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Parapsychologie im Sport : „Eine Katze zu verbuddeln ist blöd“

Gemeinsam sind sie stark: Rituale sollen im Sport helfen Bild: Amadeus Waldner

Das magische Wort heißt „Verschränkung“: Der Parapsychologe Walter von Lucadou im Gespräch über Rituale im Sport, Macht des Teamgeistes und psychokinetische Ablenkung von Bällen.

          Der 70 Jahre alte Freiburger Walter von Lucadou, promoviert in Physik und Psychologie, ist einer der wichtigsten Forscher auf dem Gebiet der Parapsychologie. Er erforscht Phänomene wie Telepathie, Hellsehen oder Telekinese. 1989 gründete er die Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg, die vom Land Baden-Württemberg bezuschusst wird und Menschen berät, die paranormale Erlebnisse hatten. Von Lucadou verbindet auf unorthodoxe Weise physikalische und psychologische Erklärungsmuster miteinander.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Stellen Sie sich vor, Joachim Löw, der ja in der Nähe wohnt, kommt zu Ihnen und fragt: Wie bringen wir in den Spielen, in denen es zählt, den Ball wieder leichter ins Tor? Was würden Sie ihm raten?

          Ich erzähle Ihnen erst einmal eine Anekdote: Ein Journalist der „Badischen Zeitung“ - Freiburg ist ja jetzt in die zweite Liga abgestiegen, die waren ja aber mal wirklich gut - hat mich einmal gefragt, wie man das Abstiegsgespenst verscheuchen könnte. Er hat gesagt, in Brasilien zum Beispiel vergraben sie tote Katzen unter dem Spielfeld und so weiter. Ich habe gesagt, klar, natürlich. Der Ritus selbst, eine Katze zu verbuddeln, ist blöd. Aber wenn sie es machen, um die Bedeutung für die Gruppe zu erhöhen, und das macht man, wenn man gemeinsam ein Ritual macht, und im Fußball sind Rituale ja das A und O - dann erzeugt man Verschränkung.

          Löw soll Verschränkung erzeugen, damit seine Spieler wieder ins Tor treffen? Was ist das denn?

          Da muss ich weiter ausholen. Der Begriff der Verschränkung stammt aus der Physik. Da wurde er zum ersten Mal entdeckt, und zwar wider Willen. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als man begonnen hat zu verstehen, dass es Atome gibt, die einen Kern haben, und dass außen herum Elektronen surren, hat man ein Planeten-Modell gemacht. Wenn man das mit den Formeln der klassischen Physik berechnet, stellt sich heraus, dass das nicht stabil ist. Es funktioniert nicht. Man kann es erst verstehen, wenn man es durch die Quantenmechanik beschreibt. Dort gibt es einen Begriff für die Eigenschaft, die für diese Stabilität sorgt, und das ist die Verschränkung. Sie besagt, dass das gesamte System nicht nur von kausalen Kräften - das wäre die Anziehung des Elektrons vom Kern und umgekehrt -, sondern auch von Verschränkungskräften abhängt. Diese Verschränkungskräfte gibt es zunächst einmal nur in der Quantenphysik. Aber wenn Sie so wollen, ist das keine Kleinigkeit. Die Stabilität der ganzen Welt beruht auf Verschränkung.

          Verschränkung ist das Zauberwort: Parapsychologie spielt im Sport eine Rolle

          Und wie könnte diese Erkenntnis unserer Nationalmannschaft helfen?

          Erstaunlich ist, was man lange nicht wusste, dass solche Verschränkungskorrelationen nicht nur in kleinen quantenmechanischen Systemen, sondern auch in großen, wie zum Beispiel psychologischen Systemen, vorkommen können. Man weiß heute, dass es kosmologische Verschränkungsphänomene gibt. Sie treten überall auf. Das ist eine grundlegende Eigenschaft der Natur. Die Quantenphysik hat uns nur den Prototyp geliefert. Kluge Menschen, die viel nachgedacht haben, wissen das schon lange. Nur haben wir heute ein präzises Wort dafür.

          Wie könnte das im Sport praktisch erlebt werden?

          Mannschaften im Sport sind zum Beispiel Systeme, die sich verschränken können. Wenn es richtig gut läuft, dann weiß jeder, wie die anderen spielen, und man spielt gemeinsam. Das ist auch in der Musik so. In einem Orchester wird dann nicht mehr das Einzelinstrument gehört, sondern es ist eine gemeinsame Produktion. Ich habe mit Fußballspielern gesprochen, die sagen, es gibt so einen Moment, da weiß man einfach, wie die anderen reagieren. Darum sind übrigens Sportler tatsächlich häufig abergläubisch. Weil sie diese Phänomene der Selbstorganisation nicht kausal erklären können. Dann sagen sie, das sei übersinnlich. Man weiß aber heute in der Parapsychologie, dass das nichts Übersinnliches ist.

          Gibt es noch andere Beispiele?

          Früher habe ich auch mal Sport getrieben, ich bin im Wald gelaufen, jeden Morgen zehn Kilometer. Und da habe ich veränderte Bewusstseinszustände erlebt, in denen alles ganz leicht läuft. Dann hat man nicht mehr das Gefühl, man muss laufen, sondern es läuft. In diesem Moment hat man sich mit seinem eigenen Laufen verschränkt. Das ist ein tolles Gefühl. Judokämpfer berichten alle von solchen Erfahrungen. Dass sie dann die Strategie des Gegners erahnen oder spüren. Rudern ist auch ein schönes Beispiel. Wenn eine Mannschaft dahingleitet - die spüren ganz genau: Das Erlebnis, es so hundertprozentig hinzukriegen, das könnte man durch kausale Prozesse nicht erreichen. Das ist tatsächlich ein synergetischer Prozess. Es ist verschränkt. Dann kommt dieses Gefühl: Plötzlich geht es ganz leicht. Man muss natürlich erst einmal trainieren, man muss ganz viele kausale Prozesse lernen, aber in dem Moment, wo es sich verschränkt, spielt das alles keine Rolle mehr.

          Walter von Lucadou: „Wenn es richtig gut läuft, dann weiß jeder, wie die anderen spielen“

          Einmal außerhalb des Sports: Als Beispiel für ein typisches Verschränkungsphänomen nennen Sie ein Erlebnis Ihrer Frau. Sie habe zu Hause Tee getrunken und sei plötzlich in Tränen ausgebrochen. Später erfuhr sie, dass Ihre Tochter zum gleichen Zeitpunkt in Australien verunglückt ist. Ist so etwas denn weit verbreitet?

          Es gibt Umfragen, die zeigen, dass paranormale oder Verschränkungsphänomene gar nicht selten sind. Dass sie alltäglich sind. Das amerikanische Gallup-Institut hat das belegt. Sie haben Beispiele gegeben wie ich und gefragt: Haben Sie schon mal etwas Ähnliches erlebt? Zwei Drittel haben ja gesagt. Man muss davor keine Angst haben. Solche Erfahrungen zeigen, dass wir gut in die Umgebung eingepasst sind wie etwa beim Fußballspiel oder beim Konzert. Und dass wir mit Menschen, die uns emotional wichtig sind, verbunden sind.

          Aber die Spieler in einer Profi-Mannschaft kennen sich manchmal kaum. Wie sollen sie sich da verschränken?

          Das ist ein Problem bei den modernen Mannschaften. Da werden Leute gekauft, die vorher woanders gespielt haben und mit einem anderen Verein verschränkt sind. Die müssen sich erst mal neu verschränken, und das geht nicht von jetzt auf nachher. Man darf nicht so kausal darangehen. Wenn ich einen tollen Stürmer oder einen tollen Torwart habe, der sein Handwerk versteht, dann weiß ich natürlich, der wird es schon gut machen. Aber es reicht eben nicht aus. Er muss sich auch mit der Mannschaft verschränken, dann wird es richtig gut.

          Würden Sie sagen, es gibt Trainer, die Verschränkungskünstler sind? Jürgen Klopp etwa?

          Natürlich. Ganz bestimmt. Es gibt Menschen, die ein Talent haben, in der Gruppe eine Atmosphäre zu erzeugen, mit der sie alle einfangen. Und ein guter Mannschaftskapitän oder ein guter Trainer ist einer, der das fertigkriegt. Er macht natürlich viele kausale Sachen. Aber was er eigentlich erreichen will, das ist die Verschränkung. Und dafür braucht er die kausalen Sachen. Er spürt genau, wenn er es geschafft hat. Das spürt jeder. Bei aller Technik ist es das Mannschafts-Feeling, der Teamgeist, der das System stabilisiert. Wenn Sie nur Leute haben, die ihre Technik beherrschen, sind sie auswechselbar. Das sind gute Einzelteile, aber noch lange kein guter Gesamtmotor. Ich muss ein Gesamtsystem erzeugen.

          Das könnte erklären, warum es eine Zeit gab, in der Borussia Dortmund und Bayern München auf Augenhöhe spielten. Könnte damals die Magie die High-Tech-Kontrolle übertroffen haben?

          Ja. So etwas wundert mich gar nicht. Magie würde ich es aber nicht nennen, das ist zu negativ besetzt. Ich würde sagen, die einen verstehen, mit Verschränkung umzugehen, da herrscht eben ein guter Teamgeist, und die anderen beherrschen die kausalen Prozesse, die Technik. Wenn man beides zusammenbringt, ist man unschlagbar.

          Thomas Müller zum Beispiel trifft an einem guten Tag aus allen Lagen. Oder Robert Lewandowski. Glauben Sie, dass die eine besondere Begabung haben, sich mit dem Ball zu verschränken? Oder mit dem Tor?

          Jetzt kommen wir zu einem interessanten Punkt. Verschränkung gibt es nicht nur in der Gruppe, sondern Verschränkung gibt es auch mit der Materie. Die fernöstlichen Sportarten, vor allem die Kampfkünste, wissen das längst. Sie kennen doch sicher das alte Buch „Die Kunst des Bogenschießens“. Da ist es so: Sie müssen wahnsinnig trainieren, alles lernen, damit alles von selbst geht, und dann müssen Sie in einer gewissen Weise unpräzise werden. Das heißt, Sie müssen loslassen. Dann denken Sie an das Ziel und nicht mehr an das Zielen.

          Wenn also Löw jetzt sagt, helfen Sie mir mal beim Verschränken, ich muss demnächst dringend ein Spiel gewinnen - können Sie das?

          Das ist genau das Problem. Man kann diese nichtkausalen Prozesse durch eine bestimmte Haltung fördern, aber man kann sie nicht steuern. Mit dem Versuch macht man sie eher kaputt. Das heißt, auf die Kürze geht das halt nicht. Es gibt Hilfen, zum Beispiel Ängste abzubauen. Und Vertrauen zu investieren. Vertrauen ist ein Verschränkungsbegriff. Es ist ein ganz kostbares Ding. Und wenn das mal weg ist, wird es schwer, es zurückzugewinnen. Wenn ich meinem Körper nicht mehr vertraue, das merkt man nach Verletzungen, dann muss ich das wieder aufbauen und lernen. Da kann man den Leuten natürlich schon mal den Hinweis geben, dass sie ihren Fähigkeiten vertrauen dürfen. Dass das nicht irrational oder leichtsinnig ist. Das ist ein wichtiger Punkt beim Sport.

          Aber Sie sagen, das kann man nicht lernen?

          Doch. Das kann man. Man kann Verschränkung nicht gezielt einsetzen, aber man kann sich dafür präparieren. Das machen die Leute ja auch. Durch Rituale wie bereits erwähnt. Dann sind Symbole wichtig. Das Publikum spielt natürlich eine Rolle, deswegen sind Heimspiele leichter. Ich finde aber, dass im Fußball der Geist des Sports verlorengegangen ist. Durch diese Hochtechnisierung aller Bereiche des Lebens - typisch europäisch - verderben wir uns manche Sachen.

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          Was könnten Sie noch empfehlen?

          Gemeinsame Ziele. Die sind beim Sport gegeben, weil man gewinnen will. Aber man könnte auch sagen, es ist ein Wert, wenn die Mannschaft durch das Spiel selber zusammengeschweißt wird.

          Mit Parapsychologie wieder erste Liga - wäre das nicht ein super Programm für den SC Freiburg?

          Wenn jemand glaubte, die Parapsychologie könnte das Superdoping sein, dann wäre das ein Missverständnis. Das wäre natürlich toll. Ich könnte jemanden paranormal trainieren, da gibt es ja keine chemischen Stoffe, die man nachweisen könnte. Aber das wird nicht gehen. Sobald die Verschränkung instrumentalisiert werden soll, verschwindet sie.

          Sie beschäftigen sich doch auch mit Psychokinese - also der Bewegung von Gegenständen durch geistige Kräfte?

          Ja. Psychokinese ist ebenfalls eine bestimmte Form des Verschränkungsphänomens. Da spielt die Physik noch mit. Nicht nur das Mentale.

          Nehmen Sie mal ein Tennismatch. Der Ball fliegt Richtung Linie. Ich will, dass er ins Aus geht - und mit mir 10.000 Zuschauer. Können wir den Flug des Balls beeinflussen?

          Es gibt die Behauptung, beim Golfspielen träte ein psychokinetischer Effekt auf, der den Ball noch gerade so ins Loch steuert. Das ist nicht auszuschließen. Aber auch hier gilt: Ich kann es nicht steuern. Ich würde sagen, wenn eine gute Verschränkung vorliegt, dann passieren manchmal solche Sachen. Dass es gerade noch so hinhaut, obwohl man denken würde, eigentlich wäre der Ball danebengegangen. Das wird beobachtet und geschildert.

          Das heißt, der Willen des Publikums spielt mit?

          Ich bin ja auch ein Experte für Spukfälle, wo merkwürdige Sachen passieren, wo Gegenstände herumfliegen oder umkippen . . .

          Wie bitte?

          . . . wir sprechen dann in der Physik von sogenannten Superfluktuationen. Auch in der klassischen Physik ist ja nicht alles festgelegt. Es ist so: Dass meine Teetasse von alleine nach oben fliegt, ist physikalisch nicht unmöglich. Und zwar, wenn alle Atome oder Moleküle, die da drin sind und ständig hin und her zappeln in alle Richtungen, durch Zufall in die gleiche Richtung gehen würden, was nicht ausgeschlossen ist - man kann es sogar beziffern, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, nämlich 1 zu 2 hoch 10 hoch 23 -, dann würde das Ding nach oben fliegen und dabei minimal abkühlen. Weil 10 hoch 23 Atome da drin sind. Die Wahrscheinlichkeit ist so klein, dass es nicht vorkommt. Jetzt weiß man aber: In verschränkten Systemen gelten diese Wahrscheinlichkeitsberechnungen nicht mehr. Es gibt verschränkte Systeme, für die man nachweisen kann - das sind jetzt rein physikalische Systeme -, dass diese thermodynamischen Wahrscheinlichkeiten falsch sind. Die können auf einmal viel, viel größer werden. Ich nehme an, beim Spuk passiert so etwas. Dass einfach die Fluktuationen im System verstärkt werden. Sie sind dann verschränkt mit der psychologischen Situation. Aber da weiß man noch viel zu wenig, als dass man etwas Solides sagen könnte. Das ist mehr eine Arbeitshypothese. Man kann solche Fälle schlecht untersuchen.

          Gibt es auch Verschränkungsphänomene zwischen Mensch und Tier? Etwa im Pferdesport?

          Ja, natürlich. Pferd und Reiter - das ist ein typisch verschränktes System, wenn es gut läuft. Da weiß der eine, was der andere denkt. Tiere sind meiner Ansicht nach Verschränkungsgenies.

          Wieso macht Verschränkung glücklich?

          Weil der Mensch auf Verschränkung angelegt ist. Er ist ein kollektives Wesen. Und wenn er spürt, dass er sich mit anderen verschränken kann, dann ist er glücklich. Deswegen ist Sport auch so beliebt.

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