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Weltrekord-Surfen in Nazaré : Mit dem Notarzt in den Wintersturm

Wer hier surft, braucht nicht nur Mut, sondern auch einiges an Können Bild: Reuters

Wie reitet man die größte Welle der Welt? Sebastian Steudtner hat Geld per Crowdfunding gesammelt und einen Arzt für den Notfall gefunden. Dann kam der große Tag vor der Küste von Nazaré.

          4 Min.

          Wenn Axel Haber früher seinen Koffer packte, kreuzte er wenig später auf einem Versorgungsschiff der deutschen Marine durch die Weltmeere. Südafrika, New York, Brasilien, Israel, 70.000 Seemeilen legte er als Schiffsarzt der Bundeswehr zwischen 2008 und 2011 zurück. Seit 2011 arbeitet Haber im Bundeswehr-Krankenhaus in Hamburg, vergangenen Mittwoch packte er trotzdem wieder Medikamente zur Reanimation in einen Koffer und reiste Richtung Meer.

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Einen Tag später war der 37 Jahre alte Arzt für eine Handvoll Wellenreiter zuständig, die sich vor dem kleinen portugiesischen Fischerort Nazaré von Jetskis in mehr als zwanzig Meter hohe Wellen ziehen ließen. Mit Funkgerät, Beatmungsbeutel und Nackenkrause stand Haber am Strand, während Surfer um den Nürnberger Sebastian Steudtner die wohl größten Wellen surften, die Menschen je geritten sind.

          Der Weg, der Haber an die tobende Küste führte, begann vor mehr als einem Jahr in Hamburg. Ein gemeinsamer Freund hatte ihn und den 29 Jahre alten Big-Wave-Surfer Steudtner an einen Tisch gebracht. Haber ist seit 17 Jahren Hobby-Wellenreiter und Surf-Fan, 2010 bekam er mit, wie Steudtner als erster Europäer den „XXL Global Big Wave Award“ für die größte gesurfte Welle des Jahres gewann.

          Vor Hawaii war Steudtner eine 22-Meter-Welle geritten. „Ich habe mich immer gefragt, was machen die Jungs, wenn mal etwas schiefgeht?“, sagt Haber. Um genau diese Frage drehte sich das Gespräch in Hamburg. Die beiden jungen Männer verstanden sich gut, am Ende fassten sie einen Plan: Zusammen würden sie in den kommenden Monaten ein Sicherheitssystem entwickeln – für das Surfen in Nazaré. Und mit diesem System wollte Steudtner den Weltrekord brechen, den der 47 Jahre alte Amerikaner Garrett McNamara 2011 mit dem Ritt einer 23,8-Meter-Welle aufgestellt hatte.

          Der neue Weltrekordhalter? Sebastian Steudtner am Strand von Nazaré Bilderstrecke
          Der neue Weltrekordhalter? Sebastian Steudtner am Strand von Nazaré :

          Big-Wave-Superstar McNamara war damals einer Einladung des Stadtrats von Nazaré gefolgt, der nach einer Marketingmaßnahme für den Ort suchte. Um für Nazaré zu werben, wollten die Abgeordneten ein Phänomen nutzen, dank dessen direkt an der Küste regelmäßig Riesenwellen explodieren: Ein Tiefsee-Canyon reicht bis an den Strand, deshalb drücken Winterstürme haushohe Wellen an die Küste. Der Plan der verschuldeten Kommune ging auf: McNamara stellte den Weltrekord auf und machte Nazaré in der Surferszene über Nacht weltberühmt.

          Wellenreiten mit Orkantief „Alexandra“

          Seitdem reisen jeden Winter Surfer aus der ganzen Welt nach Portugal, wenn wie in der vergangenen Woche ein Orkantief über dem Atlantik tobt. Im Oktober 2013 kam es dabei fast zur Katastrophe: Der brasilianischen Surferin Maya Gabeira brach beim Surfen der Fuß, sie trieb leblos im Wasser und musste am Strand wiederbelebt werden. „Man braucht einen Plan, bevor etwas passiert“, sagt Haber.

          Während er im vergangenen Sommer über einem Sicherheitsplan brütete, saß Steudtner in Nürnberg und hatte ein ganz anderes Problem: „Es war fraglich, ob ich genug Sponsoren finde, um mich im Winter komplett aufs Surfen zu konzentrieren.“ Also wagte er ein Experiment: Auf der Internetplattform Startnext kann man sich per „Crowdfunding“ kreative Vorhaben durch eine Vielzahl von Spendern finanzieren lassen.

          Sebastian Steudtner : Ein Ritt auf der Monsterwelle

          Steudtner startete ein Projekt und schrieb eine Rundmail: „Ich werde ab diesem Winter die größten Wellen der Welt im portugiesischen Nazaré jagen, mit dem Ziel, den Weltrekord nach Deutschland zu holen.“ Der kreative Teil der Idee: Wer Steudtner mit mindestens 50 Euro unterstützte, dessen Namen ließ er auf sein Brett drucken: „Symbolisch surfen wir die größte Welle der Welt gemeinsam.“ Wenige Wochen später hatte er 37.000 Euro zusammen, kaufte sich zwei Jetskis, fuhr nach Portugal und wartete auf die Winterstürme.

          Vor wenigen Tagen war es dann so weit. Orkantief „Alexandra“ tobte über dem Atlantik, für Donnerstag waren in Portugal die bisher größten Wellen des Jahres angekündigt. Axel Haber packte seinen Koffer und stieg ins Flugzeug, am Mittwochabend kam er in Nazaré an. Als Erstes fuhr er zur lokalen Feuerwehrstelle.

          „Das macht man bei der Marine auch, wenn man vor einem Hafen liegt. Man stellt sich vor und schaut, was für eine Sanitätsausrüstung vorhanden ist.“ Danach traf sich der Arzt mit den Surfern zu einem Sicherheitsmeeting. Am Donnerstag war Haber per Funk sowohl mit Steudtners Jetskifahrer als auch mit Kameramann Jorge Leal verbunden, der als „Spotter“ von den Klippen aus das Wasser beobachtete. Haber selbst stand am Strand: „Den Arzt stellt man nicht an die vorderste Front.“

          Ein neuer Weltrekord?

          Ein paar Stunden vorher war Haber im Mondlicht mit den Surfern auf die Klippen gefahren, die Sonne ging auf, die Anspannung stieg. „Die Bedingungen waren bilderbuchmäßig“, sagt Haber. Bevor die Surfer ins Wasser gingen, wurden alle Reporter, Kameramänner und Zuschauer weggeschickt. Ein letztes Gespräch. „Das war ein sehr extremer Moment“, sagt Haber. Die brasilianischen Surfer fingen an zu beten, Steudtner und Haber schauten sich in die Augen: „Wir sehen uns später im Hafen.“

          Dann raste Steudtner mit dem Jetski los. „Die Wellen waren gigantisch“, sagt er. „Die größten meines Lebens.“ Während der Nürnberger eine Welle nach der anderen ritt, bekamen andere Surfer Probleme. Ein Portugiese wurde auf die Felsen gespült, sein Bein riss auf, ein Chilene verletzte sich im Gesicht, drei Jetskis wurden an den Strand gespült. McNamara rettete auf dem Jetski in letzter Sekunde einen Wellenreiter, der von den riesigen Brechern auf die Felsen gedrückt wurde. Seine Frau stand auf den Klippen, sie hatte den Surfer in Not entdeckt und ihrem Mann per Funk Bescheid gegeben. „Sonst wäre es knapp geworden“, sagt Haber. Nicht alle Surfteams hatten Funkgeräte im Wasser. „Der Tag hat gezeigt, dass man Nazaré nur mit dem System surfen kann, das ich und McNamara aufgebaut haben“, sagt Steudtner.

          Und der Weltrekord? „Ich glaube, dass ich die größten Wellen des Tages gesurft bin“, sagt Steudtner. Die Ergebnisse der offiziellen Messung werden im April bei der Verleihung des „XXL Awards“ in Los Angeles bekanntgegeben. Kameramann Leal ist sich schon jetzt sicher: „Das waren die größten Wellen, die ich in Nazaré jemals gesehen habe.“ 2011 hatte er die Rekordwelle von McNamara gefilmt. Sebastian Steudtner könnte es also geschafft haben.

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