https://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/wie-judoka-michelle-huerzeler-fussballprofis-beine-macht-17049880.html

Frühere Judoka Hürzeler : Wie eine 23 Jahre alte Sportwissenschaftlerin Fußballprofis Beine macht

Alles im Griff: Michelle Hürzeler, hier 2018 Bild: Picture-Alliance

Die ehemalige Judokämpferin Michelle Hürzeler ist in Deutschland die einzige Athletiktrainerin im bezahlten Fußball. Beim FSV Frankfurt stößt sie dabei zunächst auf viele Vorurteile. Doch dann ändert sich die Situation.

          3 Min.

          Als sich die Fußballspieler des FSV Frankfurt und Michelle Hürzeler in diesem Sommer im Stadion am Bornheimer Hang das erste Mal begegneten, zählte es für die Mannen aus der Regionalliga Südwest. Die 23 Jahre alte Sportwissenschaftlerin überwachte das Wiegen der Mannschaft. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Spieler noch nicht, in welcher Funktion Michelle Hürzeler tätig ist. Erst danach stellte Cheftrainer Thomas Brendel die ehemalige Leistungssportlerin im Judo als neue Athletiktrainerin seinem Team vor. Seit dieser Saison ist Michelle Hürzeler die erste Frau in Deutschland, die im Männerfußball bei einem Profiklub diesen Posten einnimmt. In dem von ihr verantworteten Bereich tanzen die Spieler nach ihrer Pfeife.

          Jörg Daniels
          Redakteur in der Sportredaktion

          Natürlich habe es anfangs „viele Vorurteile gegeben“, sagt Brendel. „Sie ist erst 23. Was wollen wir mit so einer Jungen?“, lautete eins. Seine Spieler seien „eher ein bisschen reserviert“ gewesen. Das habe sich aber „nach ein paar Tagen gelegt“, weil sie gemerkt hätten, „dass Michelle bei ihrer Arbeit voll bei der Sache ist und sich kümmert“, berichtet Brendel.

          Michelle Hürzeler
          Michelle Hürzeler : Bild: Imago

          Michelle Hürzeler entging die „Skepsis bei den Jungs“ nicht. „Sie waren jedoch von Anfang an sehr respektvoll und haben mir den Einstieg in dem Sinne erleichtert, dass sie mir eine Chance gegeben haben.“ Die gebürtige Freiburgerin, die wegen ihrer neuen Aufgabe von München nach Frankfurt gezogen ist, muss schmunzeln, wenn sie auf das Wiegen der Mannschaft zurückblickt. „Das war schon lustig. Es gab ein paar überraschte Blicke. Denn die Jungs wussten nicht genau, wie sie mich zuordnen sollten.“ Bis zum „Tag der Verkündung“ hatte Brendel die Personalie für sich behalten. „Ich wollte nicht, dass tagelang darüber geredet oder spekuliert wird.“

          Gegen drei Mitbewerber durchgesetzt

          Michelle Hürzeler setzte sich gegen drei männliche Mitbewerber durch. Einer von ihnen konnte die Mitarbeit beim American Football Club Frankfurt Universe vorweisen, ein anderer hatte schon Erfahrung in der zweiten Handball-Bundesliga gesammelt. Am meisten überzeugt war Brendel aber von der mehrmaligen European-Cup-Gewinnerin im Judo, die ihre Karriere mit vielen nationalen Medaillen nach 16 Jahren Leistungssport nach einer Bandscheibenoperation früh beenden musste.

          Entmutigen ließ sich die frühere Judokämpferin des TSV München Großhadern nie. Sie baute sich mit Akribie ein berufliches Standbein auf. Vor ihrem Wechsel nach Frankfurt arbeitete Michelle Hürzeler im Fitnessstudio – darüber kam auch der Kontakt zum FSV zustande –, außerdem engagierte sie sich im Judo- und im Golfverein. Sportlehrerin im Kindergarten war sie ebenfalls. Nicht zu vergessen ihre Aufgabe als Personaltrainerin. „Bei Michelle war ziemlich schnell klar, dass sie alle Punkte, die uns wichtig sind, erfüllt. Wir wollten jemanden haben, der beim FSV zu hundert Prozent dabei ist. Sie wollte den Job unbedingt haben“, sagt Brendel.

          „Tough, aber trotzdem locker“

          Michelle Hürzeler sagte sofort zu. Sie weiß, worauf sie sich eingelassen hat, denn blauäugig ist sie nicht. „Natürlich hat man seine Zweifel. Und natürlich habe ich die immer noch.“ Diesen begegnet sie jedoch mit der Einstellung, dass man „Hindernisse, sofern sie auftreten, beseitigen kann. Wenn mir Steine in den Weg gelegt werden, werde ich sie überwinden“ – das ist ihr Motto. Sich selbst beschreibt Michelle Hürzeler als „straightforward. Ich bin nicht so schickimickimädchen-like. Ich bin schon tough, aber trotzdem locker.“

          Brendel hat seine neue Mitarbeiterin im Trainerstab durch deren Fleiß als „absolute Überzeugungstäterin“ schätzen gelernt. „Sie ist von morgens bis abends hier und weiß mit den Spielern umzugehen. Sie holt sie zu sich, fordert etwas ein und kann auch mal laut werden“, sagt der Trainer. „Michelle ist nicht das kleine, ruhige Mäuschen.“ Unter ihrer Anleitung tragen die Spieler nun Tracking-Gurte, die mit einem GPS-Gerät ausgestattet sind. Individuelle Daten wie die Laufleistung und die Sprintgeschwindigkeiten können so ermittelt werden. „Damit sind wir schon mal drei Schritte weiter als im vergangenen Spieljahr“, sagt Brendel. Im Hinblick auf die Athletik gehöre der FSV „noch nicht zu den Topmannschaften“ der Regionalliga Südwest, findet Michelle Hürzeler, die erst zwei Wochen vor Abschluss der Saisonvorbereitung nach Frankfurt gekommen war. „Es fehlt bei uns schon noch an Spritzigkeit, Antrittsschnelligkeit, auch an Agilität. Die Jungs haben dafür aber sehr viel herausgeholt. Ich bin sehr stolz auf sie“, sagt Michelle Hürzeler.

          Ein „Herz für den Fußball“ hatte sie immer schon. Dem Ball jagte sie in ihrer Freizeit nach. Ihr Bruder Fabian ist Assistenztrainer beim FC St. Pauli. Von ihm holt sich Michelle Hürzeler Rat, wenn sie ihn braucht. Um sich weiterzubilden, liest sie viele Bücher. Ihre Ideen, Dinge zu verbessern, gehen nie aus. Brendel hat sie vorgeschlagen, die Spieler nach Auswechslungen auf Hometrainer zu setzen. „Das ist effektiver wegen der Regeneration“, sagt sie. Auf Vorurteile stößt sie nur noch, wenn der FSV Auswärtsspiele hat und sie von den Gegnern zunächst mehrheitlich als Physiotherapeutin eingeordnet wird. Als Athletiktrainerin will Michelle Hürzeler irgendwann in der Männer-Bundesliga arbeiten. Das ist ihr Traum. Einen anderen hat sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen: den der Olympiasiegerin im Judo.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine zerstörtes Gebäude in Mariupol

          Was in der Nacht geschah : Selenskyj spricht von „Hölle“ im Donbass

          Die Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Truppen gingen vor allem im Osten der Ukraine im Donbass weiter. Die Befehlshaber des letzten militärischen Widerstands der Ukraine in Mariupol befinden sich nach eigenen Angaben immer noch im Stahlwerk Asowstal. Die Nacht im Überblick.
          Ein 9-Euro-Ticket auf einer App auf einem Smartphone 11:01

          F.A.Z. Frühdenker : Wird der Bundesrat dem 9-Euro-Ticket zustimmen?

          Beim Besuch des Emirs von Qatar bei Kanzler Scholz in Berlin dürfte es um das Thema Flüssiggaslieferungen gehen. Der Bundesrat soll grünes Licht für das 9-Euro-Ticket geben. Und ein Unwetter fegt über Deutschland hinweg. Alles Wichtige im F.A.Z.-Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          AllesBeste
          Testberichte & Kaufberatung
          Baufinanzierung
          Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
          Spanischkurs
          Lernen Sie Spanisch