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Wimbledon : Frische Triebe auf den Nebenplätzen

  • -Aktualisiert am

Sprudelnde Freude: Heather Watson Bild: AFP

Heather Watson begeistert in Wimbledon die Fans. Die junge Britin hat, was dem Schotten Andy Murray, nach wie vor einziger britischer Kandidat auf Siegesruhm, fehlt: Sprudelnde Lebensfreude.

          3 Min.

          Britanniens Tennisfans sind Kummer gewöhnt. Seit Jahrzehnten pilgern sie mit der Hoffnung zum All England Club in Wimbledon hinauf, eines schönen Tages endlich mit einem großen Sieg erlöst zu werden. Jahrelang bemühte sich der brave Tim Henman, dem folgte der eher spröde Schotte Andy Murray, Halbfinalist der Jahre 2009 bis 2011. Stand der Dinge? Die Nation wartet weiter.

          Natürlich galt Murray auch nach dem Sieg am Donnerstag gegen den baumlangen Kroaten Ivo Karlovic 7:5, 6:7 (5:7), 6:2, 7:6 (7:4) als einziger ernsthafter Kandidat auf Rasenruhm, aber es ist nicht zu übersehen, dass auf einmal frische Triebe auf den Nebenplätzen sprießen.

          Miss Heather Watson zum Beispiel: 20 Jahre alt, Vater aus Manchester, Mutter aus Papua-Neuguinea, geboren auf der Kanal-Insel Guernsey, Siegerin beim Juniorenturnier der US Open 2009, lange Zeit Schülerin bei Nick Bollettieri in Florida. In den vergangenen Jahren hatte sie jeweils eine Wildcard benötigt, um in Wimbledon mitspielen zu dürfen, diesmal tat es ein wenig Glück, denn sie rutschte anstelle einer verletzten Konkurrentin ins Hauptfeld und landete dann mittendrin im Paradies, auf dem Centre Court.

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          Auf dem berühmtesten Tennisplatz der Welt gewann sie ihr Spiel in Runde eins gegen die in der Weltrangliste fast 50 Plätze vor ihr stehende Tschechin Iveta Benesova. Hinterher erfuhr sie, das sei der erste Sieg einer britischen Spielerin auf dem Centre Court seit 1985 gewesen, seit dem Sieg der grundsoliden Jo Durie gegen Claudia Kohde-Kilsch. Mit dem nächsten Sieg erreichte sie Runde drei, was zuvor auch zehn Jahre lang keiner Britin mehr gelungen war.

          Ein gelber Lamborghini

          Aber wer will bei einer wie ihr schon an Zahlen und den Staub der Geschichte denken? Das Siegerlächeln nach dem jüngsten Erfolg war Lebensfreude pur, gespeist aus den Quellen eines sonnigen Gemüts. Miss Watson sagt, sie liebe die Show und den roten Teppich, sie bewundere extrovertierte Typen wie Serena Williams, Jo-Wilfried Tsonga oder Sprinter Usain Bolt, und wenn sie um ein Auto bitten könnte, dann wäre das ein gelber Lamborghini. Sie hätte gern ein Apartment in New York und ein Haus am Strand einer heißen Insel.

          Sicher, der Vergleich ist unfair, weil Menschen ja nun mal unterschiedlich sind - aber wäre bei Andy Murray nur eine Spur von Heather Watsons sprudelnder Lebensfreude zu erkennen, dann läge ihm Britannien vermutlich längst zu Füßen. Vermutlich sieht Murray nationale Konkurrenz nicht ungern.

          Virginia Wade, die vor 35 Jahren als Letzte ihres Landes im Einzel den Titel in Wimbledon gewonnen hatte, meinte am Donnerstag angesichts der ungewöhnlich großen Zahl britischer Siege in den ersten Tagen der Championships: „Ich finde es wunderbar, dass es endlich ein paar Leute gibt, mit denen Andy den Druck der Erwartungen teilen kann.“

          Obwohl das vermutlich noch keine allzu große Hilfe ist - die Zeichen sind auf Hoffnung gestellt. Eine von Heather Watsons besten Freundinnen ist die zwei Jahre jüngere Laura Robson, die seit ihrem Sieg beim Juniorenturnier in Wimbledon vor vier Jahren ohnehin schon reichlich Aufmerksamkeit genießt.

          Toast an der Seite

          In ein paar Wochen werden die beiden im Doppel bei den Olympischen Spielen wieder auf dem Rasen Wimbledons erscheinen, fürs Einzel wurden die beiden Älteren nominiert, Elena Baltacha, 28, und Anne Keothavong, 28, die aktuelle Nummer eins auf der Insel. Ein interessantes Quartett, das die Briten ins Rennen schicken werden, mit einer ordentlichen Schicht Multikulti. Keothavongs Eltern stammen aus Laos, Baltachas Eltern aus Russland und der Ukraine, einzig die englische Rose Laura Robson fällt ein wenig aus dem bunten Rahmen.

          Im Fed Cup haben die vier bereits mit größtem Vergnügen zusammen gespielt, betreut von Judy Murray, Andy Murrays Mutter. Die hatte sich stark gemacht dafür, bei der Olympia-Nominierung nicht nur auf Robson und Watson zu setzen, sondern auch die jahrelangen Bemühungen von Baltacha und Keothavong zu honorieren.

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          Vielleicht sollte man den Köchen des Olympischen Dorfes schon mal mitteilen, dass es zu Heather Watsons Eigenheiten gehört, bei einem Turnier jeden Morgen die gleiche Art von Frühstück zu sich zu nehmen. Eier und geräucherter Lachs müssten es sein, erzählte sie dieser Tage in Wimbledon. Auf Toast? „Nein, Toast an der Seite.“ Da klang sie wie Meg Ryan in Harry&Sally. Wie gesagt, kann gut sein, dass die Briten noch viel Spaß mit Heather Watson haben werden.

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