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Missbrauchsskandal im Turnen : Der Präsident hat nicht nur weggeschaut

  • -Aktualisiert am

Inhaftiert: Steve Penny muss sich veranwtorten. Bild: Reuters

Ein ehemaliger Turnverbandspräsident in Untersuchungshaft: Steve Penny drohen zwei bis zehn Jahre Gefängnis wegen Beweisvereitelung im Missbrauchsskandal im amerikanischen Turnen.

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          Die Aktion hatte den Anstrich einer Verbrecherjagd. Mit Ordnungshütern, die in gepanzerten Fahrzeugen anrückten, um den Gesuchten in dem kleinen Ferienort in den abgelegenen Bergen von Ost-Tennessee nicht nur zu überraschen, sondern ihn „zügig und sicher festzunehmen“, wie ein Sprecher der Behörden hinterher unterstrich. Das Vorhaben gelang. Und so landete Steve Penny, der ehemalige Präsident des amerikanischen Turnverbandes, am Mittwoch im Gefängnis und wartet dort auf seine Überstellung nach Texas.

          Penny war von 2005 bis 2017 der mächtigste Mann in einer Sportorganisation gewesen, die mit ihrem Frauen-Team bei den drei Olympischen Spielen ihre Vormachtstellung unterstrich und neun Goldmedaillen gewann. Er gab als Erster der Führungsriege von „USA Gymnastics“ sein Amt auf, als der Mannschaftsarzt Larry Nassar ins Fadenkreuz geriet und vor Gericht gestellt wurde. Der Mediziner wurde mittlerweile in mehreren Prozessen wegen sexuellen Missbrauchs an über 200 Turnerinnen zu mehr als 60 Jahren Haft verurteilt.

          Vor seinem Rücktritt soll Penny allerdings die ersten verbandsintern erhobenen Anschuldigungen gegen Nassar verschleppt und das FBI mit erheblicher Verspätung eingeschaltet haben. Und er soll einen ganzen Koffer an Beweismaterial aus dem Trainingszentrum der Nationalmannschaft in Texas eingefordert und später am Sitz des Verbandes in Indianapolis beiseitegeschafft haben.

          Peinliches Intermezzo

          Wegen dieser Anschuldigungen wurde er Ende September von der Staatsanwaltschaft in Huntsville/Texas angeklagt und zur Fahndung ausgeschrieben. Seine Anwälte wiesen den Verdacht am Mittwoch zurück und beschwerten sich über die Festnahmeaktion. Penny, der im Sommer in einer Anhörung im Senat in Washington die Aussage verweigert hatte, sei mit seiner Familie in den Ferien gewesen und habe gar nicht gewusst, was gegen ihn vorliege. Sollte der 54-jährige Marketingspezialist schuldig gesprochen werden, droht ihm eine Haftstrafe von zwei bis zehn Jahren.

          Die Nachricht von der Verhaftung folgte nur Stunden nach dem Ende eines peinlichen Intermezzos rund um die Witwe des ehemaligen Pop-Stars und späteren Politikers Sonny Bono („Sonny & Cher“). Mary Bono, die nach dem Tod ihres Manns in seinen Fußstapfen jahrelang für die Republikanische Partei im Repräsentantenhaus in Washington saß, hatte den Zuschlag erhalten, den angeschlagenen Turnverband als Interimspräsidentin zu leiten. Der Posten war frei geworden, nachdem Pennys umstrittene Nachfolgerin Kerry Perry nach nur neun Monaten Amtszeit zurückgetreten war.

          Der Arzt Larry Nassar wurde für seine Taten verurteilt.

          Bei der Personalentscheidung übersah der Vorstand allerdings nicht nur, dass Bono im September eine Werbekampagne des Sportausrüsters Nike mit dem Football-Profi Colin Kaepernick kritisiert hatte. Mindestens ebenso kontrovers ist ihre Rolle als Lobbyistin auf der Gehaltsliste eines Ablegers jener Anwaltskanzlei, die jahrelang für den Turnverband gearbeitet hatte. Recherchen der Zeitung „Indianapolis Star“, die den Nassar-Skandal aufgedeckt hatte, ergaben, dass ein Anwalt der Sozietät dabei geholfen hatte, vor den Olympischen Spielen von Rio positive Leumundsbezeugungen über den Arzt zu besorgen, obwohl zu jenem Zeitpunkt bereits deutliche Hinweise über seine Missbrauchshandlungen vorlagen.

          Bono geriet ins Kreuzfeuer, als Simone Biles – vierfache Olympiasiegerin von Rio, Nassar-Opfer und Werbepartnerin von Nike – ihre Ernennung in einem ironischen Tweet thematisierte: „Es ist ja nicht so, dass wir einen intelligenteren Turnverbands-Präsidenten oder irgendeinen Sponsor oder sonstwas brauchen.“ Als die Entrüstung um ihre Nominierung nicht abebbte, verzichtete Bono auf den Posten.

          Der Job als Galionsfigur des Verbandes wird bestens vergütet. Penny etwa verdiente eine knappe halbe Million Dollar im Jahr. Ein Phänomen, das unter dem Dach der per Gesetz dem amerikanischen Nationalen Olympischen Komitee unterstellten Sportföderationen an der Tagesordnung ist. Professor Roger Pielke von der University of Colorado in Boulder, ein Experte in Fragen des amerikanischen Sports und seiner Organisationsstrukturen: „Sie gehören zu den bestbezalten Managern unter allen gemeinnützigen, steuerbefreiten Organisation im ganzen Land. Nicht nur im Sport.“ Nur acht Prozent der Einnahmen des NOK landen bei den Aktiven.

          Weshalb in den vergangenen Monaten Stimmen im Kongress laut wurden, das Gesetz über die Organisationsstruktur der olympischen Sportarten zu reformieren und einen Passus einzuführen, den es bislang nicht gibt: Sollten Verbände ihren Sonderstatus missbrauchen, soll ihnen die Steuerbefreiung entzogen werden können.

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