https://www.faz.net/-gtl-zi7h

Weitspringer Christian Reif : Fortschritt durch Rückschritt

  • -Aktualisiert am

Die Norm für die WM in Daegu ist geschafft, nun will Europameister Christian Reif in Topform kommen Bild: picture alliance / dpa

Christian Reif arbeitet akribisch an seiner Karriere. So wurde er zu einem Acht-Meter-Springer. Die Norm für die Leichtathletik-WM in Daegu Ende August hat er schon geschafft. An diesem Wochenende folgt der Härtetest bei der Team-EM.

          3 Min.

          Manchmal muss man zwei Schritte zurück gehen, um einen entscheidenden Satz nach vorne zu schaffen. Diese Erkenntnis kam Christian Reif in der vergangenen Woche, und sie bescherte dem Weitsprung-Europameister Planungssicherheit für den Rest der Saison. Beim Meeting in Wesel verkürzte er seinen Anlauf, sprang 8,26 Meter weit und überbot so die A-Norm (8,20) für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Daegu Ende August. Reif schob sich auf den zweiten Rang in der europäischen Jahresbestenliste vor und belegt den ersten Platz in der deutschen Hackordnung.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Die nationale Konkurrenz ist im Weitsprung groß, stellen die Deutschen in dieser Disziplin doch gleich zwei Europameister: Sebastian Bayer in der Halle, Reif im Freien. Man kann allerdings nicht unbedingt behaupten, dass sich die Landsleute gegenseitig aufbauen, um auf große Weiten zu kommen. „Er ist mir eigentlich egal“, sagt Reif über Bayer: „Ich hab genug internationale Konkurrenz.“

          Bei der Team-Europameisterschaft an diesem Wochenende in Stockholm, bei der die deutsche Mannschaft nach dem ersten Tag mit 183,5 Punkten Rang zwei hinter Russland (213) belegt, gibt es nur einen Normplatz für jedes Land und jede Disziplin. Und den belegte im Weitsprung Reif, obwohl er vor seinem Pfingst-Erwachen in Wesel auch nicht recht in Schwung gekommen war. Im November hatte er sich beim Treppensteigen am Fuß verletzt, war danach wochenlang ausgefallen und musste sich erst mühsam wieder aufbauen. Noch beim Diamond-League-Meeting in Oslo drei Tage vor Wesel hatte er sich selbst „ein Chaos aus falschem Anlauf und schlechter Technik“ attestiert, das bei strömendem Regen in einem 7,71-Meter-Hüpfer resultierte.

          Großes Ziel: Christian Reif will den deutschen Rekord von 8,54 Metern brechen
          Großes Ziel: Christian Reif will den deutschen Rekord von 8,54 Metern brechen : Bild: picture alliance / dpa

          „Es war der richtige Sprung zur richtigen Zeit“

          In Stockholm schien nun am Samstag die Sonne, und Reif begann seinen Wettbewerb mit dem kürzeren Anlauf und einem sicheren Satz auf ordentliche 7,94 Meter. Erste Devise: kein Streichresultat produzieren. Im zweiten Sprung landete er bei 8,10 Metern. „Und dann habe ich was ausprobiert“, erklärte er seine beiden folgenden Versuche, die jeweils knapp ungültig waren. „Ich musste was riskieren. Doch ich bin zufrieden mit der Weite.“

          Dummerweise erwischte die Konkurrenz den Balken besser. Der Russe Alexander Menkow gewann mit 8,20 Metern vor dem Schweden Michel Torneus (8,19) und dem Briten Chris Tomlinson (8,12). Für Reif blieb nur der vierte Rang. „Der Platz ist natürlich nicht so toll“, resümierte der 26-Jährige. Aber immer noch besser als 2010 in Bergen. Da belegte er mit 7,80 Metern nur Rang sechs.

          Der fast zwei Meter große Reif ist zwar schon zwei Dutzend Mal weiter als acht Meter gesprungen, doch er besticht eher durch Konstanz denn durch große Ausreißer. Den bislang besten Sprung seines Lebens schaffte er allerdings punktgenau beim größten Erfolg seiner Karriere: 8,47 Meter beim EM-Sieg 2010. „Es war nicht der perfekte Sprung, sondern der richtige Sprung zur richtigen Zeit“, sagt er dazu. Seine Lektion in positivem Denken hat er gelernt.

          „Warum haben Formel-1-Autos keine Anhängerkupplung?“

          Sein Schlüsselerlebnis verdankt er einer Vorlesung beim Sportpsychologen Hans Eberspächer. Der befreite ihn einst von unnötigem geistigen Ballast mit einem einfachen Satz: „Warum haben Formel-1-Autos keine Anhängerkupplung?“ Seitdem macht sich Reif keine „Was wäre wenn?“-Sorgen mehr vor Wettbewerben aller Art. Auch hält er sich nicht mit vermeintlichen Misserfolgen auf, dazu ist er zu sehr fokussiert auf seine kommenden Ziele: Er will deutschen Rekord springen, der seit mehr als dreißig Jahren bei 8,54 Metern steht, und bei der WM in Daegu peilt er eine Medaille an. „Es nutzt ja nichts, die Ziele künstlich klein zu halten, auch wenn ich jetzt hier nur Vierter wurde.“

          Günter Lohre, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ist begeistert von Reifs Ausstrahlung und Karriereplanung: „Es ist beispielhaft, wie professionell er sein Umfeld gestaltet.“ Der stets freundlich auftretenden Sportler hat einen seiner Wohnsitze nach Saarbrücken verlegt, um bei Weitsprung-Disziplintrainer Uli Knapp im dortigen Leistungszentrum trainieren zu können.

          Zwei Schritte zurück, und dann ganz weit nach vorne

          Seinen Studienplatz verschob er von Heidelberg nach Karlsruhe, wo er diesen März sein Studium in Sportwissenschaft und Gesundheits- und Fitnessmanagement mit Erfolg abgeschlossen hat. Seitdem gibt Reif seinen Beruf als „Leistungssportler“ an, doch im kommenden Winter will er wieder als Student einsteigen: Ihm schwebt ein Masterstudium vor, „Sportökonomie könnte ich mir vorstellen“.

          Obwohl er sich selbst als fröhlich und verrückt bezeichnet und sich für alles interessiert, was mit Geschwindigkeit zu tun hat, ist er alles andere als ein Luftikus. „Er ist ein ernsthafter, intelligenter Mensch, der seine Ziele mit Akribie verfolgt“, charakterisiert ihn Lohre. Nach dem Härtetest mit den drei Wettkämpfen in Oslo, Wesel und Stockholm binnen zehn Tagen legt Reif nun eine zweiwöchige Wettkampfpause ein. Am 2. Juli beim Meeting in Langensalza will er dann wieder topfit sein und kündigt eine Saisonbestleistung an. Zwei Schritte zurück, und dann ganz weit nach vorne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abhängig von Energie: Rauchende Schornsteine der ThyssenKrupp Stahlwerke in Duisburg (Archivbild)

          Gesetz gegen Erderwärmung : Entzug für das Klima

          Deutschland giert nach fossilem Brennstoff wie ein Schnapsbruder nach Likör. Berlin plant jetzt den Radikalentzug. Aber wer zahlt die Rechnung?

          Nahostkonflikt : Politik mit Raketen

          Bislang kann sich die Hamas sicher sein, dass Israel keinen Regimewechsel herbeiführen möchte. Umgekehrt haben die Islamisten nun sogar indirekt dafür gesorgt, dass Netanjahu von der jüngsten Eskalation profitieren kann.
          Leider nicht im erforderlichen Maße skalierbar: Bei  Gaildorf in Baden-Württemberg wurde ein Windpark mit einem Pumpspeicherkraftwerk kombiniert.

          Energiewende : Das Problem mit der grünen Grundlast

          Die Verfassungsrichter haben den rascheren Umstieg auf erneuerbare Energiequellen angeordnet. Doch damit verschärft sich ein Problem, das mehr Windräder und Solarparks nicht lösen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.