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Rudertrainer Jürgen Gröbler : Diener des Leistungsprinzips

Immer vorausschauen, selten zurück: Jürgen Gröbler hat im Rudersport sein Glück gemacht. Bild: Getty

Als die DDR unterging, schuf er die goldene Ära der britischen Ruderer: Jürgen Gröbler hört auf – weil er dem Erfolg nicht im Weg stehen will.

          3 Min.

          Selten spricht ein bekennender Leistungsplaner im Spitzensport mit so sanfter, liebenswürdiger Stimme von seinem alles bestimmenden Erfolgshunger und von den Medaillen als einzigem Maßstab. Jürgen Gröbler lächelt sogar stets ein bisschen vorsichtig dazu, so als könnte er damit die Eiseskälte der Auslese, die in seinem Job zu den zentralen Aufgaben gehört, ein wenig abmildern. Aber das in sanftem Ton formulierte Bekenntnis war stets klar: „Ich will den Erfolg.“ Es klang nie so, als spräche ein offensiver Verfechter des Leistungsprinzips. Eher sein ergebener Diener.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          In seiner langen Laufbahn als Rudertrainer hat Gröbler seinem eigenen Maßstab stets standgehalten. Seit 1972 starteten von ihm betreute Boote bei Olympischen Spielen. Nur einmal fehlte er, 1984 in Los Angeles, wegen des Boykotts durch den Ostblock. Beim ersten Mal, in München, holte er – mit dem DDR-Skuller Wolfgang Güldenpfennig – noch die Bronzemedaille, aber das erscheint im Rückblick wie eine Aufwärmübung. Seither kehrte er nie mehr ohne Goldmedaille von Olympischen Spielen zurück. Bis zur Wende mit DDR-Ruderern. Danach avancierte er zum Mastermind hinter der goldenen Ruder-Ära Großbritanniens.

          Zuletzt, 2016 in Rio, holte er zwei Siege: in der Königsklasse, dem Männer-Achter, und im englischen Prestige-Boot, dem Vierer ohne Steuermann. „Das ist das Highlight meiner Karriere“, sagte er in Rio. Dass er der erfolgreichste olympische Rudertrainer der Historie ist, kommentierte er allerdings weiterhin nüchtern: „Man zählt nicht die Medaillen der Vergangenheit. Man schaut immer auf die nächste.“ Dass es olympisch gesehen in Rio seinen beiden letzten waren, zeigt sich erst jetzt. Angesichts der Verschiebung der Spiele 2020 in Tokio um ein Jahr gab er am vergangenen Donnerstag der britischen Rudermannschaft seinen Rückzug als Cheftrainer des Männer- und erst neuerdings auch des Frauenteams bekannt.

          Ein besonderes Datum

          Für Gröbler war es ein ganz spezielles Datum. Exakt 50 Jahre zuvor hatte der gebürtige Magdeburger in der DDR seine Trainerkarriere begonnen. Damals war er noch allgemein als Jürgen Gröbler bekannt. Mit seinem Umzug 1991 nach Henley-on-Thames, wo er beim traditionsreichen Leander Club angestellt wurde, löste er sich nicht nur von seiner Vergangenheit als leitender Trainer in der zynischen DDR-Medaillenfabrik. Auch der Umlaut in seinem Nachnamen löste sich auf. Manchmal auch in seinem Vornamen. Meistens ist er in den Medien und vor allem auf den Ergebnislisten seither: Juergen Grobler. Und seit dem Jahr 2006 ist er aufgrund seiner Verdienste um den britischen Sport sogar: Juergen Grobler MBE.

          Sein zentrales Meisterwerk hatte er schon Jahre vorher geschaffen. Er war es, der vor Olympia 1992 in Barcelona den damals schon zweimaligen Olympiasieger Steven Redgrave mit dem Greenhorn Matthew Pinsent im Zweier ohne Steuermann zusammensetzte. Gemeinsam wurden sie zur Legende, wurden 1992 und 1996 Olympiasieger im Zweier und vier Jahre später in Sydney noch einmal mit dem Vierer ohne Steuermann. Mit fünf Goldmedaillen wurde Redgrave zum erfolgreichsten Ruderer der Geschichte. Er und Pinsent sind jetzt: Sir Steven. Und Sir Matthew.

          Als im Jahr 1998 britische Medien begannen, Gröblers Vergangenheit im DDR-System zu durchleuchten, genoss er bereits ein so enormes Ansehen im britischen Sport, dass ihm die Ergebnisse nicht mehr schaden konnten. Gröbler gab zu, dass er einst Ruderer zum Doping aufgefordert habe. Allerdings hätten sie immer die Möglichkeit gehabt, sich zu verweigern. Er sei nie Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen, aber gelegentliche Spitzeldienste räumte er ein. „Ich muss mit dem leben, was in Ostdeutschland geschehen ist“, sagte er damals der BBC. „Ich bin am falschen Ort geboren worden. Es war nicht möglich, wegzulaufen.“ Auch seine Ruderer verwiesen auf das übermächtige DDR-System und wollten Gröbler als Einzelnen nicht für Doping und Spitzeldienste verantwortlich machen.

          Mehr Möglichkeiten in Großbritannien

          In der Zeit der Wende hatte der deutsche Spitzensport zwar die gedopten Athleten behalten, aber viele Trainer fortgeschickt. So verließen damals vierzehn Ruder-Experten das Land und machten ihr Glück woanders. Die finanzielle Ausstattung, die umfassende Entscheidungsbefugnis und das hohe Prestige, die Gröbler in Großbritannien erhielt, hätte ihm der Deutsche Ruderverband ohnehin nicht bieten können. „Der würde bei uns nie anfangen“, sagte sein deutscher Gegenspieler Ralf Holtmeyer einmal.

          Eigentlich war Gröbler sicher, dass er dem Deutschland-Achter auch in Tokio im entscheidenden Moment wieder die Grenzen würde aufzeigen können, so wie 2016. „Man muss am Tage fit sein“, ist Gröblers Maxime, dann, wenn das Top-ereignis alle Vorleistungen vergessen macht. Das war neben dem Sinn für die richtigen Kombinationen seine zweite große Stärke: Am Tag X den Höhepunkt der Leistung zu treffen. Das Achter-Finale von Tokio war für den 31. Juli geplant – seinen 74. Geburtstag.

          Es ist nur folgerichtig, dass auch Gröblers Abschied dem Prinzip Leistungsoptimierung folgt. Zwar hatte er sich der Aufgabe, die Mannschaften nach Rio neu aufzubauen, noch gestellt. Nun erklärte er sinngemäß, dass der Zyklus für die Spiele 2024 in Paris trotz Tokio im nächsten Jahr bereits begonnen habe. „Vier Jahre kann ich aber nicht weitermachen. Also bin ich zurückgetreten.“

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