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Wimbledon : Die lieben Kollegen

  • -Aktualisiert am

Kollegialität, Respekt - Freundschaft? Bild: REUTERS

Der Zweikampf zwischen Roger Federer und Rafael Nadal, die sich zum dritten Mal in Folge im Wimbledon-Finale gegenüberstehen, wird in die Sportgeschichte eingehen. Aus ganz anderen Gründen als andere große Duelle.

          3 Min.

          Ein Blick auf andere Sportarten oder in die Vergangenheit genügt, um zu erkennen, dass Roger Federer und Rafael Nadal im Sport als Sonderfall gelten müssen. Vielleicht sind sie sogar ein Glücksfall, ein Rückfall in eine Zeit, in der Sport noch ausschließlich von Gentlemen betrieben wurde, in der bei aller Rivalität noch Platz für gegenseitigen Respekt, Kollegialität und vielleicht sogar Freundschaft war.

          Im Golf verbindet Tiger Woods mit seinem Herausforderer Phil Mickelson eine tiefempfundene Abneigung, genau wie man sie aus anderen Sportarten kennt und kannte: Muhammad Ali und Joe Frazier im Boxen, Ayrton Senna und Alain Prost in der Formel 1 oder auch John McEnroe und Jimmy Connors im Tennis.

          Erst die Feindschaft zu Lendl einte Connors und McEnroe

          Hitzkopf McEnroe erinnert sich noch lebhaft daran, wie ihn „Jimbo“ im Wimbledon-Finale von 1984 nach einer seiner Schimpfkanonaden beim Seitenwechsel mitteilte, dass sein zweijähriger Sohn reifer sei als sein Gegner. Bis zum Ende ihrer Karriere, als beide milder wurden, hatten sich die beiden Amerikaner nicht nur mit dem Racket bekämpft, sondern immer wieder auch mit Worten – und beim Seitenwechsel wurde schon einmal versucht, dem anderen den Weg zu versperren. Erst im Spätherbst ihrer Karriere einte sie ihre Feindschaft zu Ivan Lendl, dessen humorlose Verbissenheit beiden arg zu schaffen machte.

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          Federer und Nadal, die beiden derzeit besten Tennisspieler der Welt, die sich an diesem Sonntag (vorausgesetzt der für den ganzen Tag vorhergesagte Regen lässt es zu) zum dritten Mal in Folge in Wimbledon und zum sechsten Mal in einem Grand-Slam-Endspiel gegenüberstehen, beschränken ihre Rivalität ausschließlich auf den Court.

          Federer und Nadal brechen nach Siegen nicht in Triumphgeheul aus

          Abseits ihres eigentlichen Arbeitsplatzes sind die beiden zwar keine engen Freunde, aber sie fühlen sich doch freundschaftlich miteinander verbunden. Sie gratulieren sich nach Siegen, sie plaudern in der Umkleide ganz entspannt miteinander. Sie tauschen SMS aus, wenn es um gemeinsame Interessen wie die Ablösung des südafrikanischen ATP-Chefs Etienne de Villiers oder den Erhalt des Hamburger Masters-Turniers geht. Sie zeigen Mitgefühl, wenn der andere verletzt ausfällt.

          Als Federer 2005 nach einer Fußverletzung auf Krücken ging, besuchte ihn Nadal in Basel. Als Nadal 2006 nicht bei den Australian Open antreten konnte, rief ihn Federer an und wünschte ihm baldige Genesung. Ihre gegenseitige Wertschätzung geht sogar so weit, nach Siegen gegen den ärgsten Rivalen nicht in Triumphgeheul auszubrechen.

          Vor vier Jahren sind sie sich zum ersten Mal auf dem Platz begegnet

          Als Nadal vor vier Wochen im Endspiel der French Open Federer deklassiert hatte, betrat er die Umkleide erst, als Federer sie schon verlassen hatte, um den Stachel der bitteren Niederlage nicht noch mit seiner Anwesenheit zu verstärken. „Ich habe noch nie so eine enge Beziehung zwischen der Nummer eins und der Nummer zwei im Tennis gesehen“, sagt ein Offizieller der ATP Tour, „die Beziehung der beiden ist heute viel enger als vor zwei Jahren.“

          Vier Jahre ist es her, als sich der heute 26 Jahre alte Schweizer und der vier Jahre jüngere Spanier erstmals im Miami auf dem Tennisplatz begegnet sind. Nadal siegte in zwei Sätzen, ein Jahr später revanchierte sich Federer auf dem Hartplatz in Florida nach einem 0:2-Satzrückstand im Finale, übrigens bis heute das einzige Mal, dass der Mallorquiner eine solche Führung noch abgab.

          Nadal wartet noch auf den ersten Sieg gegen Federer auf Rasen

          „Anfangs schaute Nadal zu Federer auf, aber Roger hat ihn von Anfang als einen ebenbürtigen Partner behandelt“, sagt René Stauffer, der Schweizer Autor der Federer-Biographie „Das Tennisgenie“. Mittlerweile führt Federer die Weltrangliste seit 231 Wochen an, seit 153 Wochen fungiert Nadal als Kronprinz – und das, obwohl die interne Bilanz mit 11:6 Siegen für den Linkshänder aus Manacor spricht.

          Aber zehn Duelle, darunter die drei Erfolge von Nadal in diesem Jahr in den Endspielen von Monte Carlo, Hamburg und Paris, feierte der Weltranglistenzweite auf seinem roten Lieblingsboden. Federer hat Nadal einmal (Hamburg 2007) auf dessen ureigenstem Terrain geschlagen, aber der Spanier wartet nach zwei Niederlagen in Wimbledon-Endspielen noch auf den ersten Erfolg auf Federers grüner Domäne.

          Besser als in diesem Jahr war Nadal auf Rasen noch nie

          In diesem Jahr spielte Nadal besser als je zuvor auf Gras. Er hat seinen Aufschlag und sein Volleyspiel verbessert, seine Schlagtechnik den besonderen Gegebenheiten von Rasentennis angepasst. „Früher hat er mit viel Topspin den Ball hoch übers Netz gespielt, jetzt kommt er mit genauso viel Drall, aber viel flacher übers Netz. Der Ball schießt förmlich durch den Platz.

          Er spielt jetzt vom ersten Ballwechsel an aggressiv, etwas, was in der Vergangenheit nicht der Fall war. „Man fühlt sich deshalb auf dem Platz ständig gehetzt“, beschrieb der Schotte Andy Murray nach seiner Viertelfinalniederlage die Fortschritte des seiner Meinung nach „zweitbesten Rasenspielers“.

          Es wäre Federers 41. Sieg in Folge in Wimbledon

          Der bisher Beste bleibt trotzdem gelassen, seine eindrucksvolle Vorstellung gegen Marat Safin im Halbfinale hat sein Selbstvertrauen weiter gestärkt, seine Erfolgsserie auch gegen Nadal auf 65 Siege auf Rasen sowie 41 Matchgewinne in Wimbledon auszudehnen: „Jetzt kommt meine Zeit, Wimbledon, die US Open und dann Peking“, hat Federer angekündigt. „Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht in den nächsten fünf oder zehn Jahren in Wimbledon gewinnen sollte.“

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