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Weltcup-Finale der Reiter : Hypersensible Pferdebeine und ein hypersensibler Reiter

  • -Aktualisiert am

Nicht fit genug für das Finale: McLain Wards Stute Sapphire in Genf Bild: dpa

Marcus Ehning gewinnt das Weltcup-Finale in Genf, doch den bemerkenswertesten Auftritt legt ein anderer hin: Sapphire, das Pferd von McLain Ward wird vom Weltcup ausgeschlossen – nun protestiert der Springreiter mit allen Mitteln und einem peinlichen Auftritt.

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          McLain Ward fühlt sich unfair behandelt. Dabei hat die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) in der Nacht zum Samstag gar nicht ihn vom Weltcup-Finale der Springreiter in Genf eliminiert, sondern sein Pferd. Der Amerikaner benimmt sich zwar wie ein Willkür-Opfer und pocht darauf, dass er nichts Unrechtes getan habe. Das hat die FEI aber auch nicht behauptet.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Etwas ganz anderes ist passiert: Drei voneinander unabhängige Tierärzte haben festgestellt, dass seine 15 Jahre alte belgische Stute Sapphire nicht gesund genug war, um am Sonntag am Finalwettbewerb um den Weltcup teilzunehmen. Die drei erfahrenen Offiziellen Paul Farrington (Großbritannien), Emile Welling (Belgien) und Markus Müller (Schweiz) stellten eine Überempfindlichkeit des linken Vorderbeins fest, das dem Tier Schmerzen verursachte. Ihre einmütige Empfehlung an das Richtergremium, das den Tierärzten denn auch folgte, lautete: „not fit to compete“. Das Finale in Genf wurde anschließend zu einer deutschen Erfolgsgeschichte: Marcus Ehning auf Plot Blue und Küchengirl gewann vor Ludger Beerbaum auf Gotha, der sich den zweiten Platz mit dem Schweizer Pius Schwizer auf Carlina und Ulysse teilte.

          Unterdessen aber gibt sich Ward empört. Hier stehe das Wohl der Pferde und des ganzen Sports auf dem Spiel, verkündete er mit erstickter Stimme. Er sei schließlich ein großer Verfechter des sauberen Sports. Das, worauf er sein ganzes, 34 Jahre langes Leben hingearbeitet habe, werde nun durch einen Akt der Ungerechtigkeit zerstört. Tatsächlich hatte Ward nach zwei von drei Prüfungen in Führung gelegen und es schien, als könne kein Konkurrent mehr den größten Triumph in seiner Laufbahn verhindern. Doch schon am Freitag, zur zweiten Teilprüfung, durfte er nur unter Vorbehalt starten, weil die tierärztlichen Tests ein verdächtiges Verhalten ans Licht gebracht hatten.

          Zeugin der Untersuchung: Die FEI-Präsidentin, Prinzessin Haya von Jordanien
          Zeugin der Untersuchung: Die FEI-Präsidentin, Prinzessin Haya von Jordanien : Bild: dpa

          „Das Pferd zuckte scharf zurück und stampfte auf“

          Zwar ergaben die Aufnahmen mit einer Wärmebildkamera keinen Hinweis auf Entzündungen. Doch beim Abtasten der Vorderbeine stellten die Veterinäre vorne links eine kleine Verletzung fest, etwa einen Zentimeter über dem Kronenrand. Diese Stelle oberhalb des Hufs würde dem Pferd bei der Berührung mit einer Hindernisstange Schmerzen bereiten. „Jedes Mal, wenn wir diesen Punkt berührten, zeigte das Pferd eine deutliche Reaktion“, sagte FEI-Tierarzt Farrington. „Das Pferd zuckte scharf zurück und stampfte auf.“

          Zu diesem Zeitpunkt hätten sich die Richter aber schon an ihren Plätzen befunden und seien nicht mehr erreichbar gewesen. Man sei zwar besorgt gewesen, habe aber die Regularien genau einhalten wollen und Ward deshalb reiten lassen. Die Regeln verlangten zwei Gesundheitschecks, bevor ein Pferd eliminiert werden könne, sagte Farrington.

          Keine Lust auf Solidarität

          Die zweite Überprüfung fand in der folgenden Nacht statt und dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Wieder reagierte das Pferd deutlich empfindlich an der kritischen Stelle. Zeugen dieser Untersuchung waren auch die FEI-Präsidentin, Prinzessin Haya von Jordanien, und Rodrigo Pessoa, Präsident des Internationalen Springreiterclubs. Pessoa, ein Freund Wards, verlangte weitergehende Untersuchungen. Tatsächlich wurden am Morgen Blut- und Urinproben genommen. Bis zum Ergebnis der Doping-Tests bleibt die FEI bei ihrem Statement: Es gebe keine Hinweise oder gar Beweise für ein Fehlverhalten des Reiters.

          Der kämpft weiter gegen Beschuldigungen, die niemand ausgesprochen hat. Aber natürlich weiß auch er, dass jenseits der juristisch gesicherten Grenzen lebhaft über den naheliegenden Manipulationsverdacht diskutiert wird. Zunächst versuchte Ward vergebens, die anderen internationalen Springreiter zu einem Boykott zu bringen. Die Profis allerdings hielten nicht viel von Solidarität mit einem Reiter, der schon früher durch tierquälerisches Verhalten aufgefallen ist.

          Peinlicher Auftritt am Samstagabend

          Außerdem haben gerade die deutschen Reiter keine besonders guten Erfahrungen mit den Amerikanern gemacht. Schließlich war dieser Verband aktiv daran beteiligt, dass bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen die deutschen Vielseitigkeitsreiter und später die Springreiter insgesamt drei Goldmedaillen verloren. Schulterzucken also bei den Kollegen.

          Daraufhin bestrafte Ward das Turnier mit einem peinlichen Auftritt am Samstagabend. Der Amerikaner – der ja nicht gesperrt wurde – ritt ein zum Großen Preis, der nicht zum Weltcup zählte, übersprang drei Hindernisse und verabschiedete sich wieder von den unwissenden Zuschauern. Doch es half nichts. Der Ausschluss des Pferdes Sapphire vom Weltcup in Genf war endgültig, eine Möglichkeit zur Berufung gab es nicht.

          Wards Vater saß drei Jahre im Gefängnis - wegen Tierquälerei

          „Ich bin ein billiges Opfer“, beklagte sich Ward. „Ich weiß, ich habe eine persönliche und familiäre Geschichte.“ Vor elf Jahren, beim CHIO in Aachen, waren bei der Bandagenkontrolle bei seinem Pferd Benetton spitze Plastikstückchen auf den Boden gefallen. Diese scharfen Teile sollten dem Pferd bei der Stangenberührung Schmerzen verursachen und es dazu bringen, die Beine energischer anzuziehen. Ward wurde für sechs Monate gesperrt. „Seitdem bin ich zehn Jahre lang ohne Zwischenfall geritten“, beteuerte er.

          Auf seine gute Kinderstube kann er sich allerdings nicht unbedingt berufen. Sein Vater Barnie Ward wurde Mitte der neunziger Jahre zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er in einen der größten Tierquälerei-Skandale der Vereinigten Staaten verwickelt war. Dabei wurden Pferden die Beine zertrümmert oder ihr Tod arrangiert, um Versicherungsfälle zu konstruieren. Von der Vergangenheit seines Vaters kann sich McLain Ward distanzieren. Von den Tatsachen in Genf dagegen nicht. Auch nicht mit der Feststellung, dass Sapphire in den ersten beiden Weltcup-Prüfungen eine herausragende Leistung gezeigt habe. Schließlich hat das Hypersensibilisieren der Pferdebeine genau dieses Ziel.

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