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Weltmeister-Trainer Heynen : Der Clown meint es ernst

Verrückt nach Volleyball: Vital Heynen. Bild: Imago

Volleyball-Trainer Vital Heynen brennt für den Erfolg. Mit Polen holte er WM-Gold. Mit Friedrichshafen will er alles gewinnen. Seine Kunst besteht darin, so zu tun, als sei alles nur ein Spiel.

          3 Min.

          Auch als Weltmeister-Trainer ist sich Vital Heynen weiterhin für keinen Quatsch zu schade, sofern er einer guten Sache dient. Wobei „die gute Sache“ für den Coach des VfB Friedrichshafen, der in der Sommerpause mit Polen WM-Gold gewann, immer mit Volleyball zu tun haben muss. Der 49-jährige Belgier lebt für seinen Sport, und er will nicht nur Spiele und Titel gewinnen, sondern auch Zuschauer. Vor dem deutschen Supercup-Finale an diesem Sonntag in Hannover (16.30 Uhr), bei dem Pokalsieger Friedrichshafen gegen Meister Berlin antritt, wagt Heynen schon einen Blick über den Tag hinaus. In der vergangenen Spielzeit gewann er mit Friedrichshafen zwar Supercup und Pokal, nicht aber den Meistertitel. Dies soll in dieser Saison besser werden.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Zudem plant er auch schon Werbemaßnahmen im größeren Rahmen. So wettete er gegen die Lokalzeitung, dass sie es nicht schaffe, zum „Nikolausspiel“ in der Bundesliga gegen Düren 999 Fans mit roten Mützen in die Bodensee-Arena zu locken. Sollte das Blatt die Wette gewinnen, will Heynen an einem Dezember-Morgen beim Austragen der Zeitung helfen. Er sei „eh immer früh wach“. Die Wette ist eine klassische Win-Win-Situation, wie Heynen sie liebt – er kann dabei nicht verlieren. Wenn weniger Nikoläuse kommen, hat Heynen die Wette gewonnen – und nichts liebt er mehr, als zu gewinnen. Dann müssen die Presseleute beim nächsten Spiel als Ballroller und Wischer aushelfen. Wird die Maskerade aber angenommen, ist die Hütte voll und die Stimmung entsprechend gut. Dann löst Heynen gerne, der selbst mit roter Mütze kommen wird, seinen Wetteinsatz ein, in ähnlichen Missionen hat er auch schon „Freibier für alle“ im Falle eines bestimmten Resultats ausgelobt und sich dann an den Zapfhahn gestellt, um das Publikum zu verköstigen.

          Bei all seiner zur Schau gestellten Lockerheit sollte aber niemand glauben, Heynen sei nur ein Clown und meine es nicht ernst. Das Gegenteil ist der Fall. Der ehemalige Zuspieler brennt für den Erfolg, nur wirken seine Wege zum Ziel bisweilen unorthodox. Wie einst auf dem Feld, als er die Bälle an seine Mitspieler verteilte, versucht er nun von außen, die Dinge nach seinen Wünschen zu beeinflussen. Zu seinem Wirken gehört, Spieler auf andere Gedanken zu bringen. So wie einst als Trainer der deutschen Nationalmannschaft, als er in einer „Höllenwoche“ ein Schweigegelübde auferlegte. Am Ende der Mission gewann Außenseiter Deutschland überraschend WM-Bronze. Dazu gehört aber auch, selbst mitzuhelfen, um für angemessenen Zuschauerzuspruch zu sorgen. Dass ein deutscher Rekordmeister in einer traditionsreichen Ballsportart bisweilen kaum vierstellige Zuschauerzahlen zu Heimspielen anzulocken vermag, damit will er sich nicht abfinden. Einen Motivationsschub für neue Ideen verschaffte er sich selbst in der Sommerpause der Bundesliga, die er als Nationaltrainer Polens überbrückte – und als Weltmeister beendete. Obwohl die Polen nach ihrem Heim-Erfolg bei der WM 2014 als Titelverteidiger ins Turnier gingen, konnte mit einem solchen Triumph nicht gerechnet werden. Heynen war erst im Frühjahr engagiert worden, um das Team für Olympia 2020 neu aufzubauen. Bei der WM strebte er einen Platz unter den besten sechs an. „Der Titel kam eigentlich zu früh“ meinte er danach. Doch natürlich hat er ihn gerne mitgenommen, schließlich betreibt Heynen den Sport seit 30 Jahren auf Profi-Niveau – erst als Spieler, dann als Trainer, und hat immer von einem solchen Coup geträumt.

          Wie es dazu kommen konnte, dass „seine“ Polen sich nicht nur ins Finale vorspielen konnten, sondern an jenem 30. September auch noch Olympiasieger Brasilien mit 3:0 vom Parkett fegten, erklärt der Belgier mit dem einzigartigen Teamspirit seiner Mannschaft. „Jeder hat für jeden alles gegeben.“ Vergleichbares habe er in seiner Laufbahn noch nicht erlebt. Deshalb beschränkte er sich danach auf die Feststellung, er selbst sei nicht „Weltmeister“, sondern „Coach der besten Mannschaft der Welt“. Worauf er aber ebenso stolz sei. Die Spieler wurden nach dem Gold-Coup in ihrer Heimat mit einer Begeisterung empfangen, die selbst den begeisterungsfähigen Heynen schier überwältigte. Auch vom polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda wurden sie eingeladen. Heynen begnügte sich damit, auf der Siegesfeier ein Glas Wein zu trinken und mit dem Präsidenten einen Kaffee. In Momenten des großen Jubels zieht er sich gerne zurück.

          Mittlerweile ist zwar wieder Alltag eingekehrt, die ersten Bundesligaspiele sind erfolgreich absolviert, doch die Energie ist geblieben. „Er hat wieder viel positiven Schwung mitgebracht“, berichtet der Nationalspieler David Sossenheimer über die schier unerschöpflichen Reserven seines Trainers, der nach dem WM-Sieg gerade mal zwei Tage Urlaub bei seiner Familie in Belgien einlegte, ehe er wieder zum Vereinstraining antrat. Neben neuer Motivation habe Heynen auch eine erweiterte Spielidee von seinem Ferienjob mitgebracht. Im Gegensatz zur bisher bevorzugten Taktik, die auf Sicherheit ausgelegt war, fordere Heynen nun mehr Risiko. Nur wer wagt, gewinnt.

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