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Weltklasse-Spieler Grozer : Der Dirk Nowitzki des Volleyballs

Für Deutschland mit Wucht am Netz: Georg Grozer (rechts) Bild: AFP

Georg Grozer ist ein Phänomen. Der 35-Jährige will die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft noch einmal zu Olympia führen, dann ist Schluss. Doch plötzlich herrscht große Sorge um den Ausnahmekönner.

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          „Zu Georg muss man nicht viel sagen. Nur: Guckt euch das Ende vom zweiten Satz an“, sagt Volleyball-Nationalspieler Markus Steuerwald: „Da hat er uns den Arsch gerettet.“ Georg Grozer, der überragende Volleyballspieler Deutschlands, hat, als die deutsche Auswahl in ihrem ersten Spiel der Olympia-Qualifikation in Berlin am Sonntag gegen Tschechien den zweiten Satz zu verlieren drohte, mit sieben erfolgreichen Aufschlägen nach einander die Partie gedreht: von 18:22 zum Satzgewinn mit 25:22 und schließlich einem glatten 3:0.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und beim 3:0 über Belgien am Montagabend spielte er wieder herausragend, musste aber kurz vor Ende des dritten Satzes angeschlagen vom Feld und ging später mit dick bandagierter rechter Wade in die Kabine. Jetzt ist man im deutschen Team in Sorge, denn: „Georg ist Georg“, sagt Steuerwald. „Wenn er so spielt, ist alles möglich.“ Wenn er nicht spielt, könnte es eng werden.

          „Ich fühle mich nicht als Star“

          Denn Grozer ist im Volleyball das, was Dirk Nowitzki im Basketball war: ein deutscher Spieler von Weltklasse, Champion der besten Ligen der Welt und von einer Freundlichkeit, die seine spielerischen Fähigkeiten fast noch übertrifft. In Deutschland und Polen, in Russland und China ist er Meister geworden, hat mit seinen Teams die Champions League und die Klub-Weltmeisterschaft gewonnen und gehört derzeit zur hochdotierten Mannschaft von Zenit St. Petersburg. Vor bald sechs Jahren erreichte die Nationalmannschaft dank seiner Schmetterbälle und Aufschläge Platz drei der Weltmeisterschaft. Der Volleyball-Verband zitiert auf seiner Website den einstigen Physiotherapeuten der Nationalmannschaft mit den Worten, einen so athletischen Körper wie den von Grozer habe er noch nie in Händen gehabt.

          Nun kämpft der zwei Meter große Muskelprotz Grozer in Berlin für sein Team um die Qualifikation für die Sommerspiele von Tokio. Danach ist Schluss mit Länderspielen – entweder nach diesem Turnier in Berlin oder, bei einem glücklichem Ausgang, nach Tokio 2020. „Wenn wir ein gewisses Niveau spielen können“, sagt Kapitän Lukas Kampa optimistisch, „haben wir einen wie Georg, der uns darüber hinausbringt.“ Währenddessen steht Grozer mit Engelsgeduld jedem Einzelnen der 4000 Zuschauer in der Schmeling-Halle für Autogramme und Selfies zur Verfügung. „Ich fühle mich nicht als Star“, betont Grozer. „Ich weiß, dass ich schon mehr erreicht habe als die anderen, aber ich fühle mich deswegen nicht als Star. Ich bin ein ganz normaler Spieler wie alle anderen.“

          Auf Olympia-Kurs: Die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft besiegt Belgien.

          Wer das glaubt, sollte hinschauen. Wenn die Mannschaft es ins Halbfinale am Donnerstag und ins Endspiel um den Platz in Tokio am Freitag schafft, wird sie das dem überragenden Außenangreifer zu verdanken haben, der vor 18 Jahren aus seinem Geburtsland Ungarn nach Moers wechselte. Zu seinem Aufstieg im Volleyball gehörte auch, sich aus dem großen Schatten seines Vaters zu befreien. Längst hat der Junior, 35 Jahre alt, von Georg Grozer senior selbst die Charakterisierung als Hammer-Schorsch übernommen.

          „Deutschland hat mir die Möglichkeit gegeben, international zu spielen und mir einen Namen zu machen“, sagt Grozer über die Bedeutung, die das Nationaltrikot für ihn hat. „Alle haben mich aufgenommen, wie ich bin. Das macht mich einfach stolz.“ Nun liegt der Hauch von Abschied in der Luft. Für Grozer und die anderen Veteranen im Team, die in London 2012 schon dabei waren, ist es die letzte Gelegenheit für eine weitere Olympia-Teilnahme. „Jeder von uns ist in dem Alter, dass er diese Chance nutzen möchte“, sagt Grozer. „Viele werden abdanken, und es wird eine neue Generation kommen.“

          Schon einmal hatte Grozer sich aus der Nationalmannschaft zurückgezogen. Bundestrainer Andrea Giani holte ihn vor gut zwei Jahren zurück. In manchen Auszeiten spricht der Italiener allein mit seinem überragenden Spieler. „Er ist ein besonderer Typ“, sagt er. „Es sind nicht nur die großen Aktionen, die ihn besonders machen, sondern auch die Kleinigkeiten. Alle Spieler folgen ihm. Dieser Typ ist unglaublich.“ Kein Spieler sei perfekt, sagt Giani, aber Grozer sei technisch und körperlich herausragend. Und er versuche, durch den Rat des Coaches noch besser zu spielen. Nicht nur mit seinem Spiel wolle er dem Team helfen, sagt Grozer, Vater zweier Töchter. Für die jüngeren Teamkollegen wolle er ein bisschen der Papa sein.

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