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Schwimm-WM in Südkorea : Gold, Bronze, Tokio

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Der Weltmeister über 10 Kilometer Freischwimmen Florian Wellbrock (links) gratuliert seinem Teamkollegen Rob Muffels zur Bronzemedaille. Bild: AP

„Ein historischer Tag“: Die Freiwasserschwimmer Florian Wellbrock und Rob Muffels machen gemeinsame Sache und erfüllen sich über zehn Kilometer ihren Medaillen- und Olympiatraum.

          Als Florian Wellbrock Kopf an Kopf mit Marc-Antoine Olivier auf die Zielgerade im Hafenbecken der südkoreanischen Stadt Yeosu schwamm, da musste er plötzlich an Spanien denken, an Banyoles, an diesen See in Katalonien. Dort war er vor der Weltmeisterschaft ein letztes Zehn-Kilometer-Rennen geschwommen. Auch dort sollte sich der Sieg im Zweikampf mit dem Franzosen entscheiden, und schon an jenem Sonntag vor vier Wochen entschied der 21-Jährige Deutsche den Schlussspurt für sich. „Da habe ich nur gedacht, dass ich auch hier gewinnen kann“, sagte Wellbrock später.

          Olivier hatte zwar wieder einmal versucht, Wellbrock abzudrängen, indem er ihn, an der Grenze des Erlaubten, an der Schulter zog, sich auf dessen Hüfte legte, um „einmal über mich drüber zu schwimmen“, wie es Wellbrock beschrieb. Doch wie schon in Banyoles biss sich Wellbrock auch diesmal durch, schlug nach zehn Kilometern in 1:47:55,9 Stunden 0,2 Sekunden vor dem Franzosen an – und bescherte dem Deutschen Schwimmverband am Dienstagmorgen die erste Medaille bei dieser WM, noch dazu aus Gold. Bronze ging an seinen Magdeburger Teamkollegen Rob Muffels, der auf den letzten Metern ebenfalls seine Endspurtqualitäten ausspielen und noch zwei Sekunden zwischen sich und den Ungarn Kristof Rasovszky bringen konnte.

          Erstes Gold seit zehn Jahren

          Damit haben sich die deutschen Freiwasserschwimmer nach der Qualifikation von Finnia Wunram und Leonie Beck alle vier möglichen Startplätze für die zehn Kilometer bei den Olympischen Spielen 2022 in Tokio gesichert. Das ist seit der Olympia-Premiere des Rennens 2008 noch keiner Nation gelungen. Für die erfolgsverwöhnte deutsche Open-Water-Sparte sind dies nach der medaillenlosen Weltmeisterschaft vor zwei Jahren zudem die ersten Podestplätze bei einer WM. Und das erste WM-Gold über diese einzige olympische Distanz seit dem Erfolg von Rekordweltmeister Thomas Lurz vor zehn Jahren. „Das ist wirklich ein historischer Tag für uns alle“, lautete demnach auch das Urteil des Bundestrainers Stefan Lurz, Bruder des letztmaligen Gold-Gewinners.

          Für Wellbrock war es, wie er später selbst anmerkte, der sechste Sieg in einem Zehn-Kilometer-Rennen nacheinander, zuvor hatte er auf vier Weltcupstrecken und eben jenes Rennen in Spanien gewonnen. Daher habe er mitten im Rennen auch schon befürchtet: „Irgendwann muss diese Glückssträhne ja auch mal vorbei sein.“ Stattdessen aber bestätigte der Europameister über 1500 Meter die in ihn gesetzten Hoffnungen mit seinem ersten großen Titel im Freiwasser – in einem der schnellsten Rennen, dass diese Disziplin je gesehen hat: Wellbrock lag nach fünf Kilometern nur knapp über der Siegerzeit von Kristof Rasovszky über die fünf Kilometer am Samstag. Auch die Siegerzeit von 1:47:55,9 Stunde war in der Addition nicht einmal zwei Sekunden langsamer.

          Rob Muffels (l.) und Florian Wellbrock bejubeln ihre Medaillen bei der Freiwasser-WM in Südkorea.

          Ohne Wind und Wellen waren die Bedingungen wie gemacht für die starken Schwimmer im Feld. Tatsächlich aber hatte sich schon vor dem Rennen eine Allianz gebildet. „Wir hatten kein Interesse daran, dass das Rennen im Massensprint zu Ende geht, so wie das Rennen der Frauen gestern“, sagte Bernd Berkhahn, Trainer von Wellbrock und Muffels und Teamchef der deutschen WM-Schwimmer. So hatte man sich mit den Briten und den Ungarn abgesprochen, das Rennen um die zehn Olympiastartplätze mit hohem Tempo bestimmen und von vorne entscheiden zu wollen, auch 1500-Meter-Olympiasieger Gregorio Paltrinieri war eingeweiht. Tatsächlich war es der Italiener, der viel Führungsarbeit leistete, dann aber auf der letzten Runde zurückfiel und als Sechster anschlug.

          Dass es für Muffels und Wellbrock zu einer Top-Ten-Plazierung und damit zur Olympia-Qualifikation reichen würde, war ohnehin schon seit zwei Jahren abgemachte Sache. Zumindest für die beiden Teamkollegen. Damals haben sie beschlossen, den Weg nach Olympia gemeinsam zu gehen. „Wir haben unsere Vorbereitung so gestaltet, dass wir gar nicht von der Seite des anderen weichen“, sagte Wellbrock. Auch in Yeosu sah man sie nur zusammen. Eine Flagge mit den fünf Ringen im gemeinsamen Zimmer habe das Ziel angezeigt, zusätzlich habe man sich „gegenseitig immer mal ein paar Sprüche gedrückt“, sagte Wellbrock. „Du wirst Elfter“ – „Nein, du fliegst raus“ soll es dann schon mal geheißen haben.

          Was merkwürdig anmuten mag, war für diese beiden Freunde und Konkurrenten offenbar genau der richtige Weg, mit dem Druck umzugehen, dass dieses Rennen bereits ein Jahr vor Tokio darüber entscheiden würde, ob sich der Traum von Olympia erfüllt – oder eben nicht. Dass sie trotz der Konkurrenz auf derselben Strecke seit vielen Jahren Tag für Tag gemeinsam arbeiten, sehen beide als Vorteil. Wellbrock habe etwa in der Vergangenheit viel von dem im Freiwasser erfahreneren Muffels lernen können. Heute sei es umgekehrt: „Ich stelle Dinge um, weil ich gesehen habe, dass es bei ihm funktioniert“, sagte Muffels und stellte auch vor dem Rennen stets klar, „dass unsere Freundschaft Priorität hat vor der Konkurrenz“.

          Tatsächlich hat auch im Rennen Wellbrock schon mal die Seite gewechselt, wenn er gemerkt hat, dass Muffels Probleme hatte. Der wiederum hatte auf der letzten Runde versucht, Olivier abzudrängen, damit Wellbrock Platz zum Wegziehen hat „und Flo und ich dann auf eins und zwei schwimmen können“. Ein Manöver, für das er sogar eine Verwarnung kassiert hatte. Da aber eben Muffels laut seines Trainers derjenige mit der besseren Übersicht sei und viel vorausschauender agiere, verwunderte es nicht, dass Wellbrock nach dem Rennen sagte: „Ich hab gesehen, dass da einer war, aber ich wusste nicht, dass Rob das war.“ Vielleicht war Wellbrock in diesem Moment im Rennen bereits in Spanien, am See von Banyoles. Für Gold und Bronze hat es trotzdem gereicht.

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