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Westernreiten : Johnny Cash hat ausgedient

  • -Aktualisiert am

Der Deutsche Grischa Ludwig wurde Fünfter Bild: REUTERS

Westernreiter haben nicht mehr viel mit der alten Cowboy-Romantik gemeinsam. Einzig der angewachsene Filzhut erinnert noch an den Wilden Westen und seine Helden. Es ist sogar so weit, dass ein Deutscher in die Phalanx der Amerikaner einbricht.

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          Vergesst die alten Filme! Vergesst die Herren Wayne und Stewart, Lancaster und Brynner! Cowboys sind anders. Wenn der Weltmeister der Westernreiter der Weltmeister der Cowboys ist, dann sind die heutzutage freundliche Herren im mittleren Alter, die ein paar Kilo zu viel auf die Waage bringen. Einzige Gemeinsamkeit mit den Helden aus der Zelluloid-Klasse ist der angewachsene Filzhut. „Dies hier ist eine gewichtige Veranstaltung“, sagte bei den Welt-Reiterspielen ihr Equipe-Chef - oder sollte man sagen Vormann? - Jeff Petska. „Darum haben wir unsere Schwergewichte hingeschickt.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Und wirklich: Die Amerikaner gewannen zu Beginn der Spiele in Lexington nicht nur überlegen den Mannschaftswettbewerb im Reining, der Dressur der Westernreiter. Im Einzelfinale siegte Tim McCutcheon auf Gunners Special Nite vor Craig Schmersal mit Mister Montana, beide mit Stars and Stripes auf ihrem Westernhemd. Nur die Bronzemedaille überließen sie einem anderen, zumindest aber kontinental verbundenen Westmann, dem Kanadier Duane Latimer auf Dun Playin Tag. Das sind sie also, die Vorbilder der Western-Szene von Lyle Lovett bis Corinna Schumacher. Nur einer fehlte auf dem Gruppenbild: Shawn Flarida aus Ohio. Der Mann, der sonst in einer eigenen Liga seine Patterns zelebriert, wurde Letzter.

          Nicht, dass sich Flarida nun vor lauter Enttäuschung in der nächsten verstaubten Bar einen Bourbon in einem angeschlagenen Wasserglas über die Theke schieben ließe. Im Saloon, sagen Kenner, ertränken höchstens die Pferdebesitzer ihren Kummer. Die Reiter sind Profis, leben entsprechend und wissen, dass sich Glück und Pech im Leben immer ausgleichen. Am Donnerstag biss die Klapperschlange eben einmal Flarida. Mitten in seiner Show riss an seinem Steigbügel ein Stück Ledergurt ab, er erschrak über das Geräusch, kam aus dem Takt und musste sich kurz am Horn seines Sattels festhalten. Ganz schlimm. Das brachte ihm 15 Minuspunkte ein.

          „Wow”: Ein kleiner Fehler kostete Grischa Ludwig die Medaille

          Sliding, Stops und Rollbacks

          Dazu hatte sein Quarterhorse Fancy Step an diesem Tag keine große Lust, seine berühmten Sliding Stops und Rollbacks in der gewohnten Qualität zu zeigen. Flarida stieg nach seinem Auftritt vom Pferd, sammelte das abgerissene Lederstück vom Boden auf und ging mit fatalistischem Lächeln. „Etwas an seinem Steigbügel ist gebrochen“, sagte Perska. „Aber Shawn ist nicht gebrochen. Jetzt gewinnt er eben sein nächstes Turnier.“ Zum Trost muss der Champ nur auf den Zähler auf seiner Internetseite schauen. Da kann er ablesen, dass er stramm auf eine Gewinnsumme von vier Millionen Dollar zureitet. Er hat schon 3,871875 Millionen gewonnen. Rekord.

          Das Geld verbrät er nicht am Lagerfeuer. Mit der alten Romantik wollen die modernen Pferdeleute nichts mehr zu tun haben. Sie spielen keine Mundharmonika. Und Johnny Cash hat auch ausgesungen. Auf Dauer könne man das Western-Gedudel nicht ertragen, sagen sie. Heute reitet man zu Michael Jackson. Nur die Klamotten werden nicht modernisiert, schließlich haben gerade in Europa viele junge Leute mit dem Westernreiten angefangen, weil die Buckles - die Gürtelschnallen - und die Chaps - die gerne auch mit Fransen besetzten Lederhosen - so flott aussehen.

          „Wenn ich 'Wow' sage, friert er ein“

          Doch auch dort wird die Szene immer professioneller, auch wenn sie von der amerikanischen Horseindustry, die sich um Produktion und Handel von Quarterhorses dreht, noch weit entfernt ist. Die Welt-Reiterspiele haben allerdings gezeigt, dass auch die Lehrlingsländer immer besser mithalten können. Fünfter wurde zum Beispiel ein Schwabe: Grischa Ludwig aus Bitz auf der Alb. Der 36 Jahre alte Profi hätte sogar beinahe eine Medaille gewonnen, wenn ihm nicht mit seinem neunjährigen Hengst Hot Smokin Chex beim ersten Spin - einer rasenden vierfachen Umdrehung - eine Panne passiert wäre.

          Er überdrehte, weil die Einteilung der Steps - also der Schrittlänge - nicht stimmte. Außerdem überhörte das Pferd vor lauter Lärm in der ausverkauften Halle das „Wow“ seines Reiters. „Wenn ich 'Wow' sage, friert er ein“, sagt Ludwig. Er bleibt also bewegungslos stehen. Dieses Umschalten von höchster Aktivität zu maximaler Ruhe gehört zu den Tugenden von Westernpferden, die aus der alltäglichen Cowboy-Arbeit abgeleitet sind. Drei Punkte Abzug musste Ludwig für den Fehler hinnehmen. Andernfalls hätte er die Silbermedaille gewonnen. „Aber hier wurde einem nichts geschenkt“, sagt Ludwig. Hot Smokin' Chex wurde ihm lediglich für die Welt-Reiterspiele zur Verfügung gestellt. Er hofft, dass ihm die Besitzerin das Pferd nun länger anvertrauen wird.

          Augenzeugen gibt es genug dafür, dass Ludwig und Hot Smokin' Chex zusammenpassen. Otto Becker war in der Halle im Kentucky Horse Park, der Bundestrainer der deutschen Springreiter. Und die Granden der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Und Formel-1-Gattin Corinna Schumacher, die selbst eine gute Amateurreiterin ist und zu Hause in der Schweiz ein Turnier ausrichtet (Rennfahrer Michael Schumacher, hört man, sei in der Ein-PS-Klasse lediglich ein „mutiger Anfänger“). Sogar zwei Hüterinnen der klassischen Dressur, Isabell Werth und ihre Mäzenin Madeleine Winter-Schulze, feuerten die deutschen Westernreiter an. „Als ich Isabell Werth gesehen habe“, sagt Grischa Ludwig, „da wusste ich, wir haben hier wirklich etwas geschafft.“

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