie alle nebenbei einen Beruf erlernen.

          Sicher, vieles hat sich verbessert, seit ehemalige Topsegler 2008 das Sailing Team Germany (STG) gründeten, das von Audi und SAP gefördert wird. 33 der vor Perth um die Olympiateilnahme 2012 ringenden Segler gehören dem STG an. Vier aber werden von Audi-Konkurrent BMW gesponsert. „Natürlich gibt es da eine kleine Feindschaft“, sagt Plössel. „Vieles wird allerdings im Spaß ausgetragen.“ Dennoch geht ein Riss durch die deutsche Segelelite. So ist es für kleinere Sponsoren schwer zu verstehen, dass ein Team in Deutschland die Nummer eins ist, zum Kader zählt, aber nicht Mitglied der Nationalmannschaft sein darf. Diesen Titel hat sich STG mit Sponsor Audi gesichert.

          „Das ist eine Marketingidee, die sich da Nationalmannschaft nennt“, sagt 470er-Spitzenseglerin Kathrin Kadelbach. Sie führt in der Olympiaqualifikation, darf aber nicht in der Audi-geprägten Nationalmannschaft sein, weil sie von BMW gefördert wird. Die Situation ist bizarr: Darf das STG etwa aus den von SAP gestützten Revierdatenbanken schöpfen, gingen die Spitzensegler mit BMW-Vertrag leer aus, heißt es beim Deutschen Seglerverband - während STG-Geschäftsführer Oliver Schwall dies bestreitet.

          In der ersten Wettkampfwoche der WM vor dem australischen Perth konnte sich keiner der deutschen Athleten auch nur in den Endläufen plazieren. Nun mischen sie wenigstens bei Starbooten und Lasern vorne mit. Doch ist das zu wenig - der Blick von Trainern und Sponsoren geht deshalb weiter nach vorn.

          Wirklich brisant wird die Spaltung dennoch, wenn es um viel geht: So hat das STG einen eigenen Bootsbauer für die Weltmeisterschaft in Australien eingeflogen, der die Rennjollen im Notfall über Nacht repariert. Ginge nun aber das Boot von Kadelbach und Friederike Belcher zu Bruch, dürfte er nur zögernd eingreifen: Erst wären die STG-Segler mit ihren Booten an der Reihe, dann müssten die BMW-Seglerinnen die Hilfe bezahlen. So sagt denn auch Olympiahoffnung Kadelbach: „Wir haben uns hier auf alle Eventualitäten eingestellt. Wir sind autark.“ Beim STG heißt es: „Alle BMW-Segler hatten die Chance, bei uns Mitglied zu werden.“ Spitzensegler aus dem BMW-Team berichten von „Abwerbeversuchen“ durch Audi. Zwischen den Fronten muss Nadine Stegenwalner agieren, Sportdirektorin des Deutschen Seglerverbandes. „Möglicherweise wäre es einfacher, wäre der Kader etwas einheitlicher organisiert“, sagt sie diplomatisch.

          Die Briten gelten momentan als die am besten geförderte und organisierte Mannschaft - und als erfolgreichste - dazu gehört auch Elliot Carney.

          Jenseits der Reibereien aber erntet die Professionalisierung des deutschen Segelsportes Anerkennung. „Aus kommerzieller Sicht machen die Deutschen einen Riesensprung“, sagt Stephen Park, der Teamchef der Briten. Ein Urteil aus berufenem Munde: Denn die Briten gelten momentan als die am besten geförderte und organisierte Mannschaft - und als erfolgreichste. „Finanziell sind unsere Segler gut abgesichert, sie sind Profis und können sich auf ihren Sport konzentrieren“, sagt Park. Rund 30.000 Pfund (etwa 35.140 Euro) erhalten die Athleten - abhängig von ihrer Leistung - im Jahr als Grundversorgung, hinzu kommen die Zuschüsse für den Segelsport.

          Scheiden sie aus dem Team aus, wird ihr Gehalt noch drei Monate fortgezahlt. Weil Segeln in Großbritannien zu einer der wichtigsten Sportarten erklärt wurde, stehen allein für die Olympiakampagne im Jahr rund 2,5 Millionen Pfund zur Verfügung, hinzu kommt die Grundförderung von etwa fünf Millionen Pfund jährlich. Damit haben sich die Briten unter anderem auf dem weltweiten Trainermarkt die Besten eingekauft. „Wir sind nicht so arrogant zu glauben, wir könnten alles alleine und besser“, sagt Park.

          „Die Briten haben uns gegenüber 14 Jahre Vorsprung“

          Den Deutschen, so Stegenwalner, stünde rund ein Sechstel der britischen Finanzierung zur Verfügung. Sorge aber bereitet Park die lange Sicht: „Wir müssen sicherstellen, dass es bei uns keinen Einbruch nach den Spielen in London gibt. Ich hoffe darauf, dass die Förderung allenfalls um zehn Prozent sinken wird.“ Auch STG hat seinen Blick längst auf Brasilien gerichtet. „Der Zug für London 2012 hat schon 2008 den Bahnhof verlassen. Die Briten haben uns gegenüber 14 Jahre Vorsprung“, meint Schwall. Für ihn sind die bislang schlechten Ergebnisse von Fremantle eher Bestätigung: „Liefe alles bestens, hätten wir uns nicht neu aufstellen müssen.“

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