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Wimbledon : Rätselraten über das Geld der Jie Zheng

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„Je besser man spielt, je mehr darf man behalten”: Jie Zheng sorgt in Wimbledon für Aufsehen Bild: AFP

Mit dem Erreichen des Halbfinals hat Jie Zheng Tennisgeschichte geschrieben. Doch keinen Penny ihres in Wimbledon gewonnenen Preisgeldes wird die Chinesin behalten. Sie will es spenden. Steckt Freiwilligkeit oder Zwang dahinter?

          Selbst im Profisport Tennis gibt es noch Geheimnisse, die sich selbst durch hartnäckiges Nachfragen nicht ergründen lassen. Wie groß ist der Anteil, den chinesische Profis von ihrem Preisgeld an den Verband abgeben müssen? „Das ist eine schwierige Frage. Der Verband zahlt ja die Reisen. Und außerdem hängt es davon ab, wie gut man spielt. Je besser man spielt, je mehr darf man behalten“, antwortete Jie Zheng.

          Die junge Frau aus Chengdu, der Provinzhauptstadt von Sichuan, hat in diesem Jahr in Wimbledon nicht nur sehr gut gespielt. Sie hat mit dem Erreichen des Halbfinals sogar zwei neue Kapitel Tennisgeschichte geschrieben. Sie ist nach ihrem 6:2-, 5:7-, 6:1-Viertelfinalsieg gegen die favorisierte Tschechin Nicole Vaidisová die erste Chinesin, die bei einem der vier Grand-Slam-Turniere in der Vorschlussrunde steht. Sie ist die erste Spielerin, der dieser Coup glückte, obwohl sie nur mit einer Wildcard ins Hauptfeld gerückt war.

          Welche Summe spendet Jie Zheng tatsächlich?

          Und trotzdem wird die 1,64 Meter große Asiatin nach dem Turnier ohne einen Penny aus England in ihre von einem Erdbeben verwüstete Heimat zurückkehren, obwohl sie vor dem Match an diesem Freitag gegen Serena Williams schon rund 187.500 Pfund (rund 237.000 Euro) spielend verdient hat: „Ich werde meinen gesamten Anteil am Preisgeld für die Opfer spenden. Nach Wimbledon werde ich mich der Wohltätigkeitsarbeit widmen und versuchen, mehr Leute dazu zu ermutigen, die betroffene Region zu unterstützen, damit die Leute so schnell wie möglich neue Wohnungen haben“, ließ sie über eine Dolmetscherin ausrichten.

          Welche Summe die Tennisspielerin spendet und ob der chinesische Tennisverband in diesem Fall auf seinen Anteil verzichtet, war nicht zu erfahren. Aber ansonsten gibt sich die Außenseiterin, mal in holprigem Englisch, mal mit Hilfe einer Dolmetscherin, ganz offen. Sie erzählte von ihren Tennisanfängen, davon, dass niemand in ihrer Familie Tennis gespielt habe und sie nur durch Zufall zum Tennis gekommen sei. Bei nur einem Trainer für zwanzig Kinder habe sie vor allem durch Nachahmen gelernt. Selbstverständlich habe sie nie erwartet, bei diesem Turnier so weit zu kommen.

          „Ich kann nicht glauben, dass ich es geschafft habe“

          „Keines meiner Matches war leicht. Ich habe immer mein Bestes versucht und habe immer weitergemacht. Ich kann nicht glauben, dass ich es bis ins Halbfinale geschafft habe.“ Denn Jie Zheng hatte es als 133. der Weltrangliste fast ausnahmslos mit höher eingestuften Kolleginnen zu tun. Mit Ausnahme des Zweitrundenerfolgs gegen die Engländerin Elena Baltacha (158.) waren ihre Siege gegen die Tschechin Dominika Cibulková (30. der Weltrangliste), die Serbin Ana Ivanovic (1.), gegen die Ungarin Ágnes Szávay (15.) und am Dienstag gegen Nicole Vaidisová (22.) zumindest auf den ersten Blick Riesenüberraschungen.

          Schaut man genauer hin, relativiert sich das Erstaunen. Denn erstens ist die Chinesin eine Rasenspezialistin, die ihre Vorliebe für diesen schnellen Untergrund nach jedem ihrer Siege als eines der Erfolgsrezepte anführte. Sie gewann vor zwei Jahren gemeinsam mit ihrer Landsmännin Yan Zi die Doppelkonkurrenz in Wimbledon, einer von drei Grand-Slam- und insgesamt elf Doppeltiteln. Zudem ist ihr Spiel, vor allem ihre beidhändige Rückhand, die fast ohne Spin über das Netz kommt und ganz flach abspringt, eine vorzügliche Waffe gegen Gegnerinnen, die meist mindestens einen Kopf größer sind. Und schließlich täuscht ihre niedrige Einstufung in der Weltrangliste. Denn vor ihrer Fußoperation im vorigen Jahr, die sie für fast die gesamte Saison außer Gefecht setzte, hatte sie es schon bis auf Platz 27 im Branchenranking geschafft.

          „Zhengs Erfolge haben nichts mit Glück zu tun“

          Dennoch: Gegen Serena Williams, deren Aufschläge im Schnitt mehr als dreißig Kilometer pro Stunde schneller heranrauschen, gibt ihr kaum jemand eine Chance oder traut ihr zu, ihren 25. Geburtstag am Samstag mit der Endspielteilnahme zu krönen. „Serena hat hier zweimal gewonnen und ist auf Gras eine sehr prominente Spielerin. Dazu stehe ich zum ersten Mal im Halbfinale“, sagt sie ganz bescheiden, fügt aber an: „Natürlich wünsche ich mir zu gewinnen.“ Sie erinnerte außerdem daran, dass sich die beiden Frauen schon einmal in Wimbledon gegenübergestanden hatten. Es war ein kurzes Vergnügen für die Außenseiterin.

          2004 verlor sie in der ersten Runde gegen die damalige Titelverteidigerin in nur 66 Minuten 3:6, 1:6. Die hohe Favoritin aus den Vereinigten Staaten nimmt die letzte Hürde vor dem allseits erwarteten dritten Schwesternduell nach 2002 und 2003 im Finale von Wimbledon - im zweiten Halbfinale stehen sich die Titelverteidiger Venus Williams und die Russin Elena Dementjewa gegenüber - dennoch nicht auf die leichte Schulter: „Zhengs Erfolge haben nichts mit Glück zu tun. Sie ist eine sehr gute Spielerin. Ich werde sie nicht unterschätzen.“

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