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Deutsche Turner in Not : „Der Druck ist da“

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Was sagt die rechte Hand? Passionierte Turner wie Lukas Dauser hören am liebsten gar nicht hin. Bild: Imago

Mit Ach und Krach: Die Vorbereitung auf die Heim-WM wird für die deutschen Turner zum Wettlauf gegen die Zeit. Trotz vieler Verletzungen ist Aufgeben keine Option.

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          Drei Wochen sind es noch bis zum Tag X. Für den einen, Lukas Dauser, fühlt sich das viel zu kurz an. Für den anderen, Marcel Nguyen, ist es eine halbe Ewigkeit. Was Dauser braucht, ist mehr Zeit. Die Spanne, die vor ihm liegt, schrumpft, je mehr er sie dehnen will. Nguyen dagegen hat keine Zeit und ringt um Gelassenheit.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Beide wollen am 6. Oktober im Mannschaftskampf bei den Turn-Weltmeisterschaften in Stuttgart ihre bestmögliche Leistung bringen, aber beide stehen vor unendlich schwierigen Aufgaben. Der 26 Jahre alte Dauser, ein Barren-Spezialist, hat vor genau drei Monaten einen Mittelhandknochen gebrochen. Der Heilungsprozess ist nach einer Operation erstaunlich gut verlaufen, aber es fehlen ihm Routine und Feinabstimmung, die er sich in der verbleibenden Zeit erarbeiten muss. Nguyen, 32 Jahre alt, hat schon lange eine lädierte Schulter. Nun ist eine Sehne angerissen und droht vollends abzureißen. Das heißt, er soll seine Form halten und gleichzeitig seine linke Schulter nicht belasten.

          „Der Druck ist da.“

          „Ja“, sagt Andreas Toba, der deutsche Meister im Mehrkampf. „Das ist nun mal kein gelenkschonender Sport. Das ist ein sehr harter Sport, in dem man hart mit sich selbst umgehen muss.“ Wer wüsste es besser als er, der zwar seit seinem Einsatz bei den Olympischen Spielen in Rio zum Helden wurde – er turnte trotz eines Kreuzbandrisses am Pauschenpferd und sicherte damit der deutschen Mannschaft die Finalteilnahme. Danach aber folgten drei Jahre Leidenszeit, Schmerzen, Hoffnung, Rückschläge. Zurzeit ist er einer der Fittesten. Sie werden ihn, den stabilen Allrounder, dringend brauchen bei der Weltmeisterschaft.

          Es geht um die Olympia-Qualifikation. Also um alles. Wenn sie in Stuttgart nicht einen der acht zu vergebenden Plätze erkämpfen können, ist der Traum von Tokio 2020 zu Ende. „Der Druck ist da“, sagt Bundestrainer Andreas Hirsch, so als begrüßte er einen alten Bekannten. „Es war immer stressig, und es ist diesmal auch stressig.“ Zusammen mit Dauser, Nguyen und Toba sollen Nick Klessing aus Halle und Karim Rida aus Berlin bei der Heim-Weltmeisterschaft für Deutschland an die Geräte gehen. Diese beiden sind 21 und 19 Jahre alt, also noch vergleichsweise unverbraucht.

          Das Ergebnis des Länderkampfs vom Samstag in Backnang wirkt nur auf den ersten Blick beruhigend. Die deutschen Turner, ohne Nguyen, der sich schonte, bestanden den Test und besiegten Großbritannien und Rumänien. Andreas Toba war bester Einzelturner. Auch Dauser absolvierte alle Geräte zuverlässig. Am Barren allerdings, dort, wo er sich beim Training seine Handverletzung zugezogen hat, war er noch längst nicht wieder der Alte. Er zeigte keinen einzigen Handstand. Vorher hatte er erklärt, wie problematisch für ihn im Moment die saubere „Handstand-Endlage“ sei. Die Kampfrichter dulden nur wenig Abweichungen von der Senkrechten. Dauser muss zu mehr Präzision finden, und das erfordert viele Wiederholungen und damit – Zeit. Und dann: ein neuer Schreck. Beim Sprung verletzte sich Dauser auch noch am Knöchel. Das hintere Innenband ist angerissen. Erst einmal gaben die medizinischen Betreuer Entwarnung. Ein Belastungstest in den kommenden Tagen soll vollends Klarheit bringen.

          Aufgeben ist keine Option

          „Die Moral ist da“, sagt Hirsch. Vergangene Woche ist Marcel Nguyen, kaum hatte die Schulter beim Reckturnen einen Knacks gemacht, in Kienbaum bei Berlin ins Auto gestiegen und nach Freiburg gebrettert, um sich dort vom Mannschaftsarzt behandeln zu lassen. Dann weiter nach Stuttgart zum Training und zum Medientag des Deutschen Turner-Bundes. Das waren etwa 1000 Kilometer. „Marcel hat nie daran gedacht, diesen Weg nicht zu gehen“, sagt Hirsch anerkennend.

          „Ich will unbedingt zur Weltmeisterschaft“, bestätigt Nguyen. Es wäre seine zehnte WM. Und seine zweite Heim-WM. Schon 2007, auch in Stuttgart, als die deutsche Mannschaft überraschend Bronze holte und Fabian Hambüchen den Titel am Reck gewann, war er dabei. Stuttgart ist sein Trainingsstandort. Und außerdem will Nguyen natürlich unbedingt im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen in Tokio starten, bei seinen vierten. Die beiden Silbermedaillen bei Olympia in London 2012 sind der bisherige Höhepunkt seiner langen Karriere. In Tokio will er zum Ausklang noch einmal ein Highlight setzen.

          Im Moment ist Nguyen dabei, seine Übungen abzuspecken. Auf Elemente, die zu strapaziös für die Schulter sind, muss er verzichten. Gleichzeitig muss er aber auch genügend Punkte erreichen, um der deutschen Mannschaft zu helfen. An vier von sechs Geräten will er bei der WM turnen. Ringe gehen nicht. Am Pauschenpferd sei er sowieso nicht gut, sagt er. Nach der WM, Ende Oktober, will er sich operieren lassen, um für Tokio wieder fit zu sein. Wenn die Sehne schließlich doch reißen würde, sei es also vollends wurscht, sagt er ungerührt. Vernünftig klingt anders. „Leistungssport ist nicht vernünftig“, entgegnet Nguyen, ohne nachdenken zu müssen.

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