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Weltreiterspiele : Wie Paulines Sohn das Schwimmen lernte

  • -Aktualisiert am

Badminton 2014: Immer tiefer gerät Leonidas mit seinem Reiter Mark Todd ins Wasser - doch er kämpft sich wieder hinaus. Bild: Nico Morgan Photography

Vor zehn Jahren wurde Leonidas auf einem Hof in Norddeutschland geboren. Nun wird er mit dem Vielseitigkeitsreiter Mark Todd bei der WM am Start sein. Der Weg dorthin war beinahe magisch.

          6 Min.

          Die folgende Geschichte ist so unwahrscheinlich, dass ich sie nicht glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Sie beginnt an einem Sonntag im Mai vor zehn Jahren in Westerthal, einem Hof in der Nähe von Eckernförde an der Ostsee. Als wir, die Hausherrin Gabriele Pochhammer und ich, an jenem Abend zum Pferdestall gingen, war der Himmel besonders hoch und von durchsichtigem Blau. Als wir eintraten, sahen wir, dass die Stute Pauline sich bereits hingelegt hatte, um zu fohlen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ich erlebte das zum ersten Mal: Dass ein Pferdekind, wenn alles gutgeht, in einer Art Kopfsprung-Haltung ins Leben hinausgeschickt wird. Und dass man die Stute unterstützen kann, indem man bei jeder Wehe behutsam an den Beinchen des Fohlens zieht. Und zum ersten Mal hörte ich auch dieses dunkle, herzliche Wiehern, mit dem eine Stute ihr Kind auf der Welt begrüßt. Ehrlich gesagt hätten Leonidas und Pauline es auch ohne uns geschafft, aber so fanden wir alle es schöner. Noch ein Jahr später hat mich Pauline auf der Weide mit einem freundlichen Nasenstüber begrüßt, ich bin sicher, dass sie mich als eine ihrer Geburtshelferinnen wiedererkannte.

          Ein Vielseitigkeitspferd

          Leonidas, der kleine Braune, stand rasch auf, wie es sich gehört, schwankte erst wie ein wackeliges Parallelogramm, fand aber schnell das Euter und trank seine erste Muttermilch. Die Menschen tranken später Champagner. Die Züchterin und ich stießen auf das gesunde Fohlen an und überlegten, was aus dem Kerlchen wohl eines Tages werden könnte. Ein Vielseitigkeitspferd - das fanden wir am besten, weil Leonidas dabei nach Herzenslust, aber trotzdem kultiviert würde rennen dürfen. Und Mark Todd sollte der Reiter sein, meinte Gabriele Pochhammer, die unter anderem seit Jahrzehnten Pferdesport-Expertin der „Süddeutschen Zeitung“ ist. Wir beide bewunderten das Können des langen, hageren Neuseeländers schon lange. Spätestens seit er 1988 in Seoul zum zweiten Mal - nach 1984 in Los Angeles - Olympisches Einzel-Gold gewonnen hatte, jeweils auf Charisma, also zweimal mit demselben Pferd. Onkel Paul Pochhammer, der ins Zimmer gekommen war, lächelte zu unseren Phantastereien. Wie sollte das denn gehen? Dabei wusste er noch nicht einmal, dass Todd damals schon 48 Jahre alt war.

          Ein Fohlen, das zwar groß wird, aber nicht groß genug, um als Zuchthengst durchzugehen.

          Würde Onkel Paul heute noch leben, würde er staunen. Denn es ging wirklich. Leonidas, heute Leonidas II genannt, ist, sofern alles nach Plan läuft, diese Woche bei den Welt-Reiterspielen in der Normandie dabei. In der Vielseitigkeit. Die Weltmeisterschaften in acht Pferdesport-Disziplinen begannen am Montag, die Vielseitigkeitsreiter steigen am Donnerstag mit der Dressur ein. Und im Sattel von Leonidas II wird sitzen: der Neuseeländer Mark Todd, jetzt 58.

          Wie wir am kommenden Samstag den Geländeritt nervlich überstehen sollen, wissen wir noch nicht. Je ohnmächtiger man sich fühlt, desto abergläubischer wird man ja: Gabriele will ihren aus Paulines Schweifhaar geflochtenen Armreif tragen, den wir während der riskanten zehn Minuten anfassen sollen. Hoffentlich sieht uns niemand. Es wird schwer werden, die Fassung zu wahren, zumal Pauline eines Morgens in diesem Frühjahr - wieder tragend - plötzlich tot in der Box lag. Das ist nun mal das Schicksal von Menschen, die ihr Herz an Tiere hängen: Man erlebt nicht nur ihr Kommen, sondern oft auch ihr Gehen, sie leben definitiv zu kurz.

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