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Radsport bei UAE Emirates : Das erstaunliche Zusammenspiel zweier Sprinter

  • -Aktualisiert am

Alexander Kristoff bejubelt seinen Sieg beim Rennen Gent-Wevelgem. Bild: EPA

Fernando Gaviria und Alexander Kristoff sind exzellente Radprofis. Teamintern wurden sie bei UAE Emirates als Gegner eingeschätzt. Doch die beiden verblüffen viele mit ihrer speziellen Unterstützung.

          Sie sind exzellente Sprinter, und das Duo Fernando Gaviria und Alexander Kristoff setzt auch neue Maßstäbe in seinem Gewerbe. Der endschnellere Kolumbianer unterstützte den Norweger bei dessen Überraschungssieg am Sonntag bei Gent-Wevelgem, indem er ihm von hinten die Widersacher vom Leibe hielt. Bei den nächsten Klassikerrennen und vermutlich erst recht bei der Tour de France wird die Konkurrenz nun vor der Frage stehen, wie sie sich auf die beiden einstellen soll und welches der beiden Hinterräder der Radprofis vom Team UAE Emirates das richtige sein könnte.

          Elia Viviani dachte, er habe alles schlau gemacht. Im Finale des „Halbklassikers“ Gent-Wevelgem plazierte er sich hinter Kristoff und unmittelbar vor Gaviria. Der Kolumbianer schien der gefährlichste Rivale für den italienischen Omnium-Olympiasieger zu sein. Und Kristoff war als dessen Anfahrer betrachtet worden. Kurz bevor die kleine Gruppe der schnellen Männer die Topgeschwindigkeit erreicht hatte, um den Spurt zu lancieren, holte sich Gaviria aber den Platz hinter Kristoff zurück. Viviani war aus dem Rhythmus. Kristoff setzte sich vorn ab und gewann mit deutlichem Vorsprung vor John Degenkolb. Gaviria hatte währenddessen noch manch anderen Rivalen ausgebremst, der in seinem Windschatten auf eine Beschleunigung hoffen mochte. Aber dazu kam es nicht. Denn der Kolumbianer hatte vorher zum Teamkollegen gesagt: „Mach du es, Alex, ich habe nicht mehr die Beine für den Sprint.“

          Gaviria sollte dann eigentlich den Sprint für Kristoff anziehen, sagte der Sportliche Leiter von UAE, Allan Peiper, zur Strategie. Aber selbst dafür reichte dessen Kraft nach vielen Stunden in einer Fluchtgruppe nicht mehr. Und so entschloss Gaviria sich, von hinten Destruktionsarbeit zu leisten. „Umgekehrten Leadout“ taufte der frühere Top-Sprinter Robbie McEwen die Taktik, als er sie auf per Video studierte.

          „Ein Mann wie Alex ist niemals eine Nummer zwei“

          Dieses Vorgehen verdient umso mehr Aufmerksamkeit, weil es zeigt, wie gut zwei Männer zusammenarbeiten, die man zu Saisonbeginn vor allem als teaminterne Gegner eingeschätzt hatte. Denn Kristoff, dem Siegfahrer von UAE in der Saison zuvor, war das Talent Gaviria vor die Nase gesetzt worden. „Ich bin sicher nicht engagiert worden, um den Anfahrer zu geben“, ließ der Norweger am Jahresanfang deutlich verärgert verlauten. Ende 2017 hatte er seinen damaligen Rennstall Katjuscha-Alpecin aus einem ähnlichen Grund verlassen. Die Verpflichtung von Marcel Kittel hätte Kristoff, immerhin Sieger von Mailand-Sanremo und der Flandernrundfahrt, ins zweite Glied zurück versetzt.

          Und so wechselte der Norweger zu der Equipe mit den Petrodollars. Dort war er ein Jahr der Chef. Er untermauerte diese Rolle mit dem Sieg auf der letzten Etappe der Tour de France auf den Champs-Elysées. Und dann kam Gaviria. Verhältnismäßig schnell fügte sich Kristoff schließlich in die Position der Nummer zwei im Team ein. „Wenn einer schneller ist, dann musst du das akzeptieren“, sagte er, bereits spürbar gelassener, Mitte März. „Bei den Massensprints bin ich der Anfahrer für Gaviria. Wenn es schwerer wird oder er keine guten Beine hat, sehe ich aber auch meine Chance. Und der Rennkalender ist so dicht, dass wir sicher auch viele Rennen getrennt fahren werden.“ So hofft Kristoff also, nicht komplett zum Helfer degradiert zu werden. Ihm half auch das geschickte Management im Team. „Ein Mann wie Alex ist niemals eine Nummer zwei. Er ist ein Top-Fahrer. Und wir müssen unsere Rennfahrer so einsetzen, dass es nur einen Sieger gibt: UAE Emirates“, sagte Teammanager Matxin Fernandez. Der Spanier mochte da noch nicht an den „umgekehrten Leadout“ vom vergangenen Sonntag gedacht haben. Aber eine Kooperation und ein Tausch der Rollen von Vorbereiter und Vollstrecker gehören definitiv zum Repertoire des in diesem Jahr deutlich besser strukturierten Rennstalls.

          Gaviria hatte seine Bereitschaft, manchmal zurückzustecken, schon im Februar unter Beweis gestellt. Ausgerechnet bei der Etappe der Kolumbien-Rundfahrt, die in seiner Heimatstadt La Ceja bei Medellin endete, ließ er seinem Landsmann und Teamkollegen Sebastián Molano den Vortritt. Molano wurde Dritter, und er gewann am Folgetag, als Gaviria krankheitsbedingt nicht mehr zum Start erschien. Molano gilt unter kolumbianischen Radsportexperten als ähnlich begabt wie Gaviria. Dass Gaviria den WorldTour-Neuling Molano im sehr wichtigen Heimrennen zum Zuge kommen ließ, ist beachtlich. Es belegt die gute Balance aus Angriffslust und realistischer Einschätzung der eigenen Ressourcen und zeugt von einer ausgeprägten Fähigkeit zur Improvisation. Bei der Flandern-Rundfahrt an diesem Sonntag und Paris-Roubaix eine Woche später sind Gaviria und Kristoff wieder im Einsatz. Den Giro d’Italia bestreiten Gaviria und Molano. An der Tour de France sollen Gaviria und Kristoff teilnehmen. Mal sehen, wer da für wen die Führungsarbeit leistet.

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