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Studie zu Weitspringer Rehm : Eindeutig uneindeutig!

Bild: Reuters

Wird Weitspringer Markus Rehm dank seiner Prothesen bevorteilt? Die Wissenschaft hat sich dieses speziellen Falles angenommen – und stößt an ihre Grenzen. Die Hoffnung auf eine Teilnahme bei Olympia lebt.

          3 Min.

          Das Ding, um das sich alles dreht, lag auf einem Tisch. Ein Stück Carbon in elegant geschwungener Form, vielleicht zwei Zentimeter dick, an den Seiten gelb lackiert. Oben ein Schaft mit Strumpf, unten eine Sohle aus Gummi mit Spikes: Das ist die Sprungprothese von Markus Rehm. Jeder konnte sie inspizieren, auch anfassen, am Montag im Deutschen Sport- und Olympia-Museum in Köln. Ein klares Bild, was es mit dieser Prothese auf sich hat, ergab sich jedoch nicht.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Die Frage, ob der unterschenkelamputierte Rehm mit seinem künstlichen Bein einen Vorteil oder einen Nachteil besitzt, blieb weiter unbeantwortet. Und mit ihr bleibt offen, wie es weitergeht in dieser Angelegenheit, die den Sport nun schon seit längerer Zeit beschäftigt – und die bei allen berechtigten Interessen auch für ein Klima des Misstrauens und der Abgrenzung in der deutschen Leichtathletik – und darüber hinaus – geführt hat.

          „Eine deutliche Ablehnung“

          Das wurde deutlich, als Professor Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln seinen auf Englisch gehaltenen Vortrag unterbrach, und eine persönliche Anmerkung auf Deutsch einfügte. Die Wissenschaftler, die sich mit dieser Frage beschäftigten, sagte er, hätten „eine deutliche Ablehnung aus der deutschen Leichtathletikszene erfahren“, es sei ihnen unterstellt worden, ihre Studie sei „nicht seriös“ und vielleicht ein „Gefälligkeitsgutachten“. Dagegen verwahrte sich Professor Potthast natürlich. Und die Ergebnisse, die er vortrug, waren auch nicht so, dass sie die Erfüllung von Rehms Wunsch wahrscheinlicher gemacht hätten. Ein Start bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erscheint, auch angesichts der fortgeschrittenen Zeit, kaum realisierbar, auch wenn Rehm sagte, dass er die Sache „etwas optimistischer“ sehe.

          Vorteil oder Nachteil – mit dieser Frage hatten sich Wissenschaftler von drei verschiedenen Forschungseinrichtungen befasst, dem Institut für Biomechanik und Orthopädie der DSHS, einem Institut in Tokio und der University of Boulder im amerikanischen Bundesstaat Colorado. Das Ergebnis nach Messungen in Köln und Tokio, bei denen Rehm und zwei weitere unterschenkelamputierte Springer sowie sieben nichtbehinderte Vergleichsathleten aus der internationalen Spitze teilnahmen, war eindeutig uneindeutig.

          Zum einen, so referierte es Studienleiter Potthast, besäßen Weitspringer mit Prothese einen klaren Nachteil, weil sie bei ihrem Anlauf weniger Kraft auf die Bahn brächten und deshalb eine geringere Geschwindigkeit erreichten als Athleten mit zwei natürlichen Beinen. Auf der anderen Seite hätten sie aber auch einen Vorteil, weil ihr Absprung durch die Kraftspeicherung und -übertragung durch die Prothese effizienter sei. Bei der Frage nun, ob und wie Bonus und Malus gegeneinander abzuwägen seien, musste die Forschung passen – zu unterschiedlich seien die Bewegungsabläufe. Was tun also? Rehm interpretierte die Ergebnisse eher in seinem Sinne. „Unterm Strich ist kein Vorteil durch die Prothese festzustellen“, sagte er. Und deshalb: „Im Zweifel für den Angeklagten.“

          Was sein weiteres Vorgehen betrifft, wollte sich der 28 Jahre alte Sportler nicht uneingeschränkt festlegen. Zwar seien die Paralympischen Spiele, die im September in Rio de Janeiro stattfinden, sein Saisonhöhepunkt, er habe aber die Hoffnung auf Olympia nicht aufgegeben – und sei es in getrennter Wertung. „Was genau ist das Problem eines gemeinsamen Wettkampfs mit getrennter Wertung?“, fragte er. „Wovor hat man Angst?“ Ihm gehe es nicht darum, eine Medaille zu gewinnen – seine Bestweite von 8,40 Metern hätte 2012 in London olympisches Gold bedeutet –, sondern ein Zeichen für Inklusion zu setzen. Mit Blick auf eine mögliche Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) sagte er, das sei „nicht mein erster Weg“. Er wolle vielmehr „den olympischen und den paralympischen Sport näher zusammen bringen“.

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          Rehm und Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS), sehen nun den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) in der Pflicht. „Ich erwarte, dass ein Schritt auf mich zu gemacht wird“, sagte Rehm. Er und Beucher klagen zum einen über eine Verweigerungshaltung beim Weltverband, die eine inhaltliche Debatte über das Thema unmöglich mache. Zum anderen hatte die IAAF ihr Regelwerk im vergangenen Jahr zum Nachteil der Sportler mit Prothese novelliert. Sie müssen seitdem, um in einem gemeinsamen Wettkampf starten zu dürfen, den Nachweis führen, dass technische Hilfen ihnen keinen Vorteil verschaffen. Wie das überhaupt gehen soll, ist die Frage, die sich nach der jüngsten Fall-Studie mit begrenzter Aussagekraft umso mehr stellt.

          So war am Montag auch die Rede von einem „Zwischenergebnis“. Rehm kündigte an, dass er die Ergebnisse noch ein bisschen genauer studieren wolle – und vielleicht noch ein bisschen mehr. „Es kann sein, dass man weitere Untersuchungen braucht“, sagte er. Wo das hinführen soll, konnte sich jeder selbst ausmalen.

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