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Weitspringer Markus Rehm : Der sanfte Sprengmeister

Ein ungeheurer Satz und seine Folgen: Rehm springt bei den Deutschen Meisterschaften 8,24 Meter und die Diskussionen um Inklusion beginnen von vorne Bild: dpa

Ein unerhörter Satz und seine Folgen: Im Fall des behinderten Meisterspringers Markus Rehm wird um Inklusion oder Exklusion diskutiert, um das Wesen des Sports – und die Zukunft der Mensch-Maschinen.

          7 Min.

          Markus Rehm sieht an diesem Morgen nicht aus, als könnte er große Sprünge machen. Auf Krücken kommt er in die Fritz-Jacobi-Sportanlage in Leverkusen. In Trainingshose zwar, aber ohne die Prothese, über die so viel geredet, ja auch gestritten worden ist in diesem Jahr. Der Stumpf seines rechten Beins ist entzündet. Mal wieder. Es ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, die Probleme macht. Das Gewebe über dem Knochen ist zu dünn, um die Belastungen ohne weiteres zu verkraften. Der Karbonschaft der Prothese kann noch so gut angepasst sein, ein bisschen Reibung ist immer. Und dann sind da noch die enormen Kräfte, die beim Absprung auf das Bein wirken, auch dort, wo Rehm vor elf Jahren nach einem Unfall mit dem Wakeboard der rechte Unterschenkel amputiert worden ist. Die entzündete Stelle schmerzt. Kein Training also an diesem Novembertag.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Es sind Momente wie diese, in denen Rehms Riesensatz des vergangenen Sommers erst so richtig Kontur bekommt. Die Verletzlichkeit und Versehrtheit seines Körpers auf der einen Seite, auf der anderen diese sagenhaften 8,24 Meter, mit denen er den deutschen Meistertitel errang - bei den Nichtbehinderten. Es war sein vierter Versuch bei den Titelkämpfen im Juli in Ulm und wurde ein Sprung in eine neue Dimension: Weltrekord im paralympischen Sport, klar. Aber dass Rehm weiter gesprungen war als die gesamte deutsche Elite und obendrein die Norm für die Europameisterschaft in Zürich erfüllt hatte, das war ein unerhörtes Ereignis. Und spaltete die Sportgemeinde. Für die einen war Rehm fortan ein Beispiel dafür, was ein Mensch auch mit einer Behinderung zu leisten imstande ist, einer, der Grenzen überschreitet; an diesem Samstag wird Rehm aller Voraussicht nach zum Behindertensportler des Jahres gekürt (auch wenn er die Teilnahme an der Gala in Köln zugunsten eines Auftritts beim „TV total Turmspringen“ absagte). Für die anderen ist der 26 Jahre alte Leverkusener eine Bedrohung für den Sport. Einer, der sich die Technik zunutze macht und damit die Grenzen der Fairness sprengt.

          Rehms Prothese: natürlich ein Nachteil oder technisch ein Vorteil?
          Rehms Prothese: natürlich ein Nachteil oder technisch ein Vorteil? : Bild: dpa

          Für einen vermeintlichen Revolutionär kommt Rehm allerdings eher sanft daher. Er ist keiner, der lautstark Ansprüche stellt oder gar provoziert. Sondern einer, der sich sehr differenziert und auch eloquent mit der Materie auseinandersetzt und sich dabei auch bewusst ist, dass es ganz verschiedene Perspektiven auf diesen Fall gibt. „Ich will nichts einfordern, was mir nicht zusteht“, sagt er. Als der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ihn vier Tage nach dem Sieg in UIm nicht für die EM nominierte, nahm er das hin. „Wenn ich versucht hätte, mich einzuklagen“, sagt er, „wäre das aus PR-Sicht vielleicht spannend gewesen, aber es hätte der Sache nicht gedient.“ Die Sache: das ist zunächst ein respektvolles Miteinander mit den nichtbehinderten Athleten. „Irgendwie ist es doch das Gleiche, was wir machen“, sagt er. Auf längere Sicht aber will Rehm mehr: Er möchte herausfinden, ob es nicht nur das Gleiche, sondern auch vergleichbar ist. Ob behinderte und nichtbehinderte Athleten auf Augenhöhe gegeneinander antreten können - und dürfen. „Ich wünsche mir, dass wir versuchen, eine Vergleichbarkeit herzustellen, dass wir aber auch ehrlich sind, wenn wir es im Moment nicht können“, sagt er. Man könnte auch sagen: Rehm will es wissen.

          Eine ethische, biomechanische oder diplomatische Entscheidung?

          Vorteil oder nicht: Es ist im Kern dieselbe Frage, die auch schon bei der Debatte um den beidseitig amputierten Prothesenläufer Oscar Pistorius die Sportwelt bewegte. Und auf die es keine eindeutigen Antworten zu geben scheint. Meinungen, Gutachten, Entscheidungen, das schon. Irgendwie muss der Sport ja regeln, was erlaubt ist und was nicht. Aber ob diese Entscheidungen auf einer verlässlichen Basis stehen, ist ein ganz anderes Thema, schon im Fall Pistorius brachten verschiedene Gutachten unterschiedliche Ergebnisse. „Ich weiß nicht: Ist es eine ethische, eine biomechanische oder eine diplomatische Entscheidung“, sagt Rehm über das, was sein sensationeller Satz von Ulm nach sich zog, und den Sport, nicht nur den deutschen, noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

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