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Erst Skicross, dann Bahnrad : Die „Olympia-Maschine“ Georgia Simmerling

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Die frühere Skifahrerin und jetzige Bahnradfahrerin Georgia Simmerling (links) mit ihrer Teamkollegin Jasmin Glaesser bei den Olympischen Spielen 2016 Bild: AFP

Nach einem schweren Sturz beendet die Skicross-Fahrerin Georgia Simmerling ihr Karriere im Wintersport. Doch statt dem Leistungssport vollständig den Rücken zu kehren, sattelt die Kanadierin einfach auf einen anderen Sport um.

          Sie weiß, was es heißt, auf der Jagd nach dem großen Erfolg mindestens ebenso große Opfer zu bringen. Vor fünf Jahren zum Beispiel brachen ihr bei einem Sturz drei Wirbel und sie musste sieben Wochen lang in einer Orthese für Hals und Oberkörper verbringen. Beim letzten Rennen der Skicross-Saison vor den Olympischen Spielen landete sie vor einem Jahr nach einem Sprung so hart auf der Piste, dass sie sich in beiden Beinen mehrere Knochen brach. Am linken Knie rissen von der Wucht obendrein die Bänder.

          Viele Athleten würden nach solchen Erfahrungen über den Abschied vom aktiven Sport nachdenken. Nicht so Georgia Simmerling. Sie erklärte im Mai, kaum dass die Ärzte die Schrauben entfernt hatten, nur so etwas wie einen Teilrückzug. Mit Skicross, wo sie in Pyeongchang gute Aussichten auf einen Podestplatz gehabt hätte, sei Schluss. Denn sie habe noch nie – sowohl mental als auch körperlich – so hart arbeiten müssen, um wieder fit zu werden. Aber weil sie gemerkt hatte, dass „positives Denken den Körper füttert und mein Körper darauf reagiert“, beschäftigt sich die Kanadierin seitdem umso intensiver mit einer anderen Sportart.

          Die Ambition kommt nicht aus dem Nichts. Nachdem sie 2016 in Rio mit der kanadischen Mannschaft die Bronzemedaille in der Vierer-Verfolgung auf der Bahn gewonnen hatte, hat sie nun die Spiele von Tokio im Visier. Eine wichtige Zwischenstation sind die Bahnrad-Weltmeisterschaften in dieser Woche im polnischen Ort Pruszkow.

          Bahnradfahren statt Skicross – „Warum nicht?“

          Für das 29-jährige Multitalent wären das bereits die vierten Olympischen Spiele, nachdem sie 2010 in ihrer Heimatstadt Vancouver im Super-G an den Start gegangen war und den 27. Platz belegt hatte. Nach dem Wechsel in die Freestyle-Disziplin Skicross konnte sich Georgia Simmerling für Sotschi qualifizieren und wurde dort Vierzehnte. Im Winter darauf zog sie sich einen Bruch des Handgelenks zu, fühlte sich aber stark genug, auf eine Sommersportart umzusatteln, mit der sie schon länger geflirtet hatte: „Ich hatte einfach diese Idee, nachdem ich in der Jugend bereits so viele Sportarten ausprobiert hatte, und dachte: Warum nicht?“

          Im Unterschied zu anderen Athleten, die erfolgreich zwischen Sommerdisziplinen und Wintersportarten pendelten – wie etwa der Kanadierin Clara Hughes (zwei Bronzemedaillen 1996 auf dem Rad und vier Eisschnelllauf-Medaillen bei insgesamt drei Winterspielen, darunter Gold über 5000 Meter in Turin) oder der DDR-Athletin Christa Luding (Silber im Radsprint 1988 in Seoul, dazu vier Eisschnelllauf-Medaillen bei den drei Winterspielen 1984, 1988 und 1992) –, genoss Georgia Simmerling bei ihrem Schritt die besondere Unterstützung im Sportfördersystem ihres Heimatlandes.

          Denn Kanada sucht seit ein paar Jahren speziell nach Athleten, deren Begabung und Konstitution sie dazu prädestinieren, sich notfalls auch in sogenannten Randsportarten in die Weltklasse vorzuarbeiten. Das Programm ist Teil einer modernen Medaillenschmiede, die unter dem Arbeitstitel „Own the Podium“ läuft.

          „Solche Athleten findest du nicht oft“

          Bahnradtrainer Richard Wooles nahm Georgia Simmerling mit offenen Armen auf, denn er erkannte, dass er mit ihr eine besonders furchtlose Spezies von Sportler vor sich hatte. Die hatte sich, nur eine Woche nachdem sie zum ersten Mal auf einem Bahnrad gesessen hatte, das weder Bremsen noch Schaltung oder einen Freilauf hatte, „in diesen Sport verliebt“. „Solche Athleten findest du nicht oft“, sagte Wooles. Nach etwas mehr als einem halben Jahr hatte Georgia Simmerling den Sprung in den A-Kader geschafft und ihre persönliche Bestzeit im Einzelzeitfahren über 3000 Meter auf drei Minuten und 36 Sekunden gedrückt.

          Sie entdeckte dabei ihre Faszination, die letzten Reserven aus dem Körper zu kitzeln. „Ich habe als Skifahrerin im Fitnessstudio auch hart gearbeitet. Aber im Radsport erreicht das ein ganz anderes Niveau. Beim Skicross kannst du gegen jemanden verlieren, der körperlich in sehr viel schlechterer Verfassung ist als du, weil so viel Glück und Taktik eine Rolle spielt. Radsport ist anders. Wenn du nicht bereits im Training alles gibst, siehst du das im Rennen an den Ergebnissen.“

          Die Rückkehr nach der letzten Verletzung bedeutete allerdings, noch einmal bei null anzufangen. Dennoch klang die Kanadierin hochmotiviert. Beim Bahnrad-Weltcup Ende Januar in Cambridge (Neuseeland) nahm sie zum ersten Mal wieder an einem Wettkampf teil und war ein wichtiger Teil des Teams, das hinter den Gastgebern Zweiter wurde. Dass die Form stimmt, zeigte das Quartett in der ersten Runde mit einer Zeit von 4:15,179 Minuten – nur eine Sekunde langsamer als die Leistung von Rio de Janeiro.

          Auf dem linken Oberarm, auf dem sie sich im Sommer 2017 die olympischen Ringe und die römischen Ziffern XXI und XXII (die laufenden Nummern der Winterspiele von 2010 und 2014) eintätowieren ließ, ist übrigens noch Raum für weitere Zeitstempel. Wenn es so weit ist, wird sie das Resultat vermutlich ebenso auf Instagram ihren Anhängern mitteilen, wie sie das bereits seit einer Weile tut, wenn es um die Bilder von den Wunden und Narben und Szenen aus dem Beziehungsalltag mit Stephanie Labbé, der Torfrau der kanadischen Fußballmannschaft, geht. Georgia Simmerling betrachtet ihr Leben als offenes Buch. Und ihre Einstellung und ihre Erfolge als Ermunterung für andere Frauen, sich mit Haut und Haaren auf das Abenteuer Sport einzulassen. In ihrer Heimat steht die Kanadierin deshalb hoch im Kurs. Die Website snowsportsculture.com zum Beispiel war so beeindruckt, dass sie dieses Etikett erfand: Die Frau aus Vancouver sei „Kanadas Olympia-Maschine“.

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