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Glamour mit Bodenhaftung : Malaika Mihambo ist bereit für den großen Sprung

6,99 Meter: Malaika Mihambo Bild: dpa

Europameisterin Malaika Mihambo findet den einen Zentimeter zur sieben vor dem Komma nicht so wichtig. Sie will herausfinden, „wo meine Grenze ist“. Dabei geht es ihr auch um die „Kunst des Weitsprungs“.

          „Sieben Meter sind nicht mein Ziel“, sagt Malaika Mihambo. „Ich will sehen, wo meine Grenze ist.“ Dabei fehlt ihr nur dieser eine Zentimeter zu der Distanz, die im Weitsprung die guten von den großen Athletinnen scheidet. 6,99 Meter sprang Malaika Mihambo im vergangenen Jahr im Stadion von Weinheim, zwei Monate bevor sie im Olympiastadion von Berlin vor 60.000 Zuschauern Europameisterin wurde. 6,99 Meter sprang sie auch gut fünf Monate nach ihrem bisher größten Erfolg, als sie beim Hallen-Istaf in Berlin vor 12.000 Zuschauern siegte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Malaika Mihambo findet nicht, dass etwas fehlt. „Der eine Zentimeter ist nicht so wichtig“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich das springen kann.“ Schon an diesem Wochenende hat sie bei den deutschen Hallen-Meisterschaften in Leipzig dazu Gelegenheit. Vierzehn Tage später wird sie bei den Europameisterschaften in Glasgow starten. „Ich weiß, dass die nächste Bestleistung, draußen oder drinnen, sieben Meter sein wird oder drüber.“

          Seit Anfang Februar ist die Weitspringerin 25 Jahre alt. Ihre beste Zeit, das steht zu erwarten, wird noch kommen. Ihr Master-Studium in Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg, zwanzig Minuten von ihrem Heimatort Oftersheim entfernt, hat sie ad acta gelegt, wie sie sagt. Erst nach 2020 will sie weitermachen, am liebsten mit Public Policy, der Verbindung von internationaler Politik mit Verwaltung, Recht und Wirtschaft. Das nächste Ziel nämlich sind die Olympischen Spiele in Tokio 2020; ihnen gelten ihr Ehrgeiz und ihre Konzentration.

          Doch mit Training und Wettkampf ist diese Frau nicht ausgefüllt. Klavierspielen ist, seit sie die Musik für sich entdeckt hat, ein Teil ihres Lebens geworden. Und für die Mannheimer Sozialorganisation Starkmacher e.V. hat sie das Projekt Herzsprung initiiert; gesellschaftlich engagierte Athleten wie sie sollen sich miteinander vernetzen. „Man kann junge Sportlerinnen und Sportler dadurch motivieren, dass man einen Wettkampf macht“, sagt sie. „Sich darüber hinaus zu engagieren gibt Sport eine zusätzliche Bedeutung.“ Malaika Mihambo, keine Frage, will die Welt zu einer besseren machen.

          Europameisterin 2018: „Der eine Zentimeter ist nicht so wichtig“

          Doch manchmal wird alles zu viel. So sehr sie sich zurückgesetzt gefühlt hatte, als sie im Winter vor zwei Jahren auf der Treppe stürzte, sich so schwer am Fuß verletzte, dass sie monatelang an Krücken gehen musste und vom Leichtathletik-Verband aus dem Olympia-Kader gestrichen wurde, so dringend brauchte sie im Herbst Abstand von Jubel, Ehrungen und ständiger Aufmerksamkeit. Sie flog, allein und mit Rucksack, nach Indien. „Der beste Urlaub, den ich je hatte“, urteilt sie über die dreieinhalb Wochen in einer anderen Welt. Sie besuchte die Paläste von Jaipur, schlief unter den Sternen der Wüste von Jaisalmer und meditierte in Delhi – „um zu wachsen“.

          Dass die junge Frau nie in eine brenzlige Situation geriet, wie sie erzählt, mag auch damit zu tun haben, dass sie eintauchte in die Anonymität des Landes mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Sie kleidete sich in den dort üblichen Salwar Kamiz aus langer Hose, langem Hemd und Schal. Sie reiste in Überlandbussen. Und sie entschied sich spontan, wann es weitergehen sollte und wohin. „In Deutschland passiert nie etwas, das einen umhaut“, sagt sie. „In Indien habe ich jeden Tag eine Überraschung erlebt.“

          Immerhin bat die Zeitschrift „Vogue“ die Europameisterin zu einem Fotoshooting nach Berlin. Die Bilder, die auf einer Doppelseite der Champions-Ausgabe im Februar erschienen, verbinden den Glamour der Modewelt mit der Bodenhaftung, auf den diese leichtfüßige Springerin so großen Wert legt. Was auf der nackten Haut ihrer Schulter wie Gold-Nuggets glänzt, dürfte Sand aus der Sprunggrube sein. Und unter dem sich hoch bauschenden roten Kleid, das sie im Laufschritt weg von der Kamera trägt, sind von ihr allein Füße und Spikes zu erkennen.

          Nun geht es wieder um Wettbewerb und Bestleistungen. Die Goldmedaille von der Europameisterschaft nennt sie Schnee von gestern. Sie ist bereit für den nächsten Angriff. Wie erst seit dem vergangenen Sommer wird sie nicht mit einem langen, sich steigernden Anlauf, sondern mit einem kurzen Sprint auf die Grube zujagen: „mit Vollgas“. Drei Sprünge jenseits von 6,90 Meter gelangen ihr so bei dem Hallen-Spektakel von Berlin – zum Saison-Einstand.

          Welches Risiko sie dabei eingeht, zeigten die ersten beiden Versuche: übergetreten. Da lag die theoretische Frage nahe, ob sie nicht eine Laser-Messung bevorzugen würde, mit der die Weite vom tatsächlichen Absprung aus bestimmt wird. „Wenn es das gäbe, hätte ich schon ein paar Sieben-Meter-Sprünge“, erwiderte sie. „Es wäre einfacher, aber wäre es auch besser?“ Malaika Mihambo beantwortete ihre Frage selbst: „Die Kunst des Weitsprungs ist auch, den Balken zu treffen.“

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