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Handball-Nationalmannschaft : Die schwere Suche nach einem neuen Gesicht

  • -Aktualisiert am

Ein nachdenklicher und gleichzeitig glücklicher Dagur Sigurdsson: Zukunft wohl in Island und Japan Bild: dpa

Erfolgstrainer Dagur Sigurdsson wird das deutsche Handball-Team wohl spätestens im Sommer verlassen. Die Liste der möglichen Nachfolger ist lang. Und doch stellt sich eine entscheidende Frage.

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          Die Sätze klangen schon verdächtig nach Abschied. Beinahe jeder deutsche Handball-Nationalspieler musste in den Tagen seit Mittwoch einmal beantworten, was es für das Team und den deutschen Handballbund (DHB) denn bedeute, dass Bundestrainer Dagur Sigurdsson seine erfolgreiche Tätigkeit aller Voraussicht nach im nächsten Sommer beenden werde. Kapitän Uwe Gensheimer sagte dazu: „Es weiß jeder, dass Dagur ein ganz wichtiger Baustein ist. Wie wir uns unter ihm in den Jahren seit 2014 entwickelt haben, ist herausragend.“

          Zu dieser Entstehungsgeschichte unter dem 43 Jahre alten Isländer gehört auch, knappe Spiele in heißer Atmosphäre bei guten Gegnern gewinnen zu können. Unter Sigurdssons Vorgänger Martin Heuberger war das oft misslungen. 23:22 siegte die erste DHB-Auswahl am Samstagabend in der Schweiz und behält nach dem 35:24 am Mittwoch in Wetzlar gegen Portugal eine weiße Weste in der Qualifikationsgruppe fünf. Die Gruppensieger und -zweiten sowie der beste Gruppendritte spielen im Januar 2018 bei der Europameisterschaft in Kroatien mit.

          Die Deutschen werden nach dem Triumph von Krakau am 31. Januar des Jahres versuchen, ihren Titel zu verteidigen - sollten sie sich qualifizieren, woran niemand zweifelt. Denn diese Mannschaft ist unter Sigurdsson stabil geworden und steckt die dem Handball innewohnenden Verletzungsprobleme gut weg. Sigurdsson hat die Auswahl deutscher Tophandballer auf 30 vergrößert, indem er auch Stammspieler bei Abstiegskandidaten zu Nationalspielern machte: „Wer immer Bundesliga spielt, kann auch Nationalmannschaft spielen“, lautete einer der inzwischen berühmten „Basta“-Sätze des Coaches.

          Sigurdsson, ein gefragter Trainer

          Dagur Sigurdsson fühlt sich unabhängig; sein Name ist durch die Jahre in Berlin und nun beim DHB stark genug, dass er aus Angeboten frei wählen kann - Angebote, die finanziell gewinnbringender sind als die - geschätzt - 240.000 Euro, die ihm der DHB im Jahr überweist. Nicht von ungefähr hat Sigurdsson am Mittwoch in Wetzlar von einem „Projekt“ gesprochen, das er „nicht ohne Grund“ verlasse. Die Zeiten, als deutsche Bundestrainer über Jahre im Amt blieben, sind auch im Handball passé.

          Allen Verantwortlichen beim DHB scheint seit einiger Zeit klar zu sein, dass Sigurdsson seinen Vertrag von 2014 nicht verlängern und entweder nach der Weltmeisterschaft im nächsten Januar in Frankreich oder spätestens im Sommer ausscheiden wird. Bis 2020 gelten seine Arbeitspapiere, aber beide Parteien hatten bei Abschluss eine Kündigungsmöglichkeit nach drei Jahren vorgesehen, also zur Mitte der Laufzeit. Der Isländer selbst hat seine Entscheidung für die nächsten Wochen angekündigt; bis Mitte November soll Klarheit herrschen.

          Sigurdsson hat viele deutsche Spieler besser gemacht.
          Sigurdsson hat viele deutsche Spieler besser gemacht. : Bild: dpa

          Der kühle Projektmanager Sigurdsson scheint eine gleichermaßen lukrative und familienfreundliche Variante zu favorisieren. Die japanische Nationalmannschaft auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorzubereiten könnte eine spannende Option sein, die ihm bei einer festgeschriebenen Anzahl von Tagen in Japan ermöglicht, die bald nach Island zurückziehende Familie oft genug zu sehen. Ein Drittel des Jahres Japan, zwei Drittel des Jahres Island mit seiner Frau, einer Lehrerin, und den drei Kindern: darauf könnte es hinauslaufen.

          Ein Horizont in Fernost

          Dagur Sigurdsson hat von 2000 bis 2003 für Wakunaga Hiroshima gespielt. Seine anhaltenden Knieprobleme ließen Bundesliga-Handball damals nicht mehr zu, und mit 23 Jahren wagte Sigurdsson als Vater zweier kleiner Kinder den Sprung von Wuppertal nach Hiroshima. Geringere Belastung, kurze Saison, genug Geld und Möglichkeiten, zu reisen, den Horizont in Fernost zu erweitern: „Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt“, sagt Sigurdsson.

          Die Zeichen stehen also auf Abschied, und beim DHB und dem Vizepräsidenten Leistungssport Bob Hanning beginnt die Suche nach dem Nachfolger. Eine Doppelfunktion als Vereins- und Nationaltrainer soll es nicht geben, so dass die beiden gehandelten Coaches Alfred Gislason und Ljubomir Vranjes wegfallen. Der Isländer Gislason steht beim THW bis 2019 unter Vertrag, der Schwede Vranjes ist bis 2020 in Flensburger Diensten.

          Natürlich sind Ablösezahlungen möglich, doch die würde man beim klammen DHB nur sehr ungern zahlen. Markus Baur hat beim TVB Stuttgart bis Juni 2018 unterschrieben, gilt aber trotzdem als mögliche Lösung. Doch ist nicht jeder beim DHB und im Ligaverband HBL davon überzeugt, dass der schon als Nachwuchs-Nationaltrainer arbeitende Weltmeister von 2007 das Zeug für einen derart wichtigen Job hat. Wie zu hören ist, soll auch der Name Christian Prokop in Gesprächen gefallen sein - der 37 Jahre alte Coach des Aufsteigers DHfK Leipzig hat die Sachsen zu einem Bundesliga-Spitzenteam geformt und gilt als deutscher Trainer mit besten Perspektiven.

          Möglicherweise eine Interimslösung

          Nicht zuletzt Bob Hanning könnte aber Michael Biegler als Sigurdssons Nachfolger in Erwägung ziehen. Der erfahrene Trainer ist derzeit für die DHB-Frauen zuständig und soll sie zu einer erfolgreichen EM hierzulande Ende 2017 führen.

          Michael Biegler: Der Trainer der Frauennationalmannschaft könnte bald der der Männer werden.
          Michael Biegler: Der Trainer der Frauennationalmannschaft könnte bald der der Männer werden. : Bild: dpa

          Eine Interimslösung bis nach der EM in Kroatien Anfang 2018 wäre also denkbar, ehe Biegler übernimmt. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass Hanning selbst schon als Assistent Heiner Brands auf der deutschen Bank saß. Hanning selbst versucht, die Causa Sigurdsson gelassen zu nehmen: „Um den deutschen Handball brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.“ Immerhin sind die jüngsten Erfolge auch Hannings Erfolge, denn er setzte Sigurdsson beim DHB als Nationaltrainer durch, nachdem die beiden viele Jahre als gutes Trainer-Manager-Gespann bei den Füchsen Berlin gearbeitet hatten.

          Wer auch immer es wird, er tritt in große Fußstapfen. „Dagur hat dieser Mannschaft ein Gesicht gegeben“, sagt Torwart Andreas Wolff, eine der großen Entdeckungen des uneitlen Coaches, der auch Tobias Reichmanns, Finn Lemkes, Julius Kühns, Kai Häfners und Erik Schmidts Aufstieg ermöglicht hat. Eine Ausbeute, für die sie ihm beim DHB ewig dankbar sein müssten.

          „Making of“-Video : Die Handball-Europameister lesen die F.A.Z.

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