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WM der Schützen : Die Zukunft im Visier

Eine WM zum Dank: Sonja Pfeilschifter ist schon auf der Ehrenrunde und gewinnt dabei mit dem Team den Titel Bild: Picture-Alliance

Die deutschen Schützen stellen sich bei der Weltmeisterschaft neu auf - und starten mit einer Goldmedaille. Bei dem radikalen Umbruch geht es um olympische Perspektiven und viel Geld.

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          Der Deutsche Schützenbund ohne Sonja Pfeilschifter? Eigentlich unvorstellbar. Schließlich steht die heute 43 Jahre alte Gewehrschützin für zwei Jahrzehnte gelebte Schießsportgeschichte. Vor genau zwanzig Jahren, bei der Weltmeisterschaft 1994 in Mailand, gewann die Bayerin ihren ersten Titel. Sechs weitere sind seitdem hinzugekommen, dazu Dutzende bei kontinentalen und nationalen Entscheidungen. Nun aber ist Schluss, fünfzehn Kilometer vor den Toren Granadas, auf der spanischen Vorzeige-Schießanlage Juan Carlos schließt sich der Kreis. Es ist kein freiwilliges Karriereende, denn Sonja Pfeilschifter hätte es ihren Kritikern gerne noch einmal bei Olympia gezeigt. Dem aber steht eine Übereinkunft im Wege, die sich „Zielvereinbarung“ nennt und nach dem Desaster von London zwischen Verband und Athleten getroffen wurde.

          „Wir haben ganz klar besprochen, dass Olympia 2016 für Sonja Pfeilschifter keine Rolle mehr spielt“, sagt Heiner Gabelmann, Wir planen Richtung Rio nicht mehr mit ihr", so der Sportdirektor des Deutschen Schützenbundes (DSB). „Hier bei der WM hat sie noch einmal die Chance, mit einem guten Ergebnis von der Bühne abzutreten.“ Am Dienstag gelang das auf Anhieb, denn die Luftgewehrschützinnen holten im Teamwettbewerb Gold - in der Besetzung Barbara Engleder, Sonja Pfeilschifter und Lisa Müller. Das Trio gewann souverän mit 1253,6 Ringen vor China (1250,5 Ringe), den Weltrekord verpasste es nur um einen Zehntelring. Für Pfeilschifter gab es danach im Einzel sogar noch Bronze obendrauf - ein Traumstart also.

          Makel bei Olympia als Belastung 

          Sonja Pfeilschifter ist keine einfache, keine pflegeleichte Athletin. Sie hat sich zeit ihres globalen Wirkens zwar stets als selbstbewusste Sportlerin präsentiert, die strebsam ihren Weg gegangen ist. Doch mit ihrer direkten, offenen Art hat sie sich zugleich nicht immer Freunde gemacht. Ihr großes Manko: Ihrer beeindruckenden Laufbahn fehlt die olympische Krönung. Fünfmal hatte sie der Deutsche Schützenbund als meist große Favoritin ins Rennen um Gold geschickt. Fünfmal versagten ihr in den entscheidenden Momenten die Nerven. Ausbeute 1992 in Barcelona, 2000 in Sydney, 2004 in Athen, 2008 in Peking und 2012 in London: null. Kein Gold, kein Silber, kein Bronze.

          Für die zweimalige Weltschützin der Jahre 1998 und 1999 wurden Olympische Spiele zum Trauma. Besonders die Pleite in London schmerzte. Um sie vom psychologischen Druck zu befreien, die allseits erwartete Goldmedaille mit dem Luftgewehr zu gewinnen und dadurch für die gesamte deutsche Olympiamannschaft als Katalysator zu wirken, verzichtete der Schützenbund auf die Nominierung seiner besten Schützin. Sonja Pfeilschifter sprach damals in den bittersten Tagen ihrer Karriere von „Kaltstellung“. Der DSB konterte, verteidigte seine Entscheidung damit, ihre Medaillenchancen im Sportgewehr zu erhöhen. Ergebnis: Platz 19.

          Der Sportchef will Erfolge - sofort

          Granada, zwei Jahre später. Die sogenannte große Schieß-WM, die wie die Olympischen Spiele nur alle vier Jahre ausgetragen wird, ist für den Deutschen Schützenbund von besonderer Bedeutung. Nicht nur der Abschied von Sonja Pfeilschifter ist ein Thema, sondern auch der radikale Umbruch, in dem der Verband steckt. Weg von den alten, erfahrenen, etablierten Schützen, hin zu den jungen, talentierten Athleten mit Perspektive. „Die Jungen sollen hier in Granada zeigen, wo sie stehen“, sagt Sportdirektor Gabelmann. Er setzt auf das „Top Team Future“ - aber ohne “Freischüsse" zuzugestehen. Denn die Talente sollen schon heute Topleistungen bringen. „Das erwarte ich von jedem“, sagt Gabelmann. „Ich erwarte von jedem Topleistung."

          Schließlich ist die deutsche Delegation mit Sportlern, Trainern und Betreuern 120 Personen stark, das Bundesinnenministerium gibt allein für die fünfzehn olympischen Schießsportdisziplinen 230.000 Euro. „Zwei Medaillen“, sagt Gabelmann, sollen es während der zwei WM-Schützenwochen in der Sierra Nevada schon werden. Und weil insgesamt sechs Finalteilnahmen angestrebt werden, lässt sich vermutlich auch der Wunsch nach den ersten Quotenplätzen für Olympia 2016 am Zuckerhut verwirklichen, die in Granada vergeben werden - und den Sonja Pfeilschifter für  den DSB tatsächlich als Erste holte. „Wir sind in einer Umbruchsituation“, sagt  Gabelmann. Der Plan: sich unter den besten fünf Schießsportnationen zu  etablieren. Im Wettstreit mit Italienern, Russen, Chinesen und Amerikanern  sollen es die jungen Deutschen richten. Sonja Pfeilschifter nicht mehr.

          Mit  Freudentränen in den Augen, versöhnt und mit sich im Reinen, sagte sie nach  ihrem dritten Platz im Einzelfinale: „Ich bin von nichts ausgegangen und habe  Bronze geholt, was sich wie Gold anfühlt. Die letzten zwei Jahre sind hart für  mich gewesen. Aber so aufzuhören: Das ist ein Traum für mich.“

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