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K.o. im Wembley-Stadion : Klitschko muss sich die Sinnfrage stellen

  • -Aktualisiert am

Der Riese wankt und fällt: Wladimir Klitschko verliert in London. Bild: dpa

In einer für ihn brutalen Nacht verliert Wladimir Klitschko vor 90.000 Fans den spektakulären WM-Kampf gegen Anthony Joshua nach Abbruch. Vier schwere Kopftreffer bedeuten mehr als nur eine Niederlage.

          Nach der für ihn so brutalen Nacht von London wird sich Wladimir Klitschko die Sinnfrage stellen müssen. Vier schwere Kopftreffer, die in der elften Runde zum Abbruch durch den amerikanischen Ringrichter David Field führten, setzten zugleich vier Fragezeichen. Nämlich, ob es eine Fortsetzung der Karriere des ehemaligen Weltmeisters im Schwergewicht geben wird. Der Brite Anthony Joshua bleibt nach dem Technischen k.o. IBF-Champion und hat sich außerdem den zuvor vakanten Titel als Superchampion der Boxverbandes WBA gesichert.

          Und Klitschko? Er werde Tage, ja Wochen brauchen, um das Erlebte zu analysieren, sagte der im Gesicht arg gezeichnete Ukrainer. Als Joshua dessen Arm als Zeichen des Respekts in die Höhe reckte, schien es dem Mann, der die Königsklasse des Boxens über Jahrzehnte dominiert hatte, fast peinlich. Joshua bestand darauf, den Verlierer als Legende zu adeln, aber in diesem Moment hatte Wladimir Klitschko nichts mehr mit dem Adonis gemein, der einst seine Gegner in Schach hielt und sie in 63 Duellen besiegte.

          Die fünfte Niederlage, die zweite in Folge nach der Pleite gegen den unorthodoxen Tyson Fury befeuert die Altersfrage. Joshua, heute 27, war gerade sieben Jahre alt, als Klitschko sein Profidebüt gab. Der Londoner Preisboxer blickt erst auf inzwischen 19 Kämpfe als Berufsboxer zurück. Normalerweise genießen Newcomer in diesem Stadium noch Welpenschutz dank ihrer Promoter.

          Trainer und Bruder von Klitschko werden laut

          Es war die sechste Runde, in der alles dafür sprach, dass der Veteran den makellosen Kampfrekord des Athleten, der noch bei seiner Mutter im Norden Londons lebt, ruinieren würde. Nach zwei Runden mehr oder weniger im gegenseitigen Beobachtungsstadium, war Joshua der geschmeidigere, aktivere Boxer. Klitschko, der mit 109,1 Kilogramm so leicht über die Waage gegangen war wie seit sieben Jahren nicht mehr, bewegte sich flotter als je zuvor, ohne sich geschlagene vier Runden Respekt zu verschaffen. Weil er, auch das ist ein allzu bekanntes Muster seines risikominimierenden Stils, den Jab bevorzugt und die rechte Schlaghand nur spärlich einsetzt.

          Trainer Jonathan Banks und Bruder Witali mussten laut werden, bis sie in Runde fünf erhört wurden. Von der Schlaghand getroffen, ging Joshua zu Boden, richtete sich wieder auf, und sah mit einem Schlag gegen den nachsetzenden Herausforderer wie der kommende Verlierer aus. Der frische Cut über dem linken Auge Klitschkos war kein Thema mehr angesichts des nach dem Gong in seine Ringecke wankenden Joshua.

          Auf dem Boden in Wembley: Wladimir Klitschko nach dem technischen K.o. Bilderstrecke

          Diese vom Rivalen heraufbeschworene Gefahrenzone war Neuland für diesen Frischling im Schwergewicht. Klitschko auf der Jagd nach altem Status und Gürtel, nahm Witterung auf. Der Weltmeister plötzlich im roten Bereich, reif für den entscheidenden Treffer. Aber Klitschko stellte das Muskelpaket nicht, diesen Mann, der mit 113,4 Kilogramm so schwer war, wie noch in keinem seiner Auftritte als Profi zuvor. Mit jeder weiteren Minute wirkte Klitschko wie ausgezehrt, als hätte er eine Hungerkur hinter sich. Joshua verkörperte das Gegenmodell. Als sei er einem Jungbrunnen entstiegen, wurde er, gerade selbst noch am Rande des K.o von Sekunde zu Sekunde stärker, als habe es den Einschlag der rechten Hand Klitschkos nie gegeben.

          Plötzlich war sie wieder da, diese Stimmung von 90.000 Zuschauern im Wembley-Stadion, ein Mix dessen, was man hierzulande aus Fußballstadien und Popkonzerten kennt. In Runde elf traf Joshua nach Belieben. Im Repertoire eine fürchterliche Rechte ans Kinn, eine Linke an die Schläfe. Zwei Mal ging Klischko zu Boden. Einmal fiel er wie eine Bahnschranke, dann knickte der Körper ein, sank in Zeitlupe auf den Ringboden. Mister Field beendete den ungleich gewordenen Zusammenprall zweier Schwergewichte keine Minute zu früh, allenfalls zu spät. Es war der Ringarzt, der sich in den Minuten danach des Matadors von einst widmete.

          „Die Beine waren super, das Kinn nicht ok“

          Hinterher formulierte Klitschko immer noch druckreif, verbarg seine Enttäuschung hinter einer Maske des Lächelns. Und auf die Frage, was schiefgelaufen sei, antwortete er: „London“, und ergänzt an die Adresse derer auf den Rängen: „Ich hoffe, ihr hattet Spaß, aller Respekt gilt euch.“ Eine Anspielung auf den Heimvorteil? Im Kampfvertrag, so verrät er, gibt es eine Rückkampfklausel. Schwer nachzuvollziehen, dass das Klitschko-Management das Wagnis eingeht, nach den Erfahrungen von London abermals ins Risiko zu gehen. Andererseits: „Ich war kurz vor dem Sieg, habe es nicht hingekriegt, es hat nur ein bisschen gefehlt“, lautete Klitschkos Schnellanalyse.

          Das klang dann schon wieder, als sei die Mission Comeback auf den Schwergewichtsthron kein hoffnungsloser Fall. Die alten Recken am Ring wie Evander Holyfield und Lennox Lewis, zwei ehemalige Weltmeister im Schwergewicht, rieten Klitschko, wenn auch verklausuliert, einen Schlussstrich zu ziehen. Beide spielten auf den Faktor Alter an. „Die Beine waren super, das Kinn nicht ok“, sprach Lewis. Und dann kam der Satz, der als Schlusswort dieser Nacht taugte: „Er wird nicht jünger.“

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