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Wimbledon : Kühne Träume mit rosaroter Brille

  • -Aktualisiert am

Ins Viertelfinale strecken: Die Aufgabe gegen Brian Baker ist für Kohlschreiber schwieriger als es auf den ersten Blick wirkt Bild: AFP

Vier deutsche Profis in der zweiten Woche von Wimbledon: Die Erfolge von Angelique Kerber, Sabine Lisicki, Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber tun dem deutschen Tennis gut.

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          Mit einem sechsspaltigen Foto landete Philipp Kohlschreiber am Sonntag in der „Times“. Allerdings wusste er gut genug, dass ihn die Wertschätzung nicht als Sieger an sich, sondern als Bezwinger jenes Mannes traf, der neulich Rafael Nadal aus dem Turnier geworfen hatte, Lukas Rosol. Doch das trübte seine Freude über den in jeder Hinsicht überzeugenden Sieg gegen den Tschechen und die Tatsache, zum ersten Mal in seiner Karriere im Achtelfinale der All England Championships in Wimbledon gelandet zu sein, keine Sekunde lang.

          Der Augsburger hatte in diesem Fall allen Grund, mit sich zufrieden zu sein. Natürlich hatte man erwartet, dass Rosol zwei Tage nach dem unfassbaren Auftritt gegen Nadal wieder zur Erde zurückkehren würde. Aber hatte Kohlschreiber in der Vergangenheit nicht oft genug Spiele verloren, die er hätte gewinnen sollen - und können? Diesmal folgte er von Anfang bis Ende konzentriert seinem Plan und ließ Rosol so aussehen wie die Nummer hundert der Welt.

          Nun sind also beide im Achtelfinale gelandet, Kohlschreiber und Florian Mayer, dazu Sabine Lisicki und Angelique Kerber, und um eine vergleichbare Bilanz deutscher Tennisspieler in Wimbledon zu finden, muss man in den Ergebnislisten bis ins Jahr 1995 zurückblättern. Damals waren es Boris Becker, Steffi Graf, Anke Huber und Alexander Mronz. Steffi Graf gewann später den sechsten ihrer insgesamt sieben Titel in Wimbledon, Becker landete zum letzten Mal im Finale, und obwohl sicher niemand mit ähnlichen Erfolgen rechnen kann, gibt es keinen Zweifel, dass diese Bilanz dem deutschen Tennis guttut.

          Florian Mayer, der nach einer starken kämpferischen Leistung und Abwehr zweier Matchbälle in fünf Sätzen gegen den Polen Jerzy Janowicz gewonnen hatte, fand das auch. „Wir waren schon manchmal gut“, meinte er, „aber eben nicht, wenn es wirklich wichtig war. Die Grand Slams sind das, was zählt. Da wird das große Tennis gespielt, und da will man sich beweisen.“

          Alles ist möglich: Sabine Lisicki

          Bei seiner Premiere vor acht Jahren war er völlig überraschend im Viertelfinale gelandet, danach war ihm nie wieder ein ähnlicher Coup gelungen. Bei Kohlschreiber liegt der letzte Auftritt in der zweiten Woche eines Grand-Slam-Turniers zwar nicht so lange zurück - das war 2009 bei den French Open in Paris -, aber auch er ist sich im Klaren darüber, dass ein paar positive Schlagzeilen und sechsspaltige Fotos nicht schaden können.

          „Es ist für das deutsche Tennis förderlich, wenn wir hier gute Ergebnisse machen“, sagt er, „aber es wird sicher nicht das Wunder passieren, dass ARD und ZDF auf einmal die Rechte kaufen, um Mayer und Kohlschreiber live zu übertragen.“

          Mal sehen: Das hängt vermutlich auch davon ab, wie die Sache weitergehen wird. Mayer spielt an diesem Montag im Achtelfinale gegen den Franzosen Richard Gasquet, Kohlschreiber gegen den Amerikaner Brian Baker. Jenen Mann, der nach jahrelanger Leidenszeit und vielen Verletzungen im Frühjahr aus der Versenkung aufgetaucht war, gleich das Finale eines Turniers in Nizza erreicht hatte, auch in Paris aufgefallen war und sich nun in Wimbledon zum ersten Mal für das Hauptfeld qualifizierte.

          Natürlich weiß Kohlschreiber, dass es nominell eine kompliziertere Aufgabe geben könnte, als in diesem Stadium des Turniers gegen die Nummer 126 der Weltrangliste spielen zu müssen. Aber was Zahlen zu bedeuten haben, zeigte nicht zuletzt der Sieg von Rosol gegen Nadal.

          Alles ist möglich

          Bei den Kolleginnen des erfolgreichen deutschen Quartetts erübrigt sich jede Warnung, die nächste Aufgabe zu unterschätzen. Sabine Lisicki wird an diesem Montag (14 Uhr MESZ) auf Court No. 1 zum Spiel gegen die aktuelle Nummer eins des Frauentennis erwartet, Maria Scharapowa, zur dritten gemeinsamen Begegnung innerhalb relativ kurzer Zeit. Vor einem Jahr hatte die Berlinerin nach einem ereignisreichen Turnier bei den Championships im Halbfinale in zwei Sätzen verloren, beim nächsten Treffen zu Beginn dieses Jahres bei den Australian Open hatte dagegen nicht viel zum Sieg gefehlt. Prognose? Alles ist möglich.

          Das Gleiche gilt auch für Angelique Kerber und die Partie gegen Kim Clijsters, die ungefähr zur gleichen Zeit wie das Spiel von Lisicki und Scharapowa auf Court No. 3 stattfinden wird. Die Belgierin dreht bekanntlich die letzte Runde ihrer erfolgreichen Karriere bei den All England Championships, und deshalb freut sich Angelique Kerber besonders auf die Begegnung. „Kim ist eine, die ich früher immer verfolgt habe neben Steffi Graf. Und jetzt spiele ich gegen mein Idol.“

          Es mag ein wenig kühn gedacht sein, aber nur mal als Aussicht an die mit Efeu bewachsenen, grünen Wände Wimbledons geschrieben: Sollten Sabine Lisicki und Angelique Kerber heute gewinnen, dann würden sie im Viertelfinale gegeneinander spielen, und damit stünde dann garantiert eine der beiden im Halbfinale. Aber Schluss jetzt: Das Wetter ist viel zu wechselhaft für rosarote Brillen.

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