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Deutscher Radprofi beim Giro : Ackermann, der Senkrechtstarter

  • -Aktualisiert am

Sieg bei der zweiten Etappe, Podest bei der dritten: Pascal Ackermann trumpft derzeit beim Giro d’Italia auf. Bild: AP

Giro-Debütant Pascal Ackermann zeigt nicht nur bei seinem Coup in Italien Klasse und Reife – das spricht für seine rasante Entwicklung als Rad-Sprinter. Was macht den Deutschen so stark?

          Pascal Ackermann ist in den vergangenen Monaten häufig gefragt worden, ob er langsam Druck verspüre. Jetzt, da er flügge geworden ist im Peloton. Wo seit seinem internationalen Durchbruch im vergangenen Jahr schon einige Siege zusammengekommen sind. Wo er als Sprinter eine Menge Last zu schultern hat im Team Bora-hansgrohe, das sich bis zur Zielgeraden ganz für ihn ins Zeug legt. Ackermann wiegelt dann stets höflich ab, verweist auf seine Jugend und sein lockeres Wesen, das Stressresistenz quasi von Natur aus beinhalte.

          Mit 25 Jahren gehört man im Radsport noch zu den Heranwachsenden. Zumal die deutsche Mannschaft dem langfristig gebundenen Ackermann ein langsames wie zielführendes Aufbauprogramm verschrieben hat – bis zu diesem Frühjahr ohne Einsatz bei einer der drei großen, zehrenden Landesrundfahrten. Seit zwei Wochen ist nun sozusagen Erntezeit. Der Sieg beim traditionsreichen Rennen Eschborn–Frankfurt am 1. Mai wurde zu einem Schwungrad. Daraus resultierte ein noch größerer Coup – der Gewinn der zweiten Etappe des Giro d’Italia. Wie Ackermann der Sprintelite nach 205 Kilometern von Bologna entlang des Apennins bis Fucecchio davonspurtete, das hatte Klasse. Und es sprach für seine Reife. Ein Rennfahrer, der sich offensichtlich schnell entwickelt – und am Montag auf der dritten Etappe Dritter wurde.

          Ackermann genoss zwar die volle Unterstützung der seit Wochen hervorragend aufgestellten Equipe Bora-hansgrohe – Teamkollege Peter Sagan sorgte bei der Kalifornien-Rundfahrt für den zweiten World-Tour-Erfolg am selben Tag. Doch wie er als Giro-Greenhorn diesen Massensprint anging, durchzog und abschloss, wie er Instinkt, Timing und Kraft paarte, dürfte die etablierte Konkurrenz unter den schnellen Männern schwer beeindruckt haben.

          Im Ziel empfand Ackermann pure Freude. Er war überwältigt. „Ich bin überglücklich. Du weißt nie, was passiert bei deiner ersten Grand Tour. Das war meine erste Chance auf einen Etappensieg, und wir haben es großartig gemacht“, sagte er, dem bis vor kurzem allein seine Zugehörigkeit zum Kreis der Sieganwärter wie eine große Abenteuerfahrt vorgekommen war. Kumpel und Anfahrer Rudi Selig packte Ackermann im Ziel mit beiden Händen und rief ihm zu: „Du bist der Geilste, Alter!“ Auf der Bühne nahm der Sieger einen tiefen Schluck aus der riesenhaften Champagnerflasche und kündigte an, dass er und das Team nun besonders motiviert seien für die nächsten Tage dieser 102. Ausgabe des Giro.

          Im Winter nach seinem mit neun Siegen erfolgreichen Jahr 2018 vereinbarte Ackermann mit Ralph Denk, dem Teammanager bei Bora-hansgrohe, dass die Zeit reif sei für seine erste Grand Tour. Dem Sprinter war klar, dass er nicht auf den „Welpenschutz“ würde zählen dürfen, der anderen jungen Debütanten zuteilwird: nämlich erst mal unter dem Radar strampeln, sich vertraut machen mit den Gepflogenheiten bei einem der Saisonhöhepunkte. Als Sprint-Ass einer der stärksten Formationen im Rennzirkus galt es, zu liefern. Zumal Ackermann anstelle des arrivierten Teamkollegen Sam Bennett in die Giro-Formation berufen worden ist. Der Ire, der beim Giro 2018 gleich drei Etappen für sich entscheiden konnte, war verständlicherweise nicht erfreut über die Entscheidung. „Mindestens ein Etappensieg“, lautete also Ackermanns Ziel vor der Reise ins Ungewisse – drei Wochen Höchstbelastung über 3578 Kilometer und mehr als 40.000 Höhenmeter.

          Dieses Ziel hat er nun am Tag nach dem Prolog bei erstbester Gelegenheit schon erreicht. Und weitere Teilstücke folgen in dieser ersten Woche des Giro, die auf eine Sprintankunft ausgelegt ist. Ackermanns großes Plus ist, dass er zwar Spurtspezialist ist, aber auch gut über die Berge kommt, wie er auf der Taunusschleife bei Eschborn–Frankfurt bewiesen hat. Das ermöglicht ihm auch Chancen bei Etappen auf welligem Terrain. Teameigner Denk bescheinigt Ackermann, eines der „herausragenden Talente im Radsport“ zu sein.

          Allerdings scheint Ackermann gerade im Schnelldurchlauf den Talent-Status abzustreifen. Der Generationenwechsel im deutschen Radsport ist in vollem Gange. Deutlich zu erkennen auch daran, dass der jahrelang beste deutsche Sprinter Marcel Kittel erschöpft und frustriert eine Auszeit vom Rennbetrieb nimmt – während Ackermann beim Giro gleich groß herauskam. André Greipel fährt im Schlussbogen seiner Karriere hinterher; John Degenkolb hat in diesem Jahr kaum Topergebnisse vorzuweisen; Tony Martin ist in seinem neuen Team mehr in einer Helferrolle. Dafür ist in diesem Frühjahr der starke 1994er-Jahrgang mit Maximilian Schachmann, Nils Politt und Ackermann in die Bresche gesprungen. „Abgelöst haben wir die Alten nicht. Wir sind aber junge, ambitionierte Fahrer, die nachrücken. In ein, zwei Jahren kann man sagen, ob wir den Generationenwechsel geschafft haben“, sagte der neue deutsche Topsprinter Ackermann. Doch das war vor seinem großen Tag in Fucecchio.

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