https://www.faz.net/-gtl-9gx4k

FAZ Plus Artikel Probleme einer Sportart : Hockey auf einem ganz schmalen Grat

Wohin geht die Zukunft des deutschen Hockeys? Die Situation ist derzeit noch ungewiss. Bild: Imago

Mehr Wachstum, mehr Events, mehr Professionalismus: Den Hockeyspielern wird viel abverlangt. Deutschland arbeitet längst „am oberen Ende unserer Möglichkeiten“. Doch weitere Schwierigkeiten stehen bevor.

          Als Jongleur müsste Hockey-Bundestrainer Stefan Kermas überaus begabt sein. Wenn er sich an seine Jahresplanung macht, hat er – bildlich gesprochen – viele verschiedene Bälle vor sich liegen, die er am Ende möglichst alle in der Luft halten muss. Sie sind unterschiedlich beschriftet: Weltmeisterschaft (Feld), Weltmeisterschaft (Halle), Europameisterschaft (Feld), Europameisterschaft (Halle), Feld-Bundesliga, Hallen-Bundesliga, Europäische Hockey League (EHL, Europapokal-Wettbewerb auf dem Feld), Hallenhockey-Europapokal der Landesmeister – all diese Bälle muss Kermas gleichzeitig bewegen, weil in jedem eben Nationalspieler stecken. Und 2019 kommt mit der „FIH Pro League“ der Nationalmannschaften noch ein dicker Ball hinzu. „Die Nationalspieler sind die eierlegende Wollmilchsau, die am besten alles bedienen sollen“, sagt Kermas.

          Für die nächsten drei Wochen ist die Aufgabenstellung für ihn und die Herren-Nationalmannschaft dagegen vergleichsweise einfach. Sie müssen sich ganz auf die Feld-Weltmeisterschaft im indischen Ort Bhubaneswar konzentrieren, die an diesem Mittwoch beginnt. Im Hockey ist derweil vieles, wenn nicht alles in Bewegung geraten, seit das Internationale Olympische Komitee nach den Olympischen Spielen 2012 trotz ausverkaufter Stadien die Gelbe Karte zog und den Sport auf die Liste der vom Ausschluss bedrohten Sportarten setzte. Größer werden, mehr Wachstum, mehr Events, mehr Professionalität, ein Image, das Dynamik verheißt, und vor allem mehr Klicks in der digitalen Welt – das sind die großen Ziele des Welthockey-Verbandes (FIH). Mehr von allem – und so ist es auch die erste Weltmeisterschaft, die mit 16 statt mit 12 Mannschaften gespielt wird, die nun drei Wochen statt 14 Tage dauert.

          Verschiedene Interessen prallen aufeinander

          Ein WM-Turnier am Jahresende war aber seit jeher ein schwieriges Thema für den Deutschen Hockey-Bund (DHB), weil stets verschiedene Interessen aufeinanderprallten. In Deutschland wird dann Hallenhockey gespielt, was im Zuschauerinteresse sogar vor dem Feldhockey liegt und nirgends so intensiv betrieben wird wie hierzulande. Früher ging die Rechnung noch halbwegs auf, weil die Liga auf ihre Stars wartete, aber das ist längst nicht mehr möglich. Auch im Hockey ist wie in vielen anderen Sportarten zu jedem Wettbewerb immer noch ein weiterer hinzugekommen, und kaum wird die WM Mitte Dezember beendet sein, steht schon die neue „FIH Pro League vor der Tür“. Sie beginnt im Februar, und die Nationalspieler, die tatsächlich in beiden Wettbewerben antreten, werden oder müssen in der Hallensaison pausieren, weil man eben nicht auf allen Hochzeiten tanzen kann.

          Unermüdlich: Nationaltrainer Stefan Kermas (Mitte) hat viel zu tun.

          Imaginär jongliert Kermas also auch in Bhubaneswar schon mit mehreren Bällen. „Es sind viele frühzeitige Gespräche mit den Vereinen nötig, und es geht vor allem nur über viele Individuallösungen“, sagt er. Von der Pro League, einem weltweiten Wettbewerb bei Herren und Damen mit neun Mannschaften und einem Spielmodus mit Hin- und Rückspiel, verspricht sich die FIH den großen Durchbruch. Volle Stadien, größere professionelle Strukturen, erstklassige Fernsehbilder – so wird die Pro League ziemlich vollmundig beworben, die aber schon darunter leidet, dass nicht alle Versprechungen eingehalten wurden. Der von der FIH angekündigte Hauptsponsor sprang ab, weil Indien, und damit der größte Hockeymarkt, aus verschiedenen Gründen absprang. Ob die Pro League also auf Anhieb ein Marketingerfolg wird, kann niemand vorhersagen, aber die Absicht, die dahintersteckt, ist erkennbar. Mehr Professionalität ist gewünscht – aber ist das bei denen, die diesen Sport betreiben, überhaupt gewünscht? Und geht die Seele des Spiels, das bislang ohne nennenswerte Skandale ausgekommen ist und sich bei aller Rivalität auf dem Platz durch einen großen Fairplay-Gedanken und viel Respekt voreinander auszeichnet, nicht verloren?

          Die Bundesliga wünscht sich eine Ausgliederung

          Es sind nicht nur diese Fragen, die den Deutschen Hockey-Bund wie zuletzt bei seinem Zukunftssymposion „Überleben in der Weltspitze“ beschäftigen. Die Bundesliga, unzufrieden mit ihrer Außendarstellung durch den Verband, wünscht sich eine Ausgliederung. Entschieden darüber wird im April auf dem Bundestag, wenn Tradition und Moderne mal wieder aufeinandertreffen. Die einen wollen das Image „Amateur“ unter allen Umständen bewahren, die anderen haben ihre Bundesligamannschaft und deren Finanzierung längst in eigene Gesellschaften ausgegliedert. Die Bundesliga hat in dieser Frage keine homogene Struktur, einig sind sie sich aber bei der Forderung, dass die Bundesliga künftig mehr Rechte haben muss bei Rahmenbedingungen wie dem Spielmodus und einer eigenständigen Vermarktung. Der DHB befürwortet diese Idee durchaus und steht trotzdem vor dem schwierigen Balanceakt, seine Hockeyfamilie zusammenzuhalten. Hockey wächst gegen den Trend in jedem Jahr, und die Vereine haben ganz unterschiedliche Nöte und Problemstellungen zu bewältigen.

          Die Spitzenspieler aber sorgt anderes, nicht die Aussicht auf ein paar hundert oder sogar 1000 Euro mehr im Monat. Vereine und Nationalmannschaft zerren im Grunde an ihnen, natürlich in unterschiedliche Richtungen. Hockeyspieler aber kommen aus einem akademischen Umfeld, und dementsprechend hat die Chance auf die bestmögliche Ausbildung absolute Priorität. Die duale Karriere, die Verbindung von Leistungssport und Studium, wird von DHB seit Jahrzehnten intensiv propagiert, aber die Grenzen sind immer noch eng gesteckt. „Ich sehe in Deutschland auf absehbare Zeit keine Entwicklung zum Vollprofitum. Ich glaube nicht einmal, dass es von den Spielern gewünscht wäre“, sagt Kermas. Aber Hockey habe sich weiterentwickelt, und messen müssen sich die Deutschen im internationalen Wettbewerb mit Nationen, die längst mit Berufssportlern antreten. Doch die Aussicht wie in vielen asiatischen Ländern nach einer internationalen Hockeykarriere irgendeinen Job bei einem nationalen Unternehmen zu bekommen, ist in Deutschland weder möglich noch von den Sportlern erwünscht.

          Auch für die deutschen Hockeyspielerinnen, hier nach dem verlorenen WM-Viertelfinale 2018 (links) , ist die persönliche Situation nicht einfach.

          „Es geht darum, dass die Spieler sich fragen: Bis zu welchem Punkt kann ich das parallel machen, und bin ich dann gut genug ausgebildet für mein späteres Berufsleben?“, sagt Kermas, „und deswegen müssen wir primär die Rahmenbedingungen verbessern.“ Es geht um einen leichteren Zugang zu Universitäten, um einen flexibleren Umgang mit Klausurterminen. Wenn die Nationalmannschaft im Februar etwa zu ihrer ersten dreiwöchigen Reise in der Pro League nach Australien, Neuseeland und Argentinien aufbricht, muss Kermas einen weiteren Ball in seine Jonglage integrieren, auf dem in dicken Lettern „Klausurtermine“ steht. „Die Jungs sind sehr gut darin, Schwerpunkte zu setzen, aber häufig haben sie gar nicht die Möglichkeit. Einige strecken ihr Studium, was durch die Bezahlung durch Verein und Sporthilfe für sie vertretbar ist, und mal hat das Studium Priorität, mal Hockey. Aber ein flexiblerer Umgang mit Klausurterminen würde alles erleichtern.“

          Die europäischen Konkurrenten gehen die Herausforderung zum Teil ganz anders an. In England hat der Verband die Nationalspieler aus dem Ligenbetrieb herausgezogen, was aber zu einer drastischen Schwächung der Vereine geführt hat. „Natürlich hilft das, wenn die besten Spieler immer zusammen trainieren, aber den Engländern geht der wöchentliche Wettkampf auf hohem Niveau verloren“, sagt Kermas und fügt entschieden hinzu: „Wir brauchen eine Bundesliga auf hohem Niveau.“ In Belgien trainiert die Nationalmannschaft mehrmals in der Woche zusammen, was aufgrund der geringen Entfernung zum Leistungszentrum in Antwerpen anders als im Großflächenland Deutschland möglich ist. Und in den Niederlanden, wo die Nationalspieler ebenfalls das ganze Jahr über gemeinsame Trainingstage haben, sind die Voraussetzungen grundsätzlich andere. Dort ist Hockey eine der beliebtesten Sportarten und im Fernsehen ähnlich repräsentiert wie die Fußball-Bundesliga in Deutschland. Eine Fernsehsendung mit den Zusammenfassungen aller Spiele der ersten Liga der Herren und Damen und dazu mindestens ein Livespiel bieten den Klubs ganz andere Vermarktungs- und Finanzierungsmöglichkeiten – und den Spielern aufgrund ihres Bekanntheitsgrades und des Netzwerkes zur Wirtschaft später auch ganz andere berufliche Chancen. In deutschen Vereinen sieht die Realität anders aus: Der Nachwuchs kennt zwar die Aufstellung der Fußball-Nationalmannschaft, aber kaum die Asse der eigenen Sportart mit Namen.

          Das Ziel bleibt dennoch klar gesteckt

          Dabei hätten die durchaus viel mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient. Nationalmannschaftskapitän Martin Häner etwa ist das Vorzeigebeispiel einer dualen Karriere – allerdings mit einem Aufwand und einer Disziplin, die jedem Fußballballprofi die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Häner, Olympiasieger 2012 in London und Bronzemedaillengewinner 2016 in Rio, hat „nebenbei“ sein Medizinstudium abgeschlossen – und damit jenes Fach, das wegen seiner Anwesenheitspflicht die unverträglichste Studiumswahl in Verbindung mit Leistungssport ist. Gekostet hat ihn dies rund drei Semester, weil vor allem in Olympiajahren selbst beim besten Willen des Athleten Sport und Studium nicht zusammenpassen. Mitunter hat der Berliner komplett auf eine Hallensaison verzichtet, um an der Universität den verpassten Stoff aufzuarbeiten und Prüfungen nachzuholen. „Leisten“ konnte er sich das, weil sein Verein, der Berliner HC, die Bundesliga als reinen Amateursport betreibt, während sich manche seiner Nationalmannschaftskollegen sorgen mussten und in Zukunft noch mehr sorgen müssen, ob ihnen der Verein nicht die Unterstützung kürzt, wenn sie allein schon wegen der internationalen Karriere auf die für die Klubs lukrativeren Hallentermine verzichten.

          Mittlerweile arbeitet Häner als Assistenzarzt an einem Berliner Krankenhaus mit dem großen Glück, dort auf einen sportaffinen Chef zu treffen. Nach der täglichen Frühschicht von 7.30 bis 16 Uhr wartet am Montag auf den Orthopäden ein Regenerationstraining, am Dienstag ein je anderthalbstündiges Athletik- und Hockeytraining, am Mittwoch steht Sprinttraining auf dem Programm, am Donnerstag wieder zwei 90-minütige Einheiten, am Freitag ein „lockeres Läufchen“, am Wochenende dann die Bundesliga. Der Lohn: Der 30 Jahre alte Berliner reist mit den besten Sprint-Durchschnittswerten seiner Karriere nach Indien.

          „Wir arbeiten am oberen Ende unserer Möglichkeiten“, sagt Kermas. Und mit viel Leidenschaft und Hingabe, um das „Beste aus diesem System herauszuholen“. Für die WM ist der Bundestrainer durchaus nach der Vorbereitung trotzdem optimistisch. „Ich habe gesehen, dass da was passiert ist. Wir sind als Gruppe viel weiter als vor einem Jahr.“ Das Minimalziel bei der von vielen K.-o.-Spielen geprägten WM ist das Halbfinale, die Mannschaft hat sich das Ziel Weltmeister gesetzt. „Es ist ein Tanz auf einem schmalen Grat“, sagt Kermas. Aber das gilt wohl nicht nur für die Tage in Bhubaneswar.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

          Die digitale F.A.Z.

          Zur kompletten Ausgabe

          Jetzt mit F+ lesen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.