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Schwimmen in Berlin : Duelle hinter den Kulissen und ein Weltrekord

  • -Aktualisiert am

„Die Diät hat nicht geschadet, wie man sieht“: Marco Koch schwimmt Weltrekord. Bild: Jödpa

Dem deutschen Schwimmsport stehen tiefgreifende Veränderungen bevor – trotz der neuen Bestmarke von Marco Koch. Das gefällt nicht jedem. Die geplante Zentralisierung stößt auf Widerspruch.

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          Deutsche Kurzbahn-Meisterschaften in Berlin, vier Schwimmer haben sich für die Winter-WM im Dezember im kanadischen Windsor qualifiziert – und zum Abschluss, am Sonntag gab es sogar noch einen Knalleffekt. Weltmeister Marco Koch aus Darmstadt schwamm über 200 Meter Brust in 2:00,44 Minuten Weltrekord. Bei seinem zehnten Titel in Serie auf seiner Spezialdistanz war Koch vier Hundertstelsekunden schneller als der Ungar Daniel Gyurta vor zwei Jahren. „Das ist ein geiles Gefühl“, sagte der 26-Jährige. Aber nicht nur das. Kochs Leistung hatte auch eine gewisse Brisanz.

          Denn die Duelle hinter den Kulissen schlagen wohl noch deutlich höhere Wellen. Vor dem Hintergrund der geplanten Leistungssportreform des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und auf Wirken des neu gewählten Präsidiums um Präsidentin Gabi Dörries stehen dem deutschen Schwimmen tiefgreifende Veränderungen bevor. Die Zentralisierung an weniger, dafür besser ausgestatteten Bundesstützpunkten soll vorangetrieben werden, verschärfte Normen sollen die voraussichtlich geringere Förderung gezielter verteilen, eine Konzentration auf olympische Strecken die Ressourcen weiter bündeln.

          Dass diese Pläne nicht überall auf Gegenliebe stoßen, war vorauszusehen. Gegner der Zentralisierung verweisen etwa auf gute etablierte Insellösungen, die bereits Top-Athleten hervorgebracht hätten. „Jeder hat sich sein Paradies geschaffen, das ist eine Ebene, auf der man gut arbeiten kann. Und jetzt wird erst mal alles plattgemacht? Das ist das Schlimmste, was du dem deutschen Sport antun kannst“, findet zum Beispiel Bernd Berkhahn, Trainer von Europameisterin Franziska Hentke. Die härteren Normen wiederum, eine Orientierung an den Top Acht von Rio, würden vielen Sportlern aus der zweiten Reihe zudem die Perspektiven nehmen. „Es wird die Breite fehlen, es werden die Vorbilder an den kleinen Stützpunkten fehlen.“

          Sportfachliche Vorgaben, etwa durch ein detailliertes Kraftkonzept zur Stärkung der Maximalkraft, sind ebenso umstritten. Was dabei immer wieder mitschwingt: Mehreren Trainern missfällt vor allem die Art und Weise, wie Chef-Bundestrainer Henning Lambertz seit Rio agiert. Einige stört etwa, dass Lambertz bereits während der Spiele einzelne Sportler kritisiert habe, anstatt sich schützend vor sie zu stellen. Sie kritisieren die durch die stärkere sportfachliche Einmischung und Kontrolle unterstellte Ahnungslosigkeit, bemängeln fehlende Wertschätzung für ihre Arbeit. Andere stellen sich hinter Lambertz und sagen, der Versuch, seine Vorstellungen in den vergangenen dreieinhalb Jahren durch Überzeugungskraft durchzusetzen, hätte ja augenscheinlich nichts gebracht.

          „Ein ,Weiter so‘ kann es doch hier nicht geben“

          Einer, der seine Konsequenzen aus den Entwicklungen der vergangenen Monate gezogen hat, ist Alexander Kreisel. Der Heimtrainer von Weltmeister und Weltrekordhalter Marco Koch, der zuvor stets auf einer Welle mit Lambertz schwamm, ist maßlos enttäuscht von dessen Verhalten während und nach der Spiele in Brasilien. „Man reißt sich für den Verband den Hintern auf, vernachlässigt alles andere, hat da gerade im letzten Jahr sehr viel geopfert – und dann kriegt man am Ende auch noch einen oben drauf, dass man alles falsch gemacht hat.“

          Lambertz habe trotz aller Verweise auf eine Erkrankung Kochs während der Vorbereitung auf Rio darauf bestanden, dass der Darmstädter Weltmeister in dieser kritischen Phase mehr trainiere. „Ich würde doch nie die Gesundheit meines Sportlers riskieren“, sagt Kreisel. „Und bevor ich irgendwann auch so denke, sage ich lieber: Dann mache ich nur noch mein Ding.“ Im Klartext heißt das: Der Trainer, der dem Verband zuletzt mit seinem Schützling die größten Erfolge beschert hat, steht dem DSV nicht mehr für Maßnahmen oder Meisterschaften zur Verfügung. Kreisel will künftig nur noch für seinen Verein arbeiten. Lambertz indes bestreitet die Vorwürfe. Er sei über eine Erkrankung nicht informiert worden, habe zudem bereits vor den Spielen mit Kreisel sowohl über Kochs Gewicht wie auch über Trainingsinhalte gesprochen.

          In Richtung Trainer betont Lambertz zudem, er habe in den vergangenen Jahren stets die Gespräche gesucht, habe gerade in den vergangenen Wochen immer wieder auch die Kollegen in Reformprozesse einbezogen. „Ich führe tausend Gespräche, aber immer von mir initialisiert. Kommunikation ist doch keine Einbahnstraße“, sagt Lambertz, der bereits bei seinem Amtsantritt als Stützpunktleiter in Essen keinen Stein auf dem anderen gelassen hat. Von den fünf Übungsleitern, die damals am Beckenrand standen, ist heute keiner mehr da. „Es war eben nicht so, dass die Strukturen so waren, wie ich sie mir vorgestellt hatte“, sagte Lambertz einst. Das alles ist bekannt. Heute sagt er: „Wir müssen mutig sein, etwas zu verändern. Ein ,Weiter so‘ kann es doch hier nicht geben. Sonst stehen wir in vier Jahren wieder da und haben nichts.“

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