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Weltgrößter Breitensporttreff : Deutsches Turnfest sechs Mal teurer als geplant

Ernste Miene zum ernsten Spiel: Frankfurts Sportdezernentin Birkenfeld (CDU) Bild: Wonge Bergmann

Das Internationale Deutsche Turnfest in Frankfurt wird knapp sechs Mal teurer als geplant. Die Veranstaltung, die vom 30. Mai bis zum 5. Juni 2009 stattfinden soll, kostet die Stadt statt der genehmigten 5,14 Millionen Euro bis zu 30 Millionen Euro.

          Das Internationale Deutsche Turnfest wird knapp sechs Mal teurer als geplant. Die Veranstaltung, die vom 30. Mai bis zum 5. Juni 2009 in Frankfurt stattfinden soll, kostet die Stadt statt der genehmigten 5,14 Millionen Euro bis zu 30 Millionen Euro. Sportdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) bestätigte eine entsprechende Information dieser Zeitung. Hauptgrund sei, dass die Frankfurt Messe GmbH entgeltfrei zugesagte Hallen für die größte Breitensportveranstaltung der Welt nur gegen Mietzahlung zur Verfügung stellen dürfe.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dies habe ein Rechtsgutachten des Unternehmens ergeben, das zu 60 Prozent der Stadt und zu 40 Prozent dem Land gehört, erläuterte Birkenfeld. Demnach würde es als verdeckte Gewinnausschüttung gewertet werden, wenn die Messe GmbH die vereinbarten 70.000 Quadratmeter Turnhallenfläche ohne Bezahlung bereitstellen würde. Die Messe GmbH müsse der Stadt deshalb den üblichen Marktpreis von rund zwölf Millionen Euro berechnen. In der Magistratsvorlage ist lediglich die Rede davon, dass sich die Messe im Rahmen des 100. Geburtstags der Festhalle am Deutschen Turnfest „beteiligen wird“. In einem detaillierten, damals nicht veröffentlichten Leistungsverzeichnis dagegen heißt es laut Birkenfeld: „In der Messe werden 70.000 Quadratmeter in Veranstaltungshallen mit der erforderlichen Infrastruktur“ bereitgestellt.

          Kostenträchtige Innenstadtbühnen und Turnmeile

          Zweiter Grund für die Mehrausgaben, die von den Stadtverordneten noch nicht genehmigt sind, seien die Kosten etwa für zwei Innenstadtbühnen, die Turnmeile am Main und die Eröffnungsfeier. Mit deren Organisation solle die städtische Tourismus-GmbH beauftragt werden, wofür weitere sieben bis acht Millionen Euro anfielen. Dieser Betrag tauche in der Magistratsvorlage nicht auf, weil er nur wegen der neuen kaufmännischen Haushaltsführung überhaupt gebucht werden müsse.

          Noch nicht klar ist laut Birkenfeld, wie sich die seit der Bewerbung strengeren Brandschutzauflagen sowie die Detailplanung des Deutschen Turner-Bunds (DTB) für weitere Räume der Saalbau AG auswirken werden. In etwa zwei Wochen werde sie die Summe präzise benennen könne, sagte die Dezernentin. Sie gehe davon aus, dass die Kosten „zwischen 25 und 30 Millionen Euro“ liegen werden. Die Dezernentin verwies darauf, dass die Stadtverordneten 2005 nicht nur die Magistratsvorlage, sondern auch das detaillierte Leistungsverzeichnis bekommen hätten. Daraus wäre nach ihren Worten ersichtlich gewesen, wie teuer die Ausrichtung der Turnfests, für das die Stadt rund 75.000 Teilnehmer erwartet, tatsächlich werden könnte. Zu den städtischen Kosten addieren sich nach ihren Worten noch rund 15 Millionen Euro, die aber vom DTB aufzubringen seien.

          Kämmerer verweist auf damaligen Stand

          Der Vertrag, den das Sportdezernat nach der Genehmigung durch die Stadtverordneten mit dem DTB geschlossen habe, enthalte exakt das, was im Leistungsverzeichnis stehe: „Da ist nichts mehr vereinbart worden.“ Die Frage, warum ihr direkter Vorgänger im Amt, der heutige Kämmerer Uwe Becker (CDU), nicht schon bei einem Pressegespräch Anfang 2007 auf die Mehrkosten hingewiesen habe, beantwortete sie nicht. Becker sagte auf Anfrage, die 5,14 Millionen Euro hätten dem damaligen Stand der Verhandlungen entsprochen.

          Laut Birkenfeld orientierte sich die ursprüngliche Planung an den Kosten für die Organisation eines evangelischen Kirchentags. Es sei aber „ganz klar“, dass beides nicht vergleichbar sei, weil ein Turnfest viel mehr Hallen und Personal erfordere. Birkenfeld verwies auf den ihrer Ansicht nach großen Imagegewinn Frankfurts durch die Ausrichtung. Weiter sagte sie, auch beim jüngsten Turnfest in Berlin 2005 seien die Kosten von 4,8 auf mehr als 22 Millionen Euro gestiegen. Das sei also „nichts Ungewöhnliches“. Von einem solchen Fest profitiere überdies die Wirtschaft der Gastgeberstadt. In Berlin habe im Durchschnitt jeder Teilnehmer 319 Euro und jeder Gast 174 Euro ausgegeben.

          „Vandreike hat kein vernünftig gerechnetes Konzept vorgelegt“

          Der CDU-Fraktionsvorsitzende Markus Frank warf dem zum Zeitpunkt der Vorlage verantwortlichen Sportdezernenten Joachim Vandreike (SPD) vor, 2005 kein vernünftig gerechnetes Konzept vorgelegt zu haben. Wie schon bei der Fehlkalkulation der Kosten für die Fußball-WM sei auch hier „der Rechenkünstler Vandreike am Werk gewesen“. Die Stadtverordneten hätten aber davon ausgehen dürfen, „dass das solide gerechnet ist“, weil Vandreike der Haushaltsklarheit und -wahrheit verpflichtet gewesen sei. Nun müsse geprüft werden, ob die Stadt beim Turnfest „manches günstiger oder einfacher“ machen könne. Frank lobte Birkenfeld dafür, nun alle Kosten zu benennen. Hätte er von der tatsächlichen Summe für die Ausrichtung des Turnfests gewusst, wäre seine Zustimmung „eher unwahrscheinlich“ gewesen.

          Main wird Turner-Treffpunkt 2009

          Nach der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2006 wird Frankfurt im nächsten Jahr abermals Gastgeber eines sportlichen Großereignisses sein. Von 30. Mai bis zum 5. Juni 2009 soll das Internationale Deutsche Turnfest rund 75 000 Teilnehmern und etwa 25.000 Betreuer an den Main locken. Die Stadt ist zum fünften Mal Gastgeber dieser Veranstaltung, die zuletzt 1983 hier stattfand. Die Schirmherrschaft übernimmt Bundespräsident Horst Köhler. Sportdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) stellte am Donnerstagabend dem Ausschuss für Umwelt und Sport das Konzept des Turnfests und die Planung der Stadt vor.

          Die Planer des Turnfests haben die guten Erfahrungen mit der Fußball-WM vor knapp zwei Jahren in die Pläne einfließen lassen. So soll das Mainufer wie im Sommer 2006 auch im Frühsommer 2009 wieder zu einem der wichtigsten Treffpunkte werden. Entlang des sogenannten Maincarées, das zwischen Untermainbrücke und Eisernem Steg entlang beider Flussufer verlaufen soll, erwartet die Besucher auf einer „Turnmeile“ eine Mischung aus sportlichen und kulturellen Angeboten. Für die zahlreichen Partys soll das Maincarée nach der Vorstellung der städtischen Planer ebenfalls erste Wahl sein.

          Das Turnfest 2009 steht nach Birkenfelds Worten unter dem Motto „Frankfurt schlägt Brücken: über den Main, in die Welt und zwischen den Menschen“. Fast in allen Sportstätten der Stadt würden Wettkämpfe und Shows stattfinden, wobei der sportliche Schwerpunkt auf dem Messegelände liegen soll. Die Messe Frankfurt GmbH feiert dort im nächsten Jahr das hundertjährige Bestehen der Festhalle.

          Der Generalsekretär des Deutschen Turnerbundes, Hans-Peter Wullenweber, beschrieb das Turnfest als Veranstaltung, die sehr viele junge Menschen nach Frankfurt locken werde. Bei der jüngsten Auflage im Jahr 2005 in Berlin sei die Hälfte der Besucher jünger als 27 Jahre gewesen. Ein Turnfest biete außerdem nicht nur aktiven Sport, sondern sei auch ein Schaufenster für die Vereinsarbeit.

          Birkenfeld berichtete anschließend über den Stand der Vorbereitungen. Der Stadt sei es besonders wichtig, die Schulen rechtzeitig einzubinden. Sie sollten nicht nur vielen Teilnehmern als Unterkünfte dienen, sondern mit ihren Schülern am Turnfest teilnehmen. So könnten zum Beispiel Projektwochen zum Thema stattfinden. Ältere Schüler würden zudem als freiwillige Helfer benötigt, um das Turnfest optimal organisieren zu können. (caki.)

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