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Jan Hoyer : Klettern auf den Olymp

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Nichts für Spezialisten: Im „Olympic Combined“ müssen die Kletterer den richtigen Mix aus Schnellkraft, Maximalkraft und Ausdauer finden. Bild: dpa

2020 wird Klettern olympisch, die Verantwortlichen ließen sich für die Spiele in Tokio eigens ein neues Format einfallen. Die Athleten stellt „Olympic Combined“ vor neue Herausforderungen. Ein Deutscher will sie meistern.

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          Jan Hojer schlief in himmlischer Ruh’. Viele Stunden lang, verteilt über die ersten Tage dieser Woche. Die Kletter-Weltmeisterschaften in Innsbruck steckten ihm noch buchstäblich in den Knochen. In den extrem belasteten Fingern und Händen vor allem, aber auch mental ist der beste deutsche Kletterer selten so auf die Probe gestellt worden wie in Österreich. Das lag nicht allein an der großen Anzahl seiner Auftritte an den Wänden, die ihm die Welt bedeuten. Das lag vorrangig daran, dass die WM die erste echte Leistungsschau gewesen ist mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

          Sportklettern wird als eine von fünf neuen Sportarten im olympischen Programm vertreten sein – zunächst mit einem kleinen Feld von je zwanzig Männern und Frauen. Und zwar in einem neuen Format namens „Olympic Combined“, das schon im Namen trägt, dass es ein neuartiger Kunstgriff ist. Nicht die Kletterdisziplinen Lead (Vorstiegsklettern mit Seil), Bouldern (Klettern in Absprunghöhe) und/oder Speed (mit Seilsicherung auf Tempo) sind olympisch geworden, sondern die Kombination aus allen drei. Quasi von einem Tag auf den anderen haben sich Kletterer wie Hojer, der vom Bouldern kommt, aufgemacht, andere und vielseitigere Athleten zu werden: Generalisten statt Spezialisten.

          Hojer jedenfalls kehrte erschöpft und inspiriert aus Innsbruck heim. Denn seine Bronzemedaille im „Olympic Combined“ vom vergangenen Sonntag ist mehr als nur ein Fingerzeig, dass das Tokio-Ticket nahe liegt. „Bei dieser WM wollten alle herausfinden, wo sie stehen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz und wie die Chancen stehen mit Blick auf Tokio. Olympia ist für mich greifbarer geworden“, sagt der Kölner, der für die Sektion Frankfurt des Deutschen Alpenvereins (DAV) startet, und fügt schmunzelnd hinzu: „Jetzt muss ich das nur noch wiederholen.“ Bei der WM im kommenden Jahr werden die ersten sechs Plätze für Olympia in Fernost vergeben.

          Hojer ist Vollprofi, anders sei es angesichts der Trainingsumfänge in der Weltspitze nicht zu machen. „Ich habe das Glück, von meinem Sport leben zu können. Sponsoren und Preisgelder machen es möglich“, sagt der 26-Jährige. Hojer profitiert davon, dass Klettern in den vergangenen Jahren regelrecht boomte, hierzulande breitensportlich sehr zulegte und viele neue Hallen entstanden sind. Die jedoch meist nur an die Bedürfnisse der Hobbykletterer angepasst sind. So verbrachte Hojer den Sommer wie so viele andere Profis in Innsbruck, diesen Winter wird er häufig in England sein. Und so manchen „Fels-Trip“, wie es in der Szene heißt, einbauen ins Programm. Denn das Klettern draußen in der Natur ist mehr als nur ein schöner Zeitvertreib mit Trainingseffekt, es ist quasi die Essenz dieses Sports, der sich viele verbunden fühlen.

          Hojer fasst Tokio ins Auge

          Für die Mehrkämpfer wie Hojer wird eine Saison nun aber deutlich länger und fordernder angesichts der nötigen Teilnahme an Wettkämpfen und Trainingsextraschichten in allen drei Disziplinen. Schnellkraft, Maximalkraft und Ausdauer – nun ist alles gefragt. Und niemand hat bislang Erfahrung darin, den richtigen Mix zu finden. Hojer scheint ihn in guten Teilen gefunden zu haben. Der 1,87 Meter lange Athlet war im Juli schon der erste deutsche Meister im „Olympic Combined“ geworden. Bei der WM hatte Hojer in den Einzelwettbewerben die Finals verpasst, doch in der Kombination langte es für einen der sechs Startplätze im „Olympic Combined“. Und dank stabiler Auftritte im Speed und Bouldern zur Bronzemedaille. Weil Alexander Megos zuvor Dritter im Lead wurde, erreichte der DAV erstmals in seiner Geschichte zwei Männer-Medaillen bei einer WM.

          Der DAV, der sich noch explizit gegen eine Münchner Olympiabewerbung ausgesprochen hatte, ist nun mittendrin im olympischen Sport. Und geht mit dem erklärten Ziel auf die Reise, zwei Männer und eine Frau nach Tokio zu bringen. Ein ambitioniertes Unterfangen.

          Denn der Erlanger Megos hat noch Nachholbedarf im Bouldern und Speed, und bei den Frauen bringen die Besten aktuell ihr Potential nicht recht an die Wand. Hojer, im Bouldern zweimaliger Europameister und WM-Dritter 2014, hat gute Aussichten, der einzige deutsche Vertreter in Tokio zu werden. An diesem Wochenende hat er beim Boulder-Wettkampf „Adidas Rockstars“ in Stuttgart seinen letzten großen Auftritt der Saison. Dann heißt es wieder: viel schlafen und noch mehr üben. Seitdem es für Klettermaxe wie ihn einen olympische Perspektive gibt, sagt er, „habe ich nie hingebungsvoller trainiert“.

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