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Tennisprofi Alexander Zverev : Gejagt mit 21

  • -Aktualisiert am

Volle Konzentration: Alexander Zverev will bei den ATP-Finals erfolgreich sein. Bild: AFP

Alexander Zverev findet, 2018 sei sein bestes Jahr gewesen. Das haben viele aus einem bestimmten Grund aber nicht bemerkt. Das ATP-Finale in London soll das nun ändern – und dafür hat der Deutsche einen genauen Plan.

          Alexander Zverev befindet sich in einem ständigen Kampf gegen seine Ungeduld. Der 21 Jahre alte Tennisprofi gilt seit zwei Jahren als die künftige Nummer 1 im Profitennis. Und es kann ihm gar nicht schnell genug gehen, der Prophezeiung, die seinen eigenen Ansprüchen entspricht, gerecht zu werden. Oder muss man sagen konnte? Der Hamburger mit russischen Eltern scheint nämlich verstanden zu haben, dass man auch zu viel zu schnell erreichen will und darüber verkrampfen kann. So sagte Zverev vor seinem Auftaktmatch im ATP-Finale an diesem Montag (15.00 Uhr) gegen den Kroaten Marian Cilic ganz gelassen: „Ich will einfach noch einmal gutes Tennis spielen und schauen, was dabei herauskommt.“

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Das klingt schon mal ganz gut, aber die Umsetzung ist noch einmal etwas ganz anderes. In der Auseinandersetzung mit seinen inneren Kräften hat sich Zverev Hilfe von außen geholt. Seit ein paar Wochen gehört Ivan Lendl zum Betreuerteam, einer der größten Stoiker der Tennis-Geschichte. Der Tscheche brachte in seiner Spielerkarriere unter anderen Boris Becker aus der Fassung, indem er seine Aufschläge ewig lange vorbereitete und unbeirrbar sein Spiel durchzog, was da auch geschah. Und Lendl verstand es, mit Rückschlägen umzugehen, beharrlich auf die Triumphe hinzuarbeiten. Erst sein 19. Versuch, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, glückte. Das war 1984 bei den French Open, im siebten (!) Jahr seiner Profikarriere.

          Dagegen nimmt sich Zverevs Leidenszeit bei den Major-Turnieren, die ihn zwischenzeitlich ziemlich beunruhigte, gar nicht so schlimm aus. Er probierte in fünf Jahren 17 Mal vergeblich sein Glück bei Grand-Slam-Turnieren, davon allerdings drei Mal in der Qualifikation – als Siebzehn- und gerade Achtzehnjähriger. Damals erwartete noch nicht mal Zverev den Turniersieg von sich.

          Ein Tipp von Boris Becker

          Lendl als Coach hinzuzunehmen hat ihm Boris Becker geraten. Der langjährige Freund der Familie Zverev stand selbst für den aufwendigen Job nicht zur Verfügung, weil er im Moment zu viele persönliche Dinge zu regeln hat. Nicht nur das Spieltaktische, auch das Mentale ist Bestandteil der Zusammenarbeit zwischen dem jungen Hamburger und dem 58 Jahre alten gebürtigen Tschechen, der schon aus Andy Murray einen Siegertypen gemacht hat. Zverev gibt sich begeistert von dem „faszinierenden und spannenden Typen“ Lendl. Ein paar Kleinigkeiten seien schon in seinem Spiel erkennbar, die Lendl verändert habe. Der Prozess sei aber längst nicht abgeschlossen. „Man hofft immer, dass es so schnell wie möglich geht, aber der wirklich große Effekt kommt wahrscheinlich erst im nächsten Sommer. Dann seht ihr Unterschiede in meinem Spiel.“

          Zverev kann durchaus stolz sein, was er im Alter von 21 Jahren schon erreicht hat, und muss sich nicht grämen, was er bisher verpasste. Als Weltranglistenfünfter qualifizierte er sich zum zweiten Mal hintereinander für das Jahresfinale der acht besten Spieler, erhöhte die Anzahl seiner Turniersiege in diesem Jahr von sechs auf neun. Der Triumph in Madrid war der dritte bei einem Masters-Turnier, der höchsten Kategorie unterhalb der vier Grand Slams. „2018 ist mein bislang bestes Jahr“, sagt Zverev, was er in der Öffentlichkeit freilich ein wenig unterging, weil es in den Grand Slams nur für eine Viertelfinalteilnahme reichte. Ansonsten war jeweils in der dritten Runde Schluss. Doch kein Spieler auf der ATP-Tour konnte mehr Einzelsiege verbuchen als der Deutsche – 54 an der Zahl. Seine Konstanz war beeindruckend. Dabei kommt sich Zverev mittlerweile oft wie ein Gejagter vor. Es sei schwieriger, an der Spitze zu bleiben, als sie zu erklimmen, weil viele Spieler einen Sieg über ihn als Prämie ansähen.

          Zudem wurde er 2018 durch zwei Verletzungen behindert. Zuletzt durch Schulterschmerzen, die in Schanghai im Halbfinale zu einer bitteren 1:6, 2:6-Niederlage gegen den Russen Kaschanow führten. An der Börse würde man als Jahresbilanz formulieren: Stabile Performance in einem schwieriger werdenden Umfeld.

          Aber es kann ja noch ein bisschen besser werden. Die Blessur behindere ihn in London nicht mehr, sagte Zverev. 1500 Weltranglistenpunkte kann der Deutsche hinzugewinnen, was ihn zum Jahresende im Idealfall auf Rang drei bringen würde. Nach Cilic bekommt es Zverev in seiner Gruppe mit Novak Djokovic, dem neuen Weltranglistenersten, und mit dem Nachrücker John Isner zu tun. In der anderer Gruppe treffen Roger Federer, Kevin Anderson, Dominic Thiem und Kei Nishikori aufeinander. Die für London qualifizierten Rafael Nadal und Juan Martin del Potro fehlen wegen schwerer Verletzungen. Und auch an Djokovic und Federer nagt der Zahn der Zeit.

          Zverev ist mit Abstand der jüngste Teilnehmer des Feldes, mit Thiem (25) und mit Nishikori (28) sind nur zwei weitere Spieler jünger als 30. Dennoch wird der Deutsche nicht darauf hoffen können, auf ganz biologische Art und Weise einmal die Nummer eins im Welttennis zu werden, solange er nur konstant sein Niveau hält. Denn erstmals seit Jahren drängt die Jugend mit Vehemenz nach und nicht nur in persona Zverev. Dessen Altersgenossen Kaschanow, Coric, Tsitsipas und Medwedew bewegen sich mittlerweile in der Weltrangliste unter den ersten 15 und haben dem Deutschen zum Teil empfindliche Niederlagen beigebracht. Was Zverev jedoch sogar eher gut findet, wie er in einem Interview mit dem Internet-Portal „Spox“ sagte: „Ich freue mich darüber, es gibt da nicht den geringsten Neid. Es ist nicht leicht, sich in dieser Ära mit Roger, Rafa und Novak zu behaupten und Beachtung zu finden. Nun sind wir aber als nächste Generation dabei, uns doch zu emanzipieren. Ich glaube, das ist jetzt eine gute Entwicklung fürs Tennis.“

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