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Turn-Weltmeisterschaft : In Zukunft nur nicht zurückblicken

  • -Aktualisiert am

Simone Biles turnt erfolgreich bei der Weltmeisterschaft in Doha. Bild: AFP

Die Vergangenheit ist weiter präsent. Fällt der Name Nassar, gibt es bestenfalls finstere Mienen. Doch es gibt auch eine Hoffnung: Wie das amerikanische Turnen bei der WM mit dem Missbrauchsskandal umgeht.

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          Es gibt zwei Namen, die in diesen Tagen der Turn-Weltmeisterschaft in Doha bei Amerikanern einhellige Reaktionen hervorrufen: Der eine ist der von Larry Nassar, dem Teamarzt, der von 1996 bis 2015 über 150 Mädchen sexuell missbraucht hat und nun im Gefängnis sitzt. Fällt sein Name, wird im besten Fall die Mimik finster, es heißt, man müsse in die Zukunft schauen. Oder das Gegenüber geht wortlos von dannen. Der andere Name ist der von Simone Biles, die ihr breites Lächeln gewissermaßen auf alle, die über sie sprechen, überträgt: Die Rettung.

          Vor allem sie, die viermalige Olympiasiegerin von Rio, hat am Dienstagabend dafür gesorgt, dass der Titel im Mannschaftswettbewerb der Frauen wieder an die Vereinigten Staaten ging; sie siegten vor Russland und China, während die deutsche Auswahl Achte wurde. Mindestens drei Männer, die dabei vor Ort waren, dürften dies mit gemischten Gefühlen erlebt haben. Drei Trainer, die in den vergangenen Jahrzehnten Teil des Systems waren. Ein System, in dem alles rund zu laufen schien, bekannt für hartes Training, überzeugend mit hervorragenden Leistungen und immerzu lächelnden Turnerinnen, die sagten, sie seien stolz, für ihr Land zu turnen. Ein System, das alles gewonnen hat und deswegen von der Konkurrenz bewundert wurde. Nicht zuletzt ein System, in dem viele Trainer aus der ganzen Welt sehr gern gearbeitet hätten. Doch Mihai Brestyan, Liang Chow und Valeri Liukin haben diesem System nun erst mal den Rücken gekehrt.

          Drei unterschiedliche Stimmen

          Liang Chow war Trainer von Gabby Douglas, die in London 2012 Mehrkampf-Olympiasiegerin wurde und vor einem Jahr bekannte, dass auch sie zu den Opfern von Larry Nassar gehörte, die als „survivors“, die Überlebenden, bezeichnet werden. Chow ist seit Juli Cheftrainer der chinesischen Frauen. „Es ist eine große Ehre, wieder dort zu sein, wo ich das Turnen gelernt habe“, sagt der gebürtige Chinese. Bisher hatte er gern von sich selbst als dem perfekten Beispiel für das Vollenden des American Dream gesprochen, nun fügt er hinzu: „Man muss immer auf neue Reisen gehen.“ Auf die konkrete Frage, welchen Einfluss Nassar auf seine Entscheidung gehabt hat, geht er weg.

          Mihai Brestyan war Trainer von Aly Raisman, Kapitänin des goldenen Olympiateams 2012 und 2016. Sie ist heute die Überlebende mit der klarsten und pointiertesten Stimme. Ihre Aussage im Verfahren, das zur Verurteilung von Nassar führte, war eine Abrechnung nicht nur mit dem Arzt, der sie missbraucht hatte, sondern auch mit dem Verband (USAG) und den mutmaßlichen Mitwissern, die allesamt von den Erfolgen der Turnerinnen profitiert haben. Mihai Brestyan ist jetzt Cheftrainer der australischen Frauen, die in Doha den 15. Rang belegten.

          Schließlich Valeri Liukin: Er ist der Vater und war der Trainer von Nastia Liukin, die 2008 Mehrkampf-Olympiasiegerin wurde. Sie hat keine Aussage dazu gemacht, ob sie von Nassar missbraucht wurde. Valeri Liukin wurde nach den Spielen 2016 Nationaler Teamkoordinator und damit Nachfolger von Martha Karolyi, der zentralen Figur des erfolgreichen Systems. Bei der WM 2017 sagte er nur, es sei gerade „eine schwierige Zeit“. Im Februar 2018 trat er für viele überraschend zurück. Es heißt, seine Familie habe in sozialen Medien Drohungen erhalten. Valeri Liukin ist jetzt Cheftrainer der brasilianischen Frauen. „Es gab viel negatives Gerede in den Vereinigten Staaten über meine Familie“, sagt er in Doha zu seiner Entscheidung. Die sei ihm nicht leichtgefallen, aber jetzt gelte es, Brasilien nach vorn zu bringen, sein Leben sei das Turnen.

          Für viele andere des einst so erfolgreichen Systems ist es nicht so gut gelaufen, wie es für diese drei Trainer gerade aussieht: Gegen Martha Karolyi laufen Klagen. Steve Penny, der zurückgetretene USAG-Präsident, wurde vor zwei Wochen festgenommen, wie zuvor schon Debbie van Horn, die langjährige Physiotherapeutin des Teams, die der Mitwisserschaft bezichtigt wird. Trainer John Geddert wurde suspendiert, nachdem mehrere Turnerinnen aussagten, er habe seit 2011 von Nassars Handlungen gewusst. In Doha sind die amerikanischen Vertreter ostentativ bemüht, in die Zukunft zu schauen. Sie haben Tom Forster mitgebracht, seit Ende Juni der neue Nationale Teamkoordinator. Er gibt bereitwillig und freundlich Auskunft. „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt“, sagt er und dann auch: „Wir müssen nach vorne schauen, die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern.“

          Allein, die Vergangenheit ist weiter präsent: in Person von Ron Galimore zum Beispiel, Mitglied im USAG-Board und nicht zuletzt in der Exekutive des Weltverbandes. Aly Raisman berichtete vor kurzem im Podcast „Gymcastic“, wie sie von ihm bei Veranstaltungen mittlerweile ignoriert wird, als habe sie das Nest beschmutzt. Galimore hat wie schon 2017 während der WM in Montreal ein Interview zum Thema Nassar abgelehnt. Die Frage, ob er den E-Mail-Verkehr, der letztlich mit zu Steve Pennys Verhaftung führte, in Kopie erhalten hat, wovon alle Beobachter ausgehen, wird auch schriftlich nicht beantwortet. Am Montag haben Tasha Schwikert, Weltmeisterin von 2003, und ihre Schwester Klage gegen USA Gymnastics, Larry Nassar und das Nationale Olympische Komitee eingereicht. Liang Chow, Mihai Brestyan und Valeri Liukin widmen sich derweil ihren neuen Aufgaben, indem sie zu Trainingslagern reisen. Alle drei leben weiterhin in Amerika, wo sie ihre eigenen lukrativen Klubs betreiben, für den Moment. Wenn Simone Biles in diesen Tagen in Doha weitere Titel sammelt, schauen sie nur zu.

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