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Tennisprofi Anderson : Der unscheinbare Siegertyp

Kevin Anderson will beim ATP-Finale erfolgreich sein. Beim Auftaktmatch ist ihm dies schon mal gelungen. Bild: dpa

Kevin Anderson befreit sich von übergroßer Bescheidenheit und Selbstkritik – und spielt im Herbst seiner Karriere verdammt gut Tennis. Beim ATP-Finale kann er nun zum Problem für eine Branchengröße werden.

          Reden wir nicht drum herum: Das spielerische Niveau des ATP-Finales in London hat in den ersten drei Tagen weder dem Status des Turniers noch der Höhe der Eintrittspreise, noch dem Anspruch der Spieler entsprochen. „Furchtbar“, sagte Roger Federer über seine Vorstellung gegen Kei Nishikori und fügte an, dass der Japaner genauso schlecht gespielt habe wie er. „So viele Drecksfehler habe ich noch nie gemacht, das kann ich mir nicht erklären“, grummelte wiederum Dominic Thiem nach seiner Niederlage gegen Federer. Das mit viel Brimborium inszenierte Jahresabschlussturnier in der O2-Arena, das die ATP als große Eigenwerbungs-Veranstaltung anlegt, erhielt bis Dienstag nur dann sportlichen Glanz, wenn der unscheinbarste aller Finalteilnehmer den Schläger schwang.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Kevin Anderson, 32 Jahre alter Südafrikaner, 2,03 Meter groß, hängende Schultern, schlurfender Gang, ausdrucksloses Gesicht, eignet sich nicht für die Vermarktung eines Hochglanzproduktes – aber er spielt einfach verdammt gut Tennis. Nach seinem Auftaktsieg über Thiem nahm er im zweiten Gruppenspiel Nishikori nach allen Regeln der Kunst auseinander und schickte ihn mit 6:0, 6:1 vom Platz. An diesem Donnerstag (ca. 21.00 Uhr) trifft er auf Federer, und der Gewinn eines Satzes würde ihm schon zum Einzug ins Halbfinale reichen.

          Ob Anderson das ATP-Finale gewinnen könne, gegen die hohen Favoriten Novak Djokovic und Federer, wurde der Österreicher Thiem nach seiner Niederlage gegen den Südafrikaner gefragt: „Ganz sicher.“ Unter den Spitzenspielern genießt der Weltranglistensechste, der in London nach den Absagen von Nadal und del Potro auf Position vier gesetzt ist, eine höhere Reputation als in der Öffentlichkeit. Anderson fällt halt nicht auf, weder durch Eskapaden noch durch sein Äußeres, noch durch spektakuläre Schläge oder spektakuläre Ergebnisse. Wobei, das ändert sich gerade im Herbst seiner Karriere. Als er 2017 das Finale der US Open erreichte, war das so etwas wie ein frischer Treibsatz für seine Entwicklung. Zuvor war er sieben Mal nacheinander im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers gescheitert. „Nach New York war ich von mir selbst überzeugt, dass ich es drauf habe, ein Major zu gewinnen“, sagte der bescheidene Südafrikaner am Dienstag. „Das Mentale ist im Tennis genauso wichtig wie das Physische, deshalb arbeite ich jetzt auf beiden Gebieten gleichermaßen.“

          Seitdem zog Anderson ins Endspiel von Wimbledon ein und gewann die Turniere in New York und Wien. Auf seine späten Tage ist noch ein Siegertyp aus ihm geworden, was nur noch fehlt, ist ein ganz großer Triumph. Er fühle sich reif dazu – ein Aussage, die er noch vor einem Jahr nicht zu treffen gewagt hätte. Auch die Feststellung, bei seinem Kantersieg über Nishikori habe er eines der besten Matches seiner Karriere geliefert, wäre ihm vor einem Jahr nicht in den Sinn gekommen. Immer schön zurückhaltend und vorsichtig bleiben, war seine Devise.

          Es ist das Verdienst seines Sportpsychologen und seiner Frau Kelsey, dass sich Anderson aus dem Gestrüpp übergroßer Bescheidenheit und Selbstkritik befreit hat. „Immer nur auf seine Schwächen achten und an ihnen arbeiten kann dich auf den falschen Weg bringen. Man muss auch stolz sein, auf das, was man gut macht. Es kommt darauf an, die richtige Balance zu finden“, sagt Anderson heute. Was er schon immer gut konnte, ist der Aufschlag. Der Schlaks gehört nicht nur zu den schnellsten Beschleunigern der Filzkugel, sondern auch zu den variantenreichsten. Auch Andersons Spiel von der Grundlinie war früh gut entwickelt, und für seine Länge war er schon immer gut und schnell auf den Beinen. „Mein Vater hat schon früh auf meine Beinarbeit geachtet. Das war visionär von ihm.“

          Mit den Jahren eignete sich Anderson auch das Volleyspiel an, und er verfeinerte seine Taktik von der Grundlinie. Aus einem Spieler, der immer den logischsten Ball spielte und danach trachtete, nur keinen Unsinn zu machen, wurde ein Profi, der das Risiko variierte, um den Gegner aus dem Rhythmus zu bringen. Mittlerweile ist Anderson ein kompletter Spieler, der das gesamte Repertoire beherrscht, ohne das ganz feine Händchen eines Federer zu besitzen. „Ich denke, ich kann noch besser werden, es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber ich sehe die Möglichkeiten“, sagt Anderson. Voraussetzung sei allerdings, dass er gesund bleibe. Ein großes Thema derzeit in der Tennisbranche, in der die über 30-Jährigen immer noch dominieren. Der Südafrikaner leidet jedoch unter geringeren Verschleißerscheinungen als Nadal, del Potro, Murray, Djokovic oder auch Federer. Er begann seine Profikarriere erst mit 21, davor spielte er College-Tennis. Anderson ist hochmotiviert. „Ich vertraue jetzt meinem Spiel und ziehe großen Stolz aus meiner Arbeitsmoral. Ich habe noch viel vor.“

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