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Wimbledon : Sabine Lisicki wird zur Alleinunterhalterin

Die letzte Deutsche:Sabine Lisicki setzte sich gegen Misaki Doi durch Bild: REUTERS

Nach Andrea Petkovic scheidet Julia Görges in Wimbledon aus. Sie verliert ihre Drittrunden-Partie gegen Dominika Cibulkova. Besser macht es Sabine Lisicki, die Misaki Doi besiegt - und damit die letzte verbliebene Deutsche ist.

          Andy Roddick sagte in diesen Tagen von Wimbledon einen Satz, den es sich zu überdenken lohnt. „Wir alle neigen dazu, die Gegenwart etwas zu überschätzen“, sagte der in der dritten Runde überraschend gescheiterte Amerikaner. Was der Wimbledonfinalist der Jahre 2004, 2005 und 2009 meinte, war zwar die allgemeine Hysterie um die Dominanz von Rafael Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic. Sie hat dazu geführt, dass gern und unwidersprochen behauptet wird, derzeit sei im Herren-Tennis die Qualität an der Spitze so hoch wie noch in der Geschichte des Spiels. „Ich habe früher gegen Agassi und Sampras gespielt“, erinnerte Roddick, „und wirklich schlecht waren die auch nicht.“

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Mit dem Hype um die großen Drei im Herrentennis ist die aufkommende Aufregung um die deutschen Damen zwar bei weitem nicht vergleichbar, aber Roddicks allgemeine Warnung enthält mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Seit Andrea Petkovic bis auf den elften Platz der Weltrangliste und Julia Görges bis auf den sechzehnten Rang vorrückten, sind die Erwartungen nicht nur in der Heimat gestiegen.

          Selbst Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner stieg in einer Prognose vor Wimbledon hoch ein. „Ich würde mich nicht wundern, wenn eine hier das Halbfinale erreichte“, sagte sie und schloss dabei Sabine Lisicki mit ein, die mit ihrem Turniersieg in Birmingham bewiesen hatte, dass wieder mit ihr zu rechnen ist - und das in Wimbledon mit einem spektakulären Zweitrundensieg über die Weltranglistenvierte Li Na abermals bekräftigte.

          Aus in Wimbledon: Julia Görges verlor am Samstag in London

          Schon bei der ersten Frage kommen Andrea Petkovic Tränen

          Der Druck auf die deutschen Damen aber ist gewachsen. Der Dornröschenschlaf des deutschen Tennis soll endlich beendet werden, und da hilft es extrem, dass die Erfolge von Andrea Petkovic und Julia Görges vor allem auf dem Boulevard mit allerlei Schlagzeilen begleitet wurden. Dass für beide in Wimbledon das Einzelturnier in der dritten Runde beendet war, kann da aber leicht zur Irritationen führen und die Erwartungsblase schnell platzen lassen.

          Bei Andrea Petkovic hatte sowohl die unerwartete 4:6- und 6:7-Niederlage gegen die Russin Ksenia Pervak als auch ihre eigene rätselhafte Leistung sogar drastische Folgen. Schon bei der ersten Frage in der Pressekonferenz kamen die Tränen, nur mit Mühe konnte die 23 Jahre alte Darmstädterin die Gesprächsrunde beenden und verschob danach weitere Termine vor Fernsehkameras auf den Samstagmorgen.

          „Die Mädels trainieren sehr hart, machen alles, um erfolgreich zu sein“

          Der Stachel der Enttäuschung, es nach den Viertelfinalteilnahmen in Melbourne bei den Australian Open und in Paris bei den French Open diesmal vermasselt zu haben, saß offenbar ziemlich tief, dabei hätte die das Profigeschäft oft mit tiefgründigen Bemerkungen kommentierende Einser-Abiturientin das Ganze auch guten Gewissens relativen können. Schließlich hatte sie in diesem Jahr im vierten Anlauf erstmals überhaupt die erste Runde überstanden. „Aber das Erreichen der dritten Runde fühlt sich mittlerweile anders an, als es dass im vergangenen Jahr getan hätte“, sagte sie nach einem Tag, an dem sie neben sich gestanden hatte.

          „Die Mädels trainieren sehr hart, machen alles, um erfolgreich zu sein“, lobt Barbara Rittner ihre Spielerinnen, aber ein wenig Skepsis bleibt dennoch. „Was wir jetzt haben, ist ein kleiner Aufschwung, der mehr auf harter Arbeit basiert, weniger auf Talent. Ob das nachhaltig sein wird, weiß noch niemand“, sagte sie dem „Spiegel“ in einem Interview.

          „Ich hatte meine Chancen, aber ich habe sie liegen gelassen“

          Das gilt auch für Julia Görges, die nicht weit, aber in Wimbledon trotzdem vorangekommen ist. Auch sie erreichte erstmals die dritte Runde im prestigeträchtigsten Turnier der Welt, aber bei ihrer 4:6, 6:1 und 3:6-Niederlage gegen die in der Weltrangliste acht Plätze schlechter notierte Slowakin Dominika Cibulkowa wurde am Samstag die ganze Problematik der deutschen Damen deutlich: Die absolute Weltspitze ist nicht weit entfernt, wie diverse Siege gegen arrivierte Kolleginnen in diesem Jahr bewiesen haben, aber viele knapp hinter ihnen plazierte Gegnerinnen sind eben auch nicht allzu viel schlechter - wenn überhaupt.

          „Ich hatte meine Chancen, aber ich habe sie liegen gelassen“, sagte die 22 Jahre alte Bad Oldesloerin. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das nur für diese Drittrundenniederlage galt oder die allgemeine Situation beschreibt. Die Durchlässigkeit an der Weltspitze, der es derzeit an dominanten Spielerinnen mangelt, macht in Deutschland viele Träume möglich.

          „Ich glaube, dass sie hier ziemlich weit kommen kann“

          Und auch Barbara Rittner muss mit ihrer gewagten Turnierprognose nicht einmal falsch liegen - mit Sabine Lisicki erreichte am Samstag die Dritte im Bunde mit einer soliden Leistung und einem souveränen 6:4 und 6:2 über die japanische Qualifikantin Misaki Doi das Achtelfinale. Und auch wenn man die Gegenwart nie überschätzen sollte: Nach den bisher gezeigten Leistungen ist sie dort gegen die Tschechin Petra Cetkovska, die Ana Ivanovic aus Serbien aus dem Wettbewerb warf, sogar Favoritin.

          Ein spektakuläres Viertelfinale gegen Serena Williams erscheint da als Möglichkeit am Horizont. „Ich glaube, dass sie hier ziemlich weit kommen kann“, hatte Julia Görges über ihre Kollegin Sabine Lisicki gesagt. Sicher ist bisher, dass die Berlinerin von 19 gestarteten deutschen Profis nun die Alleinunterhalterin von Wimbledon spielen muss.

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