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Winterspiele 2018 : Olympia braucht München

Vor allem Bolzplätze in der Stadt sind rar. Der einzige gebürtige Münchner, der es im Sport zu bleibendem Weltruhm brachte, staunte vor zwei Jahren nicht schlecht, als er von einem TV-Sender auf die Anlage seines Jugendklubs eingeladen wurde. Der weitläufige Rasenplatz in Giesing, auf dem Franz Beckenbauer in den fünfziger Jahren die ersten eleganten Vorstöße Richtung Tor gestartet hatte, war inzwischen zu einem eingezäunten Kunstrasenfeld geworden, umrahmt von einer Wand von fünfstöckigen Wohnhäusern.

Sportveranstaltungen müssen allererste Klasse versprechen

Die vielen Möglichkeiten, die die Weltstadt bietet, haben eine Kehrseite: München hat ein sportliches Publikum, aber kein Sportpublikum. Eher ein Event-Publikum. Um die Leute, verwöhnt vom reichen Kultur- und Freizeitangebot, als Zuschauer zu gewinnen, müssen Sportveranstaltungen hier allererste Klasse versprechen. Das gelingt regelmäßig nur dem FC Bayern, im Fußball, demnächst wohl auch im Basketball. Fast alles andere bleibt Schattengewächs. Die Sechziger und die Hachinger sind nur knapp dem Absturz in die Amateurklasse entkommen. Eishockey und Volleyball blieben auch erstklassig Nischenprodukte. Und der einst bedeutende Milbertshofener Handball ist lange von der Bildfläche verschwunden.

Anders als in Berlin, Hamburg oder Köln gibt es in München keinen international bedeutenden Stadt-Marathon oder ein großes Profi-Radrennen. Das örtliche Tennisturnier hat ein schönes Ambiente, aber international nur begrenzte Bedeutung. Das Golfturnier in Eichenried wechselt von 2012 an im Zweijahresrhythmus nach Köln. Und doch ändert all das nichts daran, dass München jedem großen Sportereignis ein besonderes Flair verleiht – spätestens seit den Olympischen Spielen 1972, die der Welt ein neues München-Bild gaben.

München wäre für Olympia 2018 die logische Wahl

Dass Willi Daume München als Olympiabewerber durchsetzte, war ein Glücksgriff, aber er erforderte Mut. Damals war ein bestimmter Teil der Münchner Vergangenheit noch weltweit präsent. 1935 war die Stadt von Hitler zur „Hauptstadt der Bewegung“ ernannt worden – was ganz und gar nicht sportlich gemeint war, sondern als Hinweis auf die Anfänge der nationalsozialistischen „Bewegung“, die in München ihre Parteizentrale hatte, das „Braune Haus“. Für die Nazis war Sport ein Mittel menschlicher Mobilmachung und kollektiver Kriegsertüchtigung. Olympia in München 1972 stand für eine völlig andere Idee als Berlin 1936: Sport als individuelles Glück, als aktives, selbstbestimmtes Leben.

Zumindest bis zum Mordanschlag auf die israelischen Sportler, der an der positiven Nachwirkung nichts ändern konnte, bot München Spiele von einer Leichtigkeit, wie sie seitdem allenfalls in Barcelona 1992 und in Sydney 2000 wieder erreicht wurde und bei Winterspielen nur in Lillehammer 1994. Deshalb wäre die Stadt, in deren Umland es nichts gibt, was man nicht tun kann, wenn man sich bewegen will, im Sommer wie im Winter, wäre München also die logische Wahl: als erste Stadt, die nach Sommerspielen auch Winterspiele austragen darf. Sie hat eine Tradition von gelebter Sportlichkeit, die den allzu kommerzialisierten Spielen gut täte. München braucht Olympia nicht. Olympia braucht München.

München liegt nur noch hauchdünn hinten

Am Mittwoch wird Jacques Rogge, der Präsident der Internationalen Olympischen Komitees (IOC), in der südafrikanischen Stadt Durban das Wort des Jahres im deutschen Sport sprechen: Pyeongchang oder München. Den Ort der Olympischen Winterspiele 2018 bestimmen zuvor seine 109 IOC-Kollegen in geheimer Wahl. Der deutsche Bewerber muss hoffen, dass der südkoreanische Rivale wie bei den Bewerbungen für 2010 und 2014 im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit knapp verpasst - und darauf, im zweiten die Stimmen des dann wohl ausgeschiedenen französischen Außenseiters Annecy einzusammeln.

Im „BidIndex“ des Branchendienstes „GamesBids.com“, der die Chancen laufend bewertet, lag München eine Woche vor der Entscheidung nur noch hauchdünn hinter Pyeongchang. Allerdings gelten Winter-Wahlen als besonders unwägbar. Die meisten IOC-Mitglieder kommen aus Ländern ohne Wintersport. Sie vergeben ihre Stimmen oft taktisch. Von Vorteil kann für München sein, dass Tokio nach dem schweren Erdbeben eine Bewerbung für 2020 angekündigt hat. Weil aufeinanderfolgende Winter- und Sommerspiele kaum in dieselbe Weltregion vergeben werden, dürften die Stimmen der Japaner und derer, die sie unterstützen, nach Bayern gehen. (cei.)

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