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Leichtathletik : Großer Bahnhof für die Stabhochspringer

Sporthalle kann ja jeder: Renaud Lavillenie fliegt durch die Bahnhofshalle. Bild: AFP

Artistische Athleten zum Anfassen zeigen zirzensische Kunst: Die Weltspitze der Stabhochspringer macht sich im Züricher Hauptbahnhof für das Finale der Diamond League warm.

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          Pendler hetzen vorbei, Flaneure schlendern entlang, Abgehängte lungern herum. Der Züricher Hauptbahnhof ist ein stark frequentierter Ort. 2915 Zugfahrten werden hier pro Tag abgewickelt, knapp eine halbe Million Passagiere nutzen diesen Knotenpunkt werktags. Auf so einem großen Bahnhof herrscht permanentes Kommen und Gehen. Seltener dagegen ein Laufen und Springen. Außer am Vorabend der Diamond League.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Dann bietet sich ein erstaunliches Spektakel auf dem Perron, das sich erheblich vom alltäglichen Bahnhofsbetrieb unterscheidet. So wie am vergangenen Mittwochabend, kurz nach der Rushhour, als sich zehn der besten Stabhochspringer der Welt getroffen haben. Sie flogen der Decke der Bahnhofshalle und dem blauen Nana-Engel entgegen, den die Künstlerin Niki de Saint Phalle dort einst installierte. Die Kunstfreunde müssen freilich nicht auf Dauer um das Alleinstellungsmerkmal des Engels fürchten. Der fliegt hier seit 21 Jahren und wird dies, gerade frisch renoviert, auch noch eine Weile tun. Dagegen kamen die Weltklasse-Sportler nur auf Stippvisite vorbeigeflogen, ehe sie sich auf den Weg nach Brüssel machten, wo sie an diesem Freitag ihr Finale um den Jackpot der Diamond League ausspringen – und der ist immerhin 50.000 Dollar wert.

          Womöglich unbezahlbar scheint dagegen der Werbewert für die Leichtathletik, wenn ihre Protagonisten sich – dem aktuellen Trend folgend – dem Publikum dort entgegenwerfen, wo es ist, und nicht darauf warten, ob die Leute von allein ins Stadion kommen. Dem höheren Auftrag folgend, Disziplin und Sportart den Zuschauern näherzubringen, nahm das knappe Dutzend athletischer Artisten mit großen Namen den Show-Wettkampf in der Zürcher Halle auf. Olympiasieger Thiago Braz da Silva aus Brasilien war am Start, zudem drei Weltmeister ihres Fachs: der Pole Pawel Wojciechowski, Champion von 2011, der Kanadier Shawn Barber (2015) und der Amerikaner Sam Kendricks (2017). Angeführt wurde das illustre Teilnehmerfeld von Hallen-Weltrekordhalter Renaud Lavillenie. Der Olympiasieger von 2012 hatte sich schon im vergangenen Jahr als Zuschauer beim Frauen-Stabhochsprung an gleicher Stelle als großer Fan dieses Ereignisses gezeigt und damals seine Hoffnung geäußert, 2018 selbst hier springen zu dürfen. Er durfte, doch für die ganz große Show waren andere zuständig.

          Tempolauf mit Stab: der Amerikaner Sam Kendricks Bilderstrecke
          Die Highlights in Bildern : Stabhochsprung im Züricher Bahnhof

          Der mittlerweile 31 Jahre alte Franzose stieg für seine Verhältnisse früh in den Wettbewerb ein – zu früh offenbar, denn ihm unterlief bei 5,56 Meter gleich ein Fehlversuch. Am Ende hatte er 5,81 übersprungen. Dies reichte hinter dem höhengleichen Wojciechowski zu Rang fünf. Barber, der 2015 bei der ersten Aufführung des Bahnhof-Springens triumphiert hatte, und der Einundzwanzigjährige Australier Kurtis Marschall meisterten jeweils 5,86 und belegten die Ränge zwei und drei. Über allen schwebte neben Engel Nana der Russe Timur Morgunov. Der ebenfalls erst 21 Jahre alte EM-Silbermedaillengewinner überquerte 5,91 Meter und bestätigte seinen guten Eindruck von Berlin, wo er erstmals sechs Meter überwunden hatte.

          Gar 6,05 Meter hatte dort der Schwede Armand Duplantis vorgelegt. In Zürich fehlte der Achtzehnjährige. Da er noch zur Schule geht, hatte seine Mutter ein Veto gegen einen Start mitten in der Woche eingelegt. Der Europameister darf sich erst an diesem Freitagabend in Brüssel wieder mit seinen Kollegen messen, die sich in Zürich schon mal warm gesprungen haben für den Kampf um den Jackpot.

          Duplantis springt dort womöglich ausgeruhter, aber er hat auch einiges verpasst, denn eine solche Nähe zum Publikum ist selten. Die Zuschauertribüne fasste im Bahnhof zwar nur rund 500 Plätze, doch für zufällige Passanten oder bewusst herbeiströmende Sportfreunde bot sich genug Raum am Laufsteg. Geschätzt 3000 Menschen konnten das Geschehen verfolgen und staunend erfassen, wie hoch fünfeinhalb, sechs Meter tatsächlich sind und wie schnell die Athleten mit ihren gezückten Stäben anlaufen müssen, um sich in solche Höhen aufschwingen zu können. Da ließ der ein oder andere Pendler ganz bewusst seine Bahn ziehen und stieg erst in die nächste ein – oder die übernächste.

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