https://www.faz.net/-gtl-9xvrz

WM-Kandidatenturnier : Schach matt durch Corona

  • -Aktualisiert am

Vorerst vom Brett: Fabiano Caruana und seine Mitstreiter müssen das WM-Kandidatenturnier unterbrechen. Bild: EPA

Mit dem WM-Kandidaten-Turnier in Jekaterinburg wird auch die letzte bedeutsame Sportveranstaltung, die während der Corona-Pandemie noch lief, unterbrochen. Wie geht es nun weiter?

          3 Min.

          Von diesem Freitag an steht der internationale Flugverkehr in Russland still. Die Chartermaschine, die am Donnerstag um 23 Uhr Ortszeit von Jekaterinburg aus mit Spielern, Trainern und Offiziellen Richtung Amsterdam abheben sollte, könnte für einige Zeit einer der letzten Flüge von Russland ins Ausland gewesen sein. Einige der acht WM-Kandidaten wurden gestern von einer Mitteilung des Weltschachbunds (Fide) geweckt. Die für 16 Uhr Ortszeit angesetzte achte Runde fiel aus. Jeder solle bitte umgehend seine Sachen packen. So endet die letzte bedeutsame Sportveranstaltung, die während der Covid-19-Epidemie noch lief. Als Hauptgrund für die Unterbrechung des WM-Kandidatenturniers gab die Fide an, dass es unmöglich gewesen wäre, zu einem späteren Termin eine sichere Heimreise zu garantieren, und man könne die ausländischen Spieler ja nicht auf unbestimmte Zeit in Russland festhalten. Wann und unter welchen Umständen die Ermittlung eines Herausforderers für Schachweltmeister Magnus Carlsen fortgesetzt werden soll, ist ungewiss.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Das Turnier ist nicht vorbei, sondern gilt als unterbrochen. Sieben Runden sind absolviert, jeder hat einmal gegen jeden anderen gespielt. Sieben Runden mit jeweils vertauschten Farben stehen noch aus. Ist die Hälfte eines Wettbewerbs absolviert, gilt das Resultat, selbst wenn Teilnehmer danach aussteigen. So steht es im Regelwerk der Fide. „Alle möglichen Szenarien wurden mit den Spielern vorher besprochen. Sie wussten im Voraus, dass das Turnier unterbrochen und später fortgesetzt werden kann“, teilt der Fide-Marketingchef David Llada mit. Wäre es nach Teimur Radschabow oder Wang Hao gegangen, hätte der Wettbewerb von vornherein verschoben werden müssen. Radschabow verzichtete auf eine Teilnahme und wurde durch Maxime Vachier-Lagrave ersetzt. Wang Hao reiste widerwillig an und schimpft nun, dass ihm in China zwei Wochen Quarantäne drohen. Darum wollte er die Rückreise lieber nach Japan antreten, wo er wegen der Covid-19-Pandemie auch schon vor dem Turnier gestrandet war. Ausgerechnet der niederländische Teilnehmer Anish Giri wartete die Chartermaschine nach Amsterdam nicht ab, sondern ist mit dem nächsten Flugzeug nach Moskau aufgebrochen.

          Alexander Grischtschuk hatte nach den ersten Runden für eine Unterbrechung plädiert, weil es unmöglich sei, sich auf Schach zu konzentrieren. An Fabiano Caruana zehrte die Sorge, wie er in die Vereinigten Staaten zurückkäme. Jan Nepomnjaschtschi erklärte sein Husten von Runde sechs an so: „Die ganze paranoide Atmosphäre trägt nicht dazu bei, sich gesund zu fühlen.“ Alle Spieler und Helfer mussten zweimal täglich zur medizinischen Untersuchung auf Zimmer 708. Zuschauer und Presse waren nicht zugelassen.

          „Es war richtig, das Turnier zu beginnen, weil wir die Risiken kontrollieren konnten, und die ersten sieben Runden liefen auch reibungslos“, wird Fide-Präsident Arkadi Dworkowitsch von „Chess.com“ zitiert. Dass die Spieler unter den Umständen litten, verstehe er, aber das sei im Sport nicht außergewöhnlich. „Als Weltschachbund müssen wir reale Risiken bewerten und Maßnahmen für Sicherheit und Gesundheit setzen, statt Entscheidungen aufgrund psychologischer Motive zu treffen.“ Dworkowitsch war bis vor zwei Jahren stellvertretender Ministerpräsident Russlands.

          Vor dem Turnier galten Covid-19-Infektionen in Russland offiziell als Einzelfälle. Als sich vorige Woche im Moskauer Zentralschachklub die besten Spielerinnen Russlands zum traditionellen Schaukampf „Blondinen gegen Brünette“ trafen, war nur das Publikum ausgeschlossen, und die aus der Schweiz angereiste Alexandra Kostenjuk trug freiwillig einen besonders kecken Mundschutz. Während der siebten Runde des Kandidatenturniers rief Präsident Wladimir Putin die Russen auf, zu Hause zu bleiben, und erklärte die kommende Woche zum bezahlten Urlaub auf Staatskosten. Zur Eindämmung des Virus als Staatsräson passte das letzte Schachturnier nicht mehr.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Die Unterbrechung erhöht tendenziell die Chancen der mit je 4,5 Punkten führenden Vachier-Lagrave und Nepomnjaschtschi gegenüber den einen Punkt zurückliegenden Caruana, Giri, Grischtschuk und Wang. Der Zeitdruck zur Veranstaltung der zweiten Turnierhälfte hält sich in Grenzen. Gebraucht wird der Herausforderer erst an Weihnachten, vorausgesetzt, die Weltausstellung Expo in Dubai und der in ihrem Rahmen geplante WM-Kampf kann dann überhaupt stattfinden.

          Viele Schachvereine und Verbände verlegen gerade Turniere ins Internet. Das gilt auch für die Fide, wie Marketingdirektor Llada bestätigt: „Wir prüfen alle Möglichkeiten, denn mit dieser Pandemie sind wir auf unbekanntem Territorium. Aber wenn es um den WM-Zyklus geht, lautet der Plan, dass am Brett gespielt wird.“ Die Gefahr, mit Hilfe von Computeranalysen zu betrügen, ist online nämlich deutlich größer als in einem Turniersaal. Computerprogramme sind inzwischen um etwa 1000 Elopunkte höher eingestuft als menschliche Weltklassespieler.

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Die Mainzer Not im Keller wird größer

          1:1 bei Union Berlin : Die Mainzer Not im Keller wird größer

          Der Düsseldorfer Sieg passt dem FSV gar nicht ins Konzept im Kampf gegen den Abstieg. Trotz eigener Führung und langer Überzahl gelingt den Mainzern dazu bei Union Berlin nur ein Unentschieden.

          Topmeldungen

          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.