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Was Hand- und Basketballer verdienen : Für eine Handvoll Euro

Zwischen 6500 und 18.000 Euro brutto springt für einen Nationalspieler wie Hens heraus Bild: dpa

Trainieren wie in der Fußball-Bundesliga, kassieren wie ein Regionalliga-Kicker: Wer im Handball und Basketball 15 Jahre in der Oberklasse durchhält, der könnte sein Häuschen abbezahlt haben. Gutklassige Ausländer greifen schon für 2500 Euro zu.

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          Und, was willst du werden? Klose! Natürlich. Das war im Sommer. Inzwischen spielt sich Dirk Nowitzki wieder in den Vordergrund. Allerdings scheint Pascal Hens aus naheliegenden Gründen en vogue. Die Stimmung mag schwanken zwischen Basketball-Star drüben und Handball-Weltmeister hier, aber der Berufswunsch unter sportbegeisterten Pennälern abseits der Bolzplätze ist fixiert: Profi, da braucht man nicht nachrechnen, ein Traumjob.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Donnerstag, 14.30 Uhr. Jan-Olaf Immel kommt von der Schule zur Sporthalle. Vom Dienst zum Dienst. Erst schwitzt er zweimal pro Woche als Diplomsportlehrer am Wiesbadener Elly-Heuss-Gymnasium, dann als Spieler des TV Großwallstadt. Er spricht von Disziplin, dass man sich zusammenreißen muss, wenn beides gehen soll. Muss. Handball ist ein Traum für Immel, den Olympiazweiten, Europameister; aber keine Goldgrube. Wer spielen will, sollte rechtzeitig zu denken beginnen, um nach dem letzten Wurf am Zug zu bleiben.

          Alltagskreislauf: trainieren, reisen, spielen

          Also hat Immel studiert. Früher, mit einer Trainingseinheit am Tag, ging es noch leicht, spielend. Heute, mit täglich zwei Einheiten, ist es eine Kunst: erst den Trainer überreden, dann den Finanzvorstand, schließlich den Dozenten: „Dann geht es“, sagt Immel, „wenn auch sicher nicht in der Regelstudienzeit. Man verdient gutes Geld und kriegt noch was für später hin.“ Die Regel ist das nicht. In den großen Klubs, die neben der Bundesliga noch in der Champions League ihr Glück versuchen, bleibt den Spitzenspielern kaum Zeit für eine berufsbildende Nebenbeschäftigung. Weil der Alltagskreislauf rundschleift: trainieren, reisen, spielen, trainieren. „Deshalb steht in den Verträgen auch drin, dass jede Nebentätigkeit genehmigt werden muss“, sagt Spielerberater Wolfgang Gütschow. Studium inklusive.

          Pascal Roller: „Im Ausland kann ich das Dreifache verdienen”

          Zwar kümmern sich die Vereine mehr oder weniger gut um eine Berufsausbildung für ihre Zwanzigjährigen. Danach aber heißt es: Trainieren wie ein Fußballprofi, kassieren wie ein guter Regionalliga-Kicker. Zwischen 6500 und 18.000 Euro (brutto), so die „Sport-Bild“, verdienen Handball-Nationalspieler pro Monat. Agent Gütschow hält die Angaben für realistisch. Ein durchschnittlicher Profi, sagt er, erhält etwa 10.000 Euro brutto. Macht, bei Steuerklasse III, 6500 bis 7000 netto. „Wenn einer 15 Jahre durchhält“, fügt Gütschow hinzu, „dann sollte er ein Haus gekauft und abbezahlt haben.“ Blüm hätte doch recht gehabt: Die Rente wäre sicher.

          Gute Ausländer kommen für 35.000 Euro brutto

          Vielleicht steckt noch mehr drin. Die jungen Weltmeister spüren schon einen Mehrwert. Lars Kaufmann berichtete von Angeboten, die dreimal höher waren als sein Gehalt in Wetzlar. Spielerberater Gütschow registrierte schon vor der WM die Bereitschaft potenter Klubs, für große Ziele auf der europäischen Bühne mehr zu investieren: „Das Kapital ist da, aber die Spieler nicht. Ich könnte vier für den Rückraum links sofort unterbringen.“ Wenn das keine Perspektive ist, etwa beizeiten vom Basketball zum Handball zu wechseln. Linke Flügelmänner mit starkem Zug zum Korb gibt es wie Sand am Meer. Seit der radikalen Öffnung der Grenzen für Spieler jeder Nationalität ist der Lebensstandard für die Nowitzkis der zweiten und dritten Kategorie hierzulande deutlich gesunken.

          Man spielt nicht unbedingt schlechter in der Bundesliga, aber mehr für weniger Geld. Gute Ausländer greifen für rund 35.000 bis 85.000 Euro (netto) nebst Wohnung und Auto pro Jahr zu. Und sind so stark, dass sie Deutsche mehrfach aufwiegen: „Ich bekomme für einen Nationalspieler zwei bis drei Amerikaner von gleicher Qualität“, sagt der Leverkusener Manager Otto Reintjes. Und so hat eine Landflucht eingesetzt. Das Gros der Nationalspieler wirft und dribbelt im Ausland. „Es geht sicher nicht nur ums Geld“, sagt der frühere Frankfurter Aufbauspieler Pascal Roller, „aber in Italien oder Spanien kann man das Dreifache verdienen.

          „Das Ergebnis ist denen egal“

          „Einen Spieler vom Format Demond Greene, der geschätzte 250.000 Euro brutto erhalten soll, leisten sich allenfalls Bundesligagrößen wie Alba Berlin. Der Rest des deutschen Nachwuchses zwischen den Körben schaut sich die Bundesligapartien überwiegend von der Bank aus an: Die zehn Begabtesten im Alter bis zu 24 Jahren kommen auf Einsatzzeiten von durchschnittlich zehn Minuten, also auf ein Viertel der Spielzeit. Selbst Johannes Herber gehört dazu, ein Nationalspieler und WM-Teilnehmer. Dessen Handballkollegen sind in diesem Alter schon deutlich weiter. Michael Kraus darf sich nicht nur Weltmeister nennen. Der 23 Jahre alte Spielmacher übernahm auf dem Weg zum Titel spielentscheidende Verantwortung.

          In Leverkusen bieten sich jungen Basketballspielern Perspektiven für das Leben nach dem Sport. Bayer macht's möglich. Das Risiko ist kalkulierbar. Doch Bayer ist nicht überall. In ganz Deutschland aber klopfen Profis aus aller Herren Ländern an, die notfalls bereit sind, das Trikot für eine Handvoll Dollars (2500 Euro) überzustreifen. Allerdings nur für kurze Zeit. Denn die Bundesliga dient ihnen als Sprungbrett. Wer hier ein Jahr auffällt, wird in der Regel von den potenteren Ligen in Italien oder Spanien abgeworben. Was nicht unbedingt der Spielkultur dient. „Diese Spieler achten auf ihre eigenen Statistiken“, sagt ein Insider, „das Mannschaftsergebnis ist ihnen egal, solange der eigene Punkte- und Reboundschnitt stimmt.“

          Handball- oder Basketball-Profi? Das will - selbst bei aller Begabung - gut überlegt sein. Immel, der Lehrer und Profi, macht sich keine Sorgen. Die meisten seiner Spieler in der Talentgruppe haben eine „Gymnasialempfehlung“. Kluge Köpfe, die spielen und gleichzeitig noch lernen wollen. Diese Erkenntnis bremst jede kindliche Begeisterung. Zu Karneval, wo man schon mal probiert, was man sein will, flogen Basketball- wie Handballtrikots in die Ecke. Das Rennen machte der Samurai. Da kann man direkt losschlagen - ohne rechnen zu müssen.

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