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Weitsprung-Europameister Reif : Kopf-Sprünge in den Sand

Ganzheitlicher Ansatz: Christian Reif springt mit Beinen, Körper und Kopf Bild: dpa

Weitsprung-Europameister Christian Reif hat sich seine Selbstsicherheit hart erarbeitet - mit psychologischer Hilfe. Die 8,47 Meter in Barcelona sind dafür ein eindrucksvoller Beleg.

          „Den deutschen Rekord hole ich mir; vielleicht schon in der nächsten Saison“, versprach Christian Reif, als er am Sonntagabend in Barcelona Europameister geworden war. „Sind nur noch sieben Zentimeter.“ Sein Sprung von 8,47 Meter ist der weiteste, der in dieser Saison bisher einem Weitspringer gelungen ist. Da kommen dem 25 Jahre alten Sportstudenten aus Ludwigshafen wie von selbst die 8,54 Meter in den Sinn, mit denen Lutz Dombrowski 1980 in Moskau Olympiasieger wurde.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In Prognosen ist Reif ziemlich gut. Er war kein bisschen aufgeregt, als er bei seinem ersten Sprung übertrat, beim zweiten nur auf 7,87 Meter kam und mit einem schlechten dritten vorzeitig als Zehnter ausgeschieden wäre. „Ich wusste, dass ich acht Meter springen kann“, sagte er. In der Qualifikation zwei Tage zuvor hatte er seine Bestleistung von 8,27 Meter vom Anfang der Saison wiederholt – im letzten Versuch. Da wusste er, dass er sich auf seine Beständigkeit verlassen kann. Er sammle Acht-Meter-Sprünge, erzählt Reif. Als er zum Schluss als Europameister den Zuschauern einen Satz auf glatte acht Meter schenkte, war das sein zweiundzwanzigster.

          Reif wusste in Barcelona, dass er mit 8,27 Meter noch längst nicht die Grenze seiner Leistungsfähigkeit erreicht hatte. Dazu musste er nur eins und eins zusammenzählen. Bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig vor zwei Wochen hatte Reif 8,18 Meter erreicht, obwohl er 17 Zentimeter verschenkte, als er weit vor dem Brett absprang. „Diese 8,35 Meter will ich nun auch regulär haben“, sagte er kurz darauf im Trainingslager in Kienbaum, „am besten im Europameisterschafts-Finale.“ Da wurden es dann zwölf Zentimeter mehr.

          Kopf-Mensch: Europameister Christian Reif

          Paradebeispiel für die DLV-Betreuung

          „Der Sport wäre nicht so schön, wenn nur die Beine und der Körper ihn ausmachen würden“, sagt Reif. „Der Kopf kann aus dem Favoriten einen Verlierer machen und aus einem, der noch nicht so gut ist, den Überraschungssieger.“ Auch seinen Kopf trainiert Reif, sein Selbstbewusstsein hat er sich erarbeitet. Vor drei Jahren sprach er in Heidelberg nach einer Vorlesung den Psychologen und Sportwissenschaftler Hans Eberspächer an. Eigentlich sollte er, das hatte ihm seine Physiotherapeutin aufgetragen, nach Möglichkeiten fragen, Muskelspannung abzubauen. Stattdessen sprach er über seine Aufregung vor den bevorstehenden deutschen Meisterschaften. Der Psychologe machte Reif mit einem einfachen Gedanken deutlich, dass er solchen Ballast nicht brauche. „Er fragte mich, warum Formel-1-Autos keine Anhängerkupplung haben“, erinnert sich Reif. „Da konnte ich mir selbst die Antwort geben. Das Gespräch war so gut, ich wäre am liebsten noch in der Sitzung gesprungen.“

          Reif ist das Paradebeispiel für die Betreuung, die der Verband seinen besten Athleten angedeihen lassen will. Zwei Psychologen gehörten in Barcelona zur Mannschaft, und Reif ist überzeugt, dass die Gespräche mit ihnen ebenso zum Spitzensport gehören wie die Arbeit mit dem Trainer. Ausgerechnet in seiner schwersten Zeit, den von Verletzungen geprägten Jahren 2008 und 2009, als er die Olympischen Spiele und die Weltmeisterschaften Berlin verpasste, verzichtete er allerdings auf einen Psychologen.

          Das war die Zeit, in der sein ganz spezieller Rivale Sebastian Bayer erst bei den Hallen-Europameisterschaften auf die unglaubliche Weite von 8,71 Meter flog und dann mit 8,49 Meter deutscher Meister wurde. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagte Reif damals und richtete sich gedanklich an der Konstanz seiner Sprünge auf. Als sich nun der sprunghafte Bayer nach langer Verletzung erfolglos an der Qualifikation für Barcelona versuchte, merkte Reif an, dass er dagegen sei, ihn ohne Norm mitzunehmen.

          Als Belohnung eine Woche Barcelona

          Gesundheitsmanagement ist das andere Thema, mit dem gerade die Weitspringer die extreme Belastung ihres Sprungfußes – Tonnen lasten beim Absprung darauf – auszuhalten lernen sollen. Reif arbeitet regelmäßig mit einer Physiotherapeutin, kontrolliert und korrigiert sorgfältig jeden Fehler in Haltung und Bewegungsablauf, um sich bloß nicht falsch oder über Gebühr zu belasten.

          Als er bei der Mannschafts-Europameisterschaft in Bergen umknickte, weil er in einem Loch in der Sandgrube landete, war die Zeit gekommen, wieder einen Psychologen zu konsultieren. Auch die Konkurrenz half. Der Amerikaner Dwight Phillips, für den bis Sonntag die drei weitesten Sprünge der Saison zu Buche standen, schrieb Reif im Internet die Nachricht: „Spring 8,50 Meter! Werde Europameister!“ Das ist vorerst vergessen. Reif fliegt nicht mit der Mannschaft nach Hause, sondern belohnt sich für seinen Titelgewinn mit einer Woche Barcelona. Wer sagt denn, dass Europameisterschaften nur etwas für Beine und Körper seien?

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