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Wellenreiten : Eiszeit in Thurso - oder Hawaii auf Schottisch

  • -Aktualisiert am

„Es ist sehr schwer hier, weil die Welle sehr schnell ist und direkt auf Stein knallt” Bild: Roger Sharp O'Neill

Vor der Nordspitze Großbritanniens stürzen sich einmal im Jahr Weltklassesurfer in die eiskalte Brandung. Das Wasser hat nur sechs Grad, aber die Wellen erreichen hawaiianische Ausmaße. Wer einen Fehler macht, landet auf schottischem Stein.

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          Thurso ist ein Ort, der so sehr am Rande liegt, so weit entfernt von allem, dass er Menschen auf ganz eigenartige Gedanken bringt. Zum Beispiel haben die Briten hier 1955 ihre erste atomare Versuchsanlage gebaut, mit der kaum verschwiegenen Absicht, im Falle eines Scheiterns der neuen Technik und einer Katastrophe hier oben an der Nordspitze Schottlands, sechs Autostunden von Edinburgh entfernt, möglichst wenige Opfer zu haben. Thurso hatte damals dreitausend Einwohner, die vorwiegend vom Fischfang lebten. Heute sind es 7500, Hauptarbeitgeber ist noch immer die 1994 stillgelegte Reaktoranlage, deren Rückbau 2032 abgeschlossen sein soll.

          Auch Sportler kamen in Thurso auf eigenartige Ideen. Sie begannen zu surfen, und weil der Ort am 59. nördlichen Breitengrad liegt, kann man nicht sagen, dass die See hier wirklich mollig wäre. Im Winter surfen lokale Größen wie Andy Bain oder Chris Noble schon mal zwischen jenen dicken Eisschollen, die der Thurso River ins Meer drückt, manchmal türmen sich die Wellen so hoch wie an der Nordküste von Hawaii, und die einzigen Zuschauer sind Robben, Seeotter und Delphine. Manchmal sitzt auch Lord Thurso am Fenster seines Anwesens hinter dem Fernrohr und schaut den Wellenreitern zu. Ihm gehört das meiste Land, auch das Felsenriff, vor dem die Wellen brechen, doch die Surfer sind ihm willkommen; seine Familie, sagt er, pflege seit Jahrhunderten "die schöne Tradition, Volksvergnügen nicht zu stören".

          Wie Tiefseetaucher ohne Sauerstoffflasche

          Man könnte sagen, das Meer ist relativ kühl in Thurso, im Frühjahr beträgt die Wassertemperatur um die sechs Grad, und das sind die Bedingungen, unter denen die Highland Open stattfinden, ein Surf-Event der World Qualifying Series (WQS). Weil die Großsponsoren Swatch und O'Neill dafür nicht nur 135.000 Dollar Preisgeld bereitgelegt haben, sondern auch jede Menge Punkte für die Weltrangliste zu gewinnen sind, stürzen sich im Feld der 150 Starter neben Lokalgrößen auch Weltklassesurfer ins eiskalte Wasser.

          Sechs Grad Wassertemperatur wurden bei den Wettkämpfen gemessen

          Die Highland Open finden in diesem Frühjahr zum drittenmal statt, die meisten Teilnehmer wissen, was sie erwartet, sie haben die passende Ausrüstung dabei, das war im Premierenjahr noch anders gewesen. Damals hatte mancher weit gereiste Schönwettersurfer einen veritablen Klimaschock erlitten, die ein oder andere Erfrierung inbegriffen. Jetzt reisen sie mit sechs Millimeter dicken Neoprenanzügen an, mit Schuhen und Handschuhen, manche auch mit Kapuzen aus wärmendem Kautschuk. Wenn sie von den glitschigen Felsen ins Wasser springen, sehen sie aus wie Tiefseetaucher, denen ein verrückter Highlander die Sauerstoffflasche abgenommen und dafür ein Surfbrett in die Hand gedrückt hat.

          Sunny Garcia sucht Anschluss

          Wer die bizzare schottische Surfszene verstehen will, schaut sich am besten Andy Bain an. Er betreibt in Thurso eine Surfschule, bei den Highland Open arbeitet er als "Beach Marshall", er weiß, wo die Wellen sind, wo die gefährlichen Felsen lauern, er kennt hier, sagen sie, jeden Wassertropfen. Und Andy Bain ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was man sich unter einem Wellenreiter vorstellt. Er ist weder braungebrannt noch sonnengegerbt, weder blond noch blauäugig, er hat weder eine Modelfigur noch steht er auf seichte Sonnenuntergangsmusik. Er hat die Figur eines Türstehers, Oberarme wie ein Walfänger, trägt großflächige Tätowierungen und Haare bis über die Brust. Mit der passenden Lederjacke gäbe er einen veritablen Hells Angel ab, aber Andy steht nicht auf Motorräder, er ist Surfer, Thurso-Surfer, und für eine Woche im Jahr schickt er die Stars der Wellenreitszene in schottische Gewässer.

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